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Was ist Kultur?

Eine Rezension von Anja Oesterhelt

Heinz, Jutta: Narrative Kulturkonzepte. Wielands "Aristipp" und Goethes "Wilhelm Meisters Wanderjahre". Heidelberg: Winter, 2006.

Die Arbeit gliedert sich in drei Teile, die auch unabhängig voneinander gelesen werden können. Ein erster Teil (Kapitel 1 - 4) führt in die Geschichte des Kulturbegriffