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Die einschlägige Hofmannsthal-Forschung der letzten 15 Jahre - ein Überblick

Eine Rezension von Anna Kiniorska-Michel

Dangel-Pelloquin, Elsbeth (Hg.): Hugo von Hofmannsthal. Neue Wege der Forschung. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2007.

Bei dem vorliegenden Titel Hugo von Hofmannsthal. Neue Wege der Forschunghandelt es sich um einen aus zehn Aufsätzen bestehenden Sammelband, herausgegeben von Elsbeth Dangel-Pelloquin. Die stellvertretende Vorsitzende der in Frankfurt ansässigen Hugo von Hofmannsthal-Gesellschaft (HG) bezeichnet den Band in der Einleitung als "Buch der Freunde", da alle zehn AutorInnen ebenfalls Mitglieder der HG sind und auf diesem Gebiet viele Erkenntnisse gebracht haben. Das Buch hat - wie der Vorläufer von 1968: Wege der Forschung. Bd. 183, herausgegeben von Sybille Bauer - zum Ziel, die aktuellen Forschungsrichtungen und -ergebnisse der Gesellschaft zusammenzufassen. 


Den Band eröffnet eine Einleitung der Herausgeberin, in der die Probleme der Hofmannsthal-Forschung über die einzelnen Dekaden des letzten Jahrhunderts geschildert und die Zielsetzung der vorliegenden Aufsatzsammlung von insgesamt 240 Seiten referiert werden. Die Autoren wollen mit ihrer Zusammenarbeit auf die neueren und neuesten Konzepte in den literaturwissenschaftlichen Untersuchungen zu Hofmannsthal eingehen.

Die ausgewählten Aufsätze stammen von Rüdiger Steinlein, Gabriele Brandstetter, Mathias Mayer, Gerhard Neumann, Juliane Vogel, Konrad Heumann, Ursula Renner, Inka Mülder-Bach, David E. Wellbery sowie Sabine Schneider und datieren allesamt auf die Jahre 1991 bis 2005. Sie geben somit einen Überblick über die Forschung zum Leben und Werk Hugo von Hofmannsthals seit dem ersten Sammelband aus dem Jahre 1968. Die je 19-26 Seiten umfassenden Aufsätze sind chronologisch angeordnet. Jeder Text beinhaltet eine Einleitung, die kurz die Zielsetzung des Autors referiert. Anmerkungen befinden sich leider am Schluss des jeweiligen Textes, was den Leser hin und her blättern lässt und eine aufmerksame Lektüre beeinträchtigt.

Unter Anwendung der Diskurs-, der Psychoanalyse und der Gender Studien werden alle literarischen Genres aus Hofmannsthals Ouvre besprochen. Von der Reitergeschichte (1899), über die spätere Poetik um 1907, die Elektra (Uraufführung 1903), Den Rosenkavalier (1910), Den Schwierigen (1917) bis zurück zum Chandos-Brief (1902) finden wir in dem Band einen Überblick über das gesamte Schaffen des Autors. Die AutorInnen verfolgen nicht nur die Grundvoraussetzungen der HG-Forschung aus den 70er und 80er Jahren des 20. Jahrhunderts, sondern betreten gleichzeitig neue Wege. Die in den 1990er Jahren entstandenen Aufsätze orientieren sich an der psychoanalytischen und strukturalistischen Methode. Unter anderem wird das Motiv der Grenzüberschreitung, die Ästhetik des Fragmentarischen und die Intertextualität untersucht (siehe Mayer: 'Die Grenzen des Textes. Zur Fragmentarik und Rezeption von Hofmannsthals Andreas-Roman').

Der herausragendste und interessanteste der Beiträge, der gleichzeitig das im Werk des Autors bislang nicht ausgeschöpfte Thema der Geschlechterrollen anspricht, ist Ursula Renners 'Die Inszenierung von "Geschlecht" im Zeichen der Melancholie. Zu Hofmannsthals Rosenkavalier'. Der Aufsatz fasst die persönliche Beziehung des Wiener Autors mit seiner Mentorin, der vierundfünfzig Jahre älteren Dame, Josephine von Wertheimstein zusammen, um nach einer kurzen Schilderung der Freundschaft des damals achtzehnjährigen Schriftstellers zu der berühmten Salonfrau auf die Geschlechterrollen und Geschlechterbilder in seinem Opernstück Der Rosenkavalier einzugehen. Sie arbeitet sehr aufmerksam und ausführlich mit den Motiven der Grenzüberschreitung, dem des Ödipus-Komplexes und denen der menschlichen Beziehungen. Leider fallen dem Leser einige Tippfehler auf, die aber den Wert des Textes nicht mindern können. Renner leistete mit diesem detaillierten Aufsatz einen hervorragenden Beitrag zur Hofmannsthal-Forschung im 21. Jahrhundert. In dem anschließenden Aufsatz von Mülder-Bach 'Herrenlose Häuser. Das Trauma der Verschüttung und die Passage der Sprache in Hofmannsthals Komödie Der Schwierige' findet man eine ins Detail gehende Analyse des Protagonisten Hans Karl, der vom ‚Draußen‘ des Ersten Weltkrieges im ‚Drinnen‘ der Nachkriegszeit angekommen ist. Aus kulturwissenschaftlicher Perspektive und mithilfe der Psychoanalyse Freuds untersucht die Autorin in dieser Komödie vor allem die Geschlechterrollen sowie auch das Verschüttungstrauma.

Zum Schluss stellt sich die Frage, ob der Band Anspruch auf Aktualität erheben kann, denn 60 Prozent der Aufsätze stammen aus den 1990er und nur vier Texte sind nach 2000 verfasst worden. Wenn man aber bedenkt, dass der Band die neuen Wege der Forschung der Hofmannsthal-Gesellschaft darstellen soll, ist die Behauptung der Aktualität angemessen. Man nehme zum Vergleich den Band aus dem Jahre 1968, als die Diskursanalyse oder die Kulturwissenschaften noch keinen Eingang in die Hofmannsthal-Forschung gefunden hatten. Die Autoren haben hiermit zweifelsohne eine Zusammenarbeit zustande gebracht, die auf wenigen Seiten komprimiert viel aktuelles Wissen vermittelt. Das Buch eignet sich sowohl für den Studienanfänger der Literaturwissenschaft, als Kompendium für die Vorbereitung einer Abschlussarbeit als auch für den Hofmannsthal-Kenner.


Elsbeth Dangel-Pelloquin (Hg.): Hugo von Hofmannsthal. Neue Wege der Forschung. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2007. 240 S., broschiert, 39,90 Euro. ISBN: 978-3-534-19032-4


Inhaltsverzeichnis


Elsbeth Dangel-Pelloquin
Einleitung und editorische Notiz 7

Rüdiger Steinlein
Hugo von Hofmannsthals ,Reitergeschichte‘. Versuch einer struktural-psychoanalytischen Lektüre (1991) 17

Gabriele Brandstetter
Der Traum vom anderen Tanz. Hofmannsthals Ästhetik des Schöpferischen im Dialog ‚Furcht‘ (1991) 41

Mathias Mayer
Die Grenzen des Textes. Zur Fragmentarik und Rezeption von Hofmannsthals ‚Andreas‘-Roman (1994) 62

Gerhard Neumann
"Kunst des Nicht-Lesens". Hofmannsthals Ästhetik des Flüchtigen (1996) 84

Juliane Vogel
Priesterin künstlicher Kulte. Ekstasen und Lektüren in Hofmannsthals ‚Elektra‘ (1997) 100

Konrad Heumann
"Stunde, Luft und Ort machen alles" - Hofmannsthals Phänomenologie der natürlichen Gegebenheiten (1999) 120

Ursula Renner
Die Inszenierung von "Geschlecht" im Zeichen der Melancholie. Zu Hofmannsthals ‚Rosenkavalier‘ (2001) 142

Inka Mülder-Bach
Herrenlose Häuser. Das Trauma der Verschüttung und die Passage der Sprache in Hofmannsthals Komödie ‚Der Schwierige‘ (2001) 163

David E. Wellbery
Die Opfer-Vorstellung als Quelle der Faszination. Anmerkungen zum Chandos-Brief und zur früheren Poetik Hofmannsthals (2003) 186

Sabine Schneider
"Farbe. Farbe. Mir ist das Wort jetzt armselig". Eine mediale Reflexionsfigur bei Hofmannsthal (2005) 213

Siglenverzeichnis 231
Auswahlbibliographie 233
Personenregister 239



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