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Mediale Molotow-Cocktails

Eine Rezension von Kai Nowak

Burkhardt, Steffen: Medienskandale. Zur moralischen Sprengkraft öffenlicher Diskurse. Köln: Halem, 2006.

Mit einem Theoriemix aus Konstruktivismus, Systemtheorie, Diskursanalyse und Wissenssoziologie untersucht der Autor das Phänomen des Medienskandals und verfolgt sein theoretisches Erkenntnisinteresse im Dialog mit dem Fallbeispiel des Friedman-Skandals aus dem Jahr 2003. Medienskandale, verstanden als ein von den Massenmedien konstruiertes Narrationsschema, werden als "Brandsätze" mit hoher publizistischer Sprengkraft begriffen, die symbolische, politische und ökonomische Macht aktualisieren. Die konsequent funktionale Perspektive fragt nach der Bedeutung von Medienskandalen für Akteure, soziale Systeme und die symbolische Ordnung der Gesellschaft. 


Der Medienskandal als "publizistischer Brandsatz" (S. 381) - Autor Steffen Burkhardt, Dozent an der Hamburg Media School, nutzt in seiner nun als Buchfassung vorliegenden Dissertation, die am Institut für Journalistik der Universität Hamburg entstanden ist, eine mitunter drastische Bildsprache, um die gesellschaftliche Funktion von Medienskandalen zu kennzeichnen. Dies dürfte vor allem die professionellen Image-Berater und Verantwortlichen für Krisenkommunikation ansprechen, die neben Skandalforschern unterschiedlicher Disziplinen zur avisierten Zielgruppe des Bandes gehören. Trotz einer Handvoll knackiger Metaphern dominiert jedoch angesichts eines breiten Theoriemixes soziologische Theoriesprache, und es muss als Verdienst des Autors gelten, dass der Text dennoch ansprechend zu lesen ist. Auf der Grundlage radikal-konstruktivistischer Erkenntnistheorie integriert die Studie System- und Narrationstheorie, diskursanalytische und wissenssoziologische Zugänge, um ein Modell zur Erforschung von Medienskandalen zu entwickeln.

Medienskandale müssen - so der Autor - grundlegend von nicht-medialen Skandalen unterschieden werden. Während bei letzteren die zeitliche und räumliche Präsenz des Publikums entscheidend ist, liegt die Inszenierungshoheit bei Medienskandalen in der Hand von professionellen Journalisten, was zu einer größeren Publizitätsreichweite und einer dauerhafteren Präsenz von skandalisierenden Aussagen führt. Dabei erfüllen Medienskandale in funktional-ausdifferenzierten Gesellschaften eine wesentliche, systemerhaltende Funktion: Als durch das Mediensystem produzierte Narrationsschemata entfalten sie mittels der Kommunikation von Moral zunächst soziale Sprengkraft, führen aber letztlich zu gesellschaftlicher Kohäsion und Identitätsbildung durch die Visibilisierung und Aktualisierung von kollektiven Wertvorstellungen. Diese aus den theoretischen Vorannahmen entwickelte These wird mit einem etymologischen Abriss der Karriere des Skandalbegriffs fundiert, der einen Bogen schlägt vom Altgriechischen - das Skandalon als "Stellhölzchen", d.h. als Auslösemechanismus einer Tierfalle - über die religiös-moralische Entrüstung im Christentum bis zum modernen, durch Massenmedien geprägten Verständnis, das durch eine knappe Geschichte des Medienskandals seit dem 16. Jahrhundert kontextualisiert wird.

Unter Zuhilfenahme der Methode der grounded theory, werden die in der Theoriearbeit entstandenen Konzepte im folgenden Teil der Studie mit einem Fallbeispiel konfrontiert und ‚am Material‘ weiterentwickelt, um den Mechanismen medialer Skandalisierung auf die Spur zu kommen. Burkhardt greift auf den Skandal um Michel Friedman, den TV-Moderator und damaligen stellvertretenden Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, aus dem Jahre 2003 zurück, als staatsanwaltliche Ermittlungen wegen Kokainmissbrauchs und Zwangsprostitution Anlass für eine Skandalisierung seiner Person waren. Am Fall Friedman entwirft der Autor ein Phasenmodell von Medienskandalen ("Skandaluhr", S. 203-205) und untersucht die narrative Struktur des Medienskandals und seine Episodisierung. Danach zeichnet er in seiner Analyse von Thematisierungsstrategien und Sprecherrollen die Moralisierungs-, Politisierungs- und Systematisierungsmechanismen von Medienskandalen nach. Burkhardt kommt zu dem Ergebnis, dass Medienskandale die "Funktion symbolischer Bürgerkriege" (S. 384) erfüllen. Sie sind Deutungskämpfe um akzeptables und nicht-akzeptables Verhalten, einer Unterscheidung, derer sich eine Gesellschaft immer wieder neu vergewissern muss.

In einer Art Nachsatz werden abschließend am Beispiel des Kokainskandals um den kürzlich verstorbenen Künstler Jörg Immendorf noch knappe Überlegungen zu ausgebliebenen Medienskandalen angestellt. Während im Fall Immendorf die Presse den Sachverhalt des Drogenmissbrauchs geradezu nachsichtig beurteilte, wurde der Medienskandal um Michel Friedman trotz wesentlich geringerer Kokainmengen vollständig durchdekliniert. Moral ist, wie Burkhardt resümiert, weniger Anlass als vielmehr Vorwand für Medienskandale.

Burkhardts Modell ist anschlussfähig für eine Vielzahl von Fragestellungen und disziplinären Zugängen, nicht zuletzt da es Einsichten auf drei Ebenen (Akteursebene, soziale Systeme und symbolische Ordnung der Gesellschaft) liefert. Der Studie, die sich auf dem aktuellen Stand der Skandalforschung befindet, gelingt es überzeugend, die Beiträge verschiedener Disziplinen zu bündeln und darauf aufbauend ein eigenes Forschungsmodell zu entwickeln, das sich als gewinnbringend für eine interdisziplinäre Skandalforschung herausstellen dürfte. Der Band ist klar gegliedert und enthält am Ende eines jeden Kapitels jeweils ein leserfreundliches, prägnant formuliertes Zwischenfazit. Die Ergebnisse sind plausibel entwickelt und gewinnen dank der Methode des grounded theory an Konturschärfe. Der Nachteil dieses Vorgehens liegt im Problem der Verallgemeinerbarkeit. Es wäre wünschenswert gewesen, hätte der Autor die Spezifik seines Falles und die daraus resultierenden Konsequenzen für seine Analyse durchgängig mitreflektiert. Immerhin wird konstatiert, dass Medienskandale in unterschiedlichen Gesellschaften "durch die unterschiedlichen Organisationsformen der Medien" (S. 159) abweichend verlaufen können. Es sind daher weitere Fallstudien notwendig, um die Ergebnisse an weiteren Medienskandalen, mit anderen räumlichen und zeitlichen Zuschnitten in den jeweiligen Mediensystemen zu verifizieren. Trotz dieses Einwands handelt es sich bei dem vorliegenden Band um eine mustergültige Studie, an der für zukünftige Arbeiten zum Medienskandal kein Weg vorbei führt.


Burkhardt, Steffen: Medienskandale. Zur moralischen Sprengkraft öffentlicher Diskurse, Köln: Halem, 2006. 486 S., kart., 34 €. ISBN-10 3938258276. ISBN-13: 978-3938258279


  Inhaltsverzeichnis

Verzeichnis der Abbildungen und Tabellen 11
Verzeichnis der Abkürzungen 12
Vorwort 15

Teil I: Die Sprengkraft des Skandals

1. Einleitung 24

2. Problemstellung und Zielsetzung 34
2.1 Problemstellung 34
2.2 Relevanz für Theorie und Praxis 37
2.3 Erkenntnistheoretische Bestimmungen 43
2.4 Zielsetzung 47
2.5 Zwischenfazit: Das Verständnis moralischer Sprengkraft 48

3. Methodisches Vorgehen 50
3.1 Forschungsfragen 50
3.2 Forschungsdesign 52
3.3 Zwischenfazit: Methodik der Modellentwicklung 56

