Benutzerspezifische Werkzeuge

Information zum Seitenaufbau und Sprungmarken fuer Screenreader-Benutzer: Ganz oben links auf jeder Seite befindet sich das Logo der JLU, verlinkt mit der Startseite. Neben dem Logo kann sich rechts daneben das Bannerbild anschließen. Rechts daneben kann sich ein weiteres Bild/Schriftzug befinden. Es folgt die Suche. Unterhalb dieser oberen Leiste schliesst sich die Hauptnavigation an. Unterhalb der Hauptnavigation befindet sich der Inhaltsbereich. Die Feinnavigation findet sich - sofern vorhanden - in der linken Spalte. In der rechten Spalte finden Sie ueblicherweise Kontaktdaten. Als Abschluss der Seite findet sich die Brotkrumennavigation und im Fussbereich Links zu Barrierefreiheit, Impressum, Hilfe und das Login fuer Redakteure. Barrierefreiheit JLU - Logo, Link zur Startseite der JLU-Gießen Direkt zur Navigation vertikale linke Navigationsleiste vor Sie sind hier Direkt zum Inhalt vor rechter Kolumne mit zusaetzlichen Informationen vor Suche vor Fußbereich mit Impressum

Artikelaktionen

Kunst in Zeiten des Realsozialismus

Eine Rezension Claudia Herzfeld

von Massow, Albrecht; Holtsträter, Knut; Berg, Michael (Hg.): Die unerträgliche Leichtigkeit der Kunst. Ästhetisches und politisches Handeln in der DDR. Köln, Weimar: Böhlau, 2007.

Die Künste und Kunstwissenschaften in der DDR waren weitgehend politisch-ideologischen Maßstäben unterworfen. Der zweite Band aus der Reihe "KlangZeiten - Musik, Politik und Gesellschaft" widmet sich der Frage, wie künstlerische Werke verschiedener Disziplinen unter den Bedingungen einer Diktatur entstanden und ob diese Bedingungen für alle Künste vergleichbar sind.
Zur Klärung dieser Frage werden in den zwölf Aufsätzen Beispiele aus den Bereichen Literatur, bildende Kunst, Film und Musik vorgestellt und untersucht, sowie die jeweiligen Wissenschaften in den Blick genommen.  


Der zu besprechende Sammelband ist das Ergebnis einer Ringvorlesung zum Thema: "Zeitgenossenschaft - Künste und Kunstwissenschaften in der DDR", die an der Friedrich-Schiller-Universität Jena stattgefunden hat. In dieser Veranstaltungsreihe kamen sowohl Zeitzeugen (Künstler aus der DDR) als auch renommierte Wissenschaftler zu Wort, die sich mit der Kunst in der DDR auseinandersetzten und sie in die gegenwärtige Debatte über die Kunst des ‚Sozialistischen Realismus’ einordneten.

Sie alle zeichnen mit ihren Beiträgen ein vielschichtiges Bild von den einzelnen Künsten in der DDR. Diese Künste unterlagen dem politischen Anspruch, das Bewusstsein der Menschen zu formen, um damit einen wesentlichen Beitrag zum Aufbau einer neuen Gesellschaft zu leisten, die vor allem den Kampf um Frieden und Sozialismus zu ihrer Hauptaufgabe machen sollte. Die Kunst in der DDR ist - wie die Herausgeber betonen - als "Mosaik mehrerer Facetten" (S. XI) zu verstehen. Einerseits ließen sich Künstler mit ihren Arbeiten zur sozialistischen Gesellschaftsbildung instrumentalisieren, andererseits gab es Künstler, die den Anspruch hatten, autonom zu bleiben und eine Funktionalisierung ablehnten und drittens gab es Kompromissbereite, die sich dazwischen positionierten.

Wie sehr die kulturelle Entwicklung im Arbeiter- und Bauernstaat von Etappen in der Entwicklung der deutsch-deutschen Beziehungen und gesellschaftlichen Prozessen flankiert ist, skizziert Christoph H. Werth, dessen Beitrag den Auftakt des Bandes bildet, in einem groben Überblick. Diese (kultur)politischen Informationen (z.B. der Moskauer Vertrag 1970 oder die richtungsweisenden Bitterfelder Konferenzen) dienen als Basis für das Verständnis gesellschaftlicher und kultureller Zusammenhänge, auf die die folgenden Beiträge zu den verschiedenen Disziplinen immer wieder rekurrieren.

Im zweiten Teil des Bandes steht der Bereich Literatur bzw. ihre begleitende Wissenschaft im Mittelpunkt. Gerhard R. Kaiser beschäftigt sich mit der Rezeption Heinrich Heines in der DDR und begründet, dass "die germanistische Literaturwissenschaft in der DDR doch keineswegs in nacheilendem Gehorsam" (S. 35) handelte, und Wolfgang Emmerich, renommierter Experte für DDR-Literatur, geht dem Interesse Heiner Müllers an der Beschäftigung mit griechisch-antiken Stoffen nach. Besonders aufschlussreich ist der Beitrag von Gisela Horn, die sich mit der am Prenzlauer Berg entstandenen Literatur beschäftigt, die als "Chiffre für die inoffizielle Gegenkultur der DDR" (S. 47) gilt. Diese alternative Wortkunst war in der DDR offiziell nicht existent; und mit welchen Konsequenzen beispielsweise Wissenschaftler leben mussten, die sich trotzdem mit ihr beschäftigten, zeichnet Horn nach.

Der Mittelteil des Bandes ist mit drei Aufsätzen dem Bereich der bildenden Kunst gewidmet, wobei der Aufsatz von Edwin Kratschmer besondere Beachtung verdient. Er zeichnet die Kunstentwicklung in der DDR nach und hat seinen Beitrag mit 14 Exkursen angereichert, in denen er zur Veranschaulichung einzelne Künstlerbiographien vorstellt. Damit gelingt es ihm hervorragend aufzuzeigen, wie eng Einzelschicksale mit dem sozialistischen Kunstbetrieb verbunden waren und gleichzeitig die repressive Stimmung in der DDR zu vermitteln.

Die beiden folgenden Beiträge widmen sich, in Anlehnung an Lenins berühmte Formulierung vom Film als wichtigste der Künste, der politischen Bedeutung und Instrumentalisierung dieses Mediums. Der DEFA-Regisseur Konrad Weiß befasst sich mit dem Genre des Dokumentarfilms und seinen Entstehungs- und Aufführungsbedingungen. Er beschreibt ausführlich die staatlichen Steuerungs- und Kontrollmechanismen, die ein Film durchlaufen musste, bevor er öffentlich gezeigt werden konnte. Anschaulich berichtet er auf persönliche Art von Begebenheiten aus seiner Zeit bei der DEFA, aus denen der Unmut über die Macht der Zensoren bei Filmproduktionen deutlich herauszulesen ist. Viktoria Piel deckt "die Pathosbildung als Moment einer stilistischen Kontinuität" (S. 146) in der Filmkunst der DDR auf und zeigt den Wandel im Pathosverständnis an zwei verschiedenen Beispielen des frühen DEFA-Films.

Die abschließenden drei Beiträge der Herausgeber widmen sich der Musik und Musikgeschichte in der DDR. Albrecht von Massow beschäftigt sich mit dem Problem der humanistischen Legitimation von Kunst - einem Problem, das auch über das Ende der DDR hinaus Antworten erfordert. Michael Berg beleuchtet in seinem Aufsatz die durch restriktive Vorgaben ausgelöste Entstehung kreativer Impulse, die zu einer so genannten neuen Musik führte.

Ein Autorenverzeichnis im Anhang dieses Bandes wäre von Vorteil gewesen, denn die Herkunft ist bei der Beschäftigung mit der DDR von Bedeutung: so weisen einige Beiträger (wie z.B. Kratschmer und Berg) explizit auf ihre Zeitzeugenschaft hin.

Insgesamt leistet der vorliegende Band einen wichtigen Beitrag zum besseren Verständnis der der Künste in der DDR und zu ihrer heutigen Einordnung. Die Kontrollmechanismen, denen sie ausgesetzt waren, werden benannt und gleichzeitig wird die Vielfalt künstlerischen Schaffens trotz restriktiver Maßnahmen hervorgehoben. Als Fazit zu diesem Band bleibt festzuhalten, dass es den BeiträgerInnen gelungen ist, aufzuzeigen, dass eine Vielzahl der künstlerischen Werke das Ende der DDR überdauert hat und somit die Entstehung und Bewertung der Künste nicht ausschließlich auf gesellschaftspolitische Umstände zu reduzieren sind.


Berg, Michael, Knut Holtsträter und Albrecht von Massow (Hg.): Die unerträgliche Leichtigkeit der Kunst. Ästhetisches und politisches Handeln in der DDR
. Wien: Böhlau 2007 (KlangZeiten - Musik, Politik und Gesellschaft, Bd. 2). 205 S., kart., € 29,90. ISBN: 3-412-00906-7


  Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1. Christoph H. Werth:
Entspannungspolitik nach außen, Repression nach innen - die deutsch-deutschen Beziehungen 1969-1989 - 1

2. Gerhard R. Kaiser:
Entgiftete Lieder? - Heinrich Heine in Literatur und Literaturwissenschaft der DDR -21

3. Gisela Horn:
Kwehrsprechen. Alternative Wortkunst in der DDR der 80er Jahre - 45

4. Wolfgang Emmerich:
Griechische Mythen als Esperanto - Heiner Müllers Antikenstücke - 59

5. Edwin Kratschmer:
Kunst im Clinch oder Kunst zwischen Apologetik und Selbstbehauptung -
Ein Abriss mit 14 Exkursen - 77

6. Achim Preiß:
Über die Kunst in der DDR - 105

7. Paul Kaiser:
Malerfürsten im "Kunstkombinat" - Thesen zum Zusammenhang von
Kunstsystem und Künstlerrolle in der bildenden Kunst der DDR - 113

8. Konrad Weiß:
Wieviel Wahrheit verträgt eine Diktatur? Film zwischen Kunst und Propaganda - 129

9. Viktoria Piel:
‚Sym-Pathie’ und Monumentalität. Pathos im frühen DDR-Film - 143

10. Albrecht von Massow:
Probleme einer humanistischen Legitimation von Kunst - 163

11. Michael Berg:
Restriktive Ästhetik als kreative Chance - 177

12. Knut Holtsträter:
Kurzschlüsse und Abbrüche in der musikästhetischen Argumentation in der DDR - 193

© bei der Autorin und bei KULT_online