Benutzerspezifische Werkzeuge

Sektionen

Benutzerspezifische Werkzeuge

Information zum Seitenaufbau und Sprungmarken fuer Screenreader-Benutzer: Brotkrumen-Navigation | Direkt zur Navigation | vertikale linke Navigationsleiste | Website durchsuchen | Direkt zum Inhalt | vor rechter Kolumne mit zusaetzlichen Informationen | Aktionen/Tools: Drucken, Permanent Link, to the English version, zur deutschen Version | Fussbereich: Sitemap, Barrierefreiheit, Hilfe und Login fuer Redakteure

Artikelaktionen
  • Permanent Link

"Sehr verdrüßlich wegen der Pursche!!" Professor Lichtenberg und seine Studenten

Eine Rezension von Neill Busse

Heerde, Hans-Joachim: Das Publikum der Physik. Lichtenbergs Hörer. Göttingen: Wallstein, 2006.

In seiner bildungsgeschichtlich verankerten Prosopographie bietet Hans-Joachim Heerde eine konzise Darstellung von Georg Christoph Lichtenberg als akademischem Lehrer. Den Kern der Publikation macht ein umfassendes Verzeichnis mit detaillierten Biogrammen aller nachweisbaren Hörer von Lichtenbergs Göttinger Vorlesungen aus. Seine heuristische Solidität und Präzision machen das Buch zu einer wertvollen Handreichung für Arbeiten zur Universitäts- und Studentengeschichte.


Entstanden ist der im Oktober 2005 vorgelegte vierzehnte Band der Lichtenberg-Studien aus einem Register, das seinerzeit bei der Edition von Lichtenbergs Briefwechsel angefertigt worden war und das Hans-Joachim Heerde zu einem Repertorium der Hörer des Göttinger Gelehrten erweiterte. Mit seinen rund 1600 nachgewiesenen Lichtenberg-Schülern erreicht das Verzeichnis eine beeindruckende Fülle und trägt damit dazu bei, die von der Universitätsgeschichte lange Zeit vernachlässigten Studenten etwas mehr in den Fokus der Forschung zu rücken.

Zu den zahlreichen Quellen des Verzeichnisses zählen neben den Hörerlisten in Lichtenbergs "Staatskalender-Tagebuch" auch die Göttinger Matrikel, das Logisverzeichnis, die Ausleihregister von Lichtenbergs Privatbibliothek und der Universitätsbibliothek (womit sich die Lektüre der Studenten nachvollziehen lässt) und Lichtenbergs umfangreicher Briefwechsel sowie seine berühmten "Sudelbücher", in denen der Physiker Geistesblitze, Gedanken und Aphorismen niederschrieb. Ergänzt wurden diese Quellen unter anderem durch Hinzuziehung anderweitiger biographischer Schriften wie studentischer Tage- und Stammbücher sowie biographischer Nachschlagewerke, darunter auch alle europäischen Nationalbiographien.

Aus den derart gewonnenen Mosaiksteinen bildete Heerde die Biogramme von 1743 potentiellen Hörern. In diesen Biogrammen - die sich je nach Quellenlage als knappe Skizzen oder ausführliche Dossiers mit zahlreichen Querverweisen präsentieren - wurden die Zeiten der Hörerschaft bei Lichtenberg, der Bildungsgang vor der Immatrikulation in Göttingen, die dortigen Immatrikulationsdaten, Logisnachweise, spätere Karrierestationen, Daten zur geographischen und sozialen Herkunft sowie die Belegstellen und Quellennachweise angegeben. Bei der Lektüre dieser Biogramme begegnet man Dichter- und Wissenschaftsfürsten wie Johann Wolfgang Goethe, Carl Friedrich Gauß, den Gebrüdern Humboldt und Schlegel, sowie zahlreichen prominenten Gestalten des deutschen und europäischen Geisteslebens an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert. Bemerkenswerterweise kam der Großteil der Studenten aus den anderen Fakultäten, nur ein Viertel aus Lichtenbergs eigener, also der Philosophischen Fakultät; hoch war auch der Anteil an ausländischen Studenten, die es auf ihrer peregrinatio academica offenbar auch zu dem berühmten Göttinger Naturwissenschaftler zog.

Den mehrere Hundert Seiten umfassenden Biogrammen zugefügt ist eine Transkription der von Lichtenberg akribisch geführten Hörerlisten sowie eine semesterweise Übersicht der Studenten. Das abschließende opulente, über fünfzig Seiten starke Literatur- und Quellenverzeichnis stellt schon für sich genommen ein universitäts- und wissenschaftsgeschichtliches Pfund dar, über das sich nicht nur sozialgeschichtlich arbeitende Bildungshistoriker freuen dürften. Die konzise Einleitung zu diesem Verzeichnis, die sich vor allem heuristischen Fragen widmet, zeigt auch die alltagsweltlichen Bedingtheiten des professoralen Daseins Lichtenbergs auf, so die stete, im "Staatskalender-Tagebuch" häufig und - wie eingangs zitiert (vgl. S. 32) - formelhaft niedergeschriebene Sorge, dass nicht genügend "Purschen" zu den Vorlesungen kommen könnten und somit der aus deren Kolleggeldern gespeiste Lebensunterhalt des großen Gelehrten ernsthaft gefährdet sein könnte. Das zu Verdruss zumindest retrospektiv kein Anlass bestand, zeigt die nunmehr erwiesen große Zahl der Hörer Lichtenbergs, die zugleich den Nachweis erbringt, wie anziehend dessen bekanntermaßen kunstvolle Melange aus zeitgenössisch spektakulären Experimenten und geistreichem Wortwitz auf die Göttinger Studenten gewirkt haben muss - zeitweise saß ein Siebtel aller Göttinger Studenten in Lichtenbergs Vorlesungen.

Ein wenig enttäuscht wird sein, wer sich von dem Buch auch eine Auswertung dieses emsig aggregierten Materials im Sinne einer "Profilbestimmung des deutschen und vielleicht sogar des europäischen Studenten am Ende des 18. Jahrhunderts" (S. 8) erhoffte. In der Tat stellt sich dem universitätsgeschichtlich interessierten Leser die Frage, inwiefern und worin sich die Hörerschaft Lichtenbergs von derjenigen seiner Kollegen auch späterer Jahre - zu denken wäre beispielsweise an Carl Friedrich Gauß, Schüler Lichtenbergs und später Professor der Mathematik in Göttingen - unterschied. Selbstredend kann die Beantwortung solcher Fragen angesichts des enormen Rechercheaufwandes nicht von der vorliegenden Publikation erwartet werden - für zukünftige Arbeiten stellt Heerdes Repertorium jedoch einen vorzüglichen und grundsoliden Ankerpunkt dar, eben jenen Gegenpart, der vergleichende Untersuchungen erst ermöglicht. Und angesichts des erklärten Ziels, eine Grundlage zu einer Vermessung des sozial- und bildungsgeschichtlichen Hintergrundes der Lichtenberg-Schüler zu legen, kann Heerde daher auch zu Recht mit den Worten Lichtenbergs resümieren: "Es gibt Materien in der Welt die sich am füglichsten in Registern [...] sagen lassen." (vgl. S. 54).


Hans-Joachim Heerde, Das Publikum der Physik. Lichtenbergs Hörer, Göttingen: Wallstein-Verlag 2006 (Lichtenberg-Studien 14). 832 S., 62 z.T. farbige Abb., Leinen, 49,- EUR . ISBN: 9783835300156.


  Inhaltsverzeichnis


Vorrede (von Ulrich Joost) 7
1. Einleitung (von Hans-Joachim Heerde und Ulrich Joost) 11
2. Abkürzungsverzeichnis 55
3. Hinweise zum Lesen der Hörerbiogramme 58
4. Lichtenbergs Hörer - die Biogramme 60
5. Transkription der Hörerlisten Lichtenbergs WS 1790/91-WS 1798/99 694
6. Hörerregister und Vorlesungsankündigungen nach Semestern 732
7. Abbildungsnachweise 775
8. Literaturverzeichnis 779
9. Danksagungen 831



© beim Autor und bei KULT_online