4. Zusammenfassung: Skandale in der Mediengesellschaft57

Teil II: Vom Skandal zum Medienskandal

5. Am Anfang war das Wort: Zur Karriere des Skandalon 60
5.1 Etymologisches Verständnis 62
5.2 Skandale als Kommunikationsprozesse 73
5.3 Zwischenfazit: Der Dreischritt des Skandals 80

6. Skandale in den Medien: Zur Genealogie der Empörung 82
6.1 Die Transformation der Visibilität und 85
die Anfänge der Skandalberichterstattung
6.2 Der Aufstieg medialer Skandalisierung 88
6.3 Die Industrialisierung des Medienskandals 105
6.4 Zwischenfazit: Imperative medialer Skandalisierung 110

7. Funktionskontexte: Eine skandalöse Gesellschaft 112
7.1 Journalismus und soziales Kapital 112
7.2 Ebenen der öffentlichen Entrüstung 115
7.3 Nachrichten- und Narrationsfaktoren 121
7.4 Codierung der Moralsphäre 125
7.5 Rückwirkungen der Tabuisierung 128
7.6 Diskursivierung als Distinktionsmechanismus 130
7.7 Symbolische Macht 133
7.8 Zwischenfazit: Skandale als social scanning 135

8. Die Deutungskrieger und ihr Publikum: Zur Triade der Skandalakteure 138
8.1 Skandalproduzenten 139
8.2 Skandalrezipienten 141
8.3 Protagonisten der Skandalisierung 143
8.4 Zwischenfazit: Das Rollenspiel öffentlicher Entrüstung 144

9. Skandal und Medienskandal im Vergleich 146
9.1 Publikationsgrad 147
9.2 Transgressionsmodi 150
9.3 Framing: Zeit und Raum 151
9.4 Differenz- und Identitätsmanagement 152
9.5 Präsenz des Image Setting 153
9.6 Zwischenfazit: Medien als Skandalisierer 154

10. Zusammenfassung: Skandalgeschichte als Zivilisationsgeschichte 158

Teil III: Die Mechanismen des Medienskandals

11. Die blinden Flecken der Macht: Zur Analyse der medialen Skandalmechanismen 164
11.1 Darstellung und Problematisierung der exemplarischen Analyse 169
11.2 Diskursanalytischer Fokus 170
11.3 Methodische Schritte 172
11.4 Kriterien und Spezifika der Textauswahl 173
11.5 Zwischenfazit: Zur Rekonstruktion der Mechanismen des Medienskandals 176

12. Rekonstruktion I: Die funktionalen Phasen des Medienskandals 178
12.1 Mediale Skandalisierung in Zyklen 178
12.2 Phasen des Medienskandals 184
12.3 Zwischenfazit: Die »Skandaluhr« als Phasenmodell des Medienskandals 203

13. Rekonstruktion II: Die narrative Struktur des Medienskandals 206
13.1 Mediale Skandalisierung als Narration 206
13.2 Episodisierung 210
13.3 Zwischenfazit: Medienskandale als soziale Autobiographien der Mediengesellschaft 229

14. Rekonstruktion III: Die Thematisierungsstrategien des Medienskandals 233
14.1 Mediale Skandalisierung als Themenmanagement 233
14.2 Repräsentations- und Moralisierungsmechanismen: Implementierung der Moral in den Diskurs 234
14.3 Politisierungsmechanismen: Maximierung des Nachrichtenwerts 288
14.4 Systematisierungsstrategien: Reduktion der Narrationskomplexität 325
14.5 Deeskalationsstrategien Die Rolle der Medienjournalisten 335
14.6 Zwischenfazit: Die Diskursmacht der Skandalisierer 338

15. Distinktion als Aktualisierung von Macht 342

16. Zusammenfassung: Die Mechanismen des Medienskandals 351

Teil IV: Auf dem Schlachtplatz öffentlicher Moral

17. Der mediale Siegeszug der Moral 358
17.1 Folgen für die Akteure 361
17.2 Folgen für das soziale System 366
17.3 Individuelle Permanenz versus soziale Ephemerität 369

18. Von ausgebliebenen Medienskandalen - Die Niederlage der Ethik 372

19. Schlussbetrachtung: Das Skandalon als publizistischer Brandsatz 381
19.1 Zusammenfassung und Fazit 384
19.2 Ausblick 405

Literaturverzeichnis 411
Presse- und Agenturquellen 471

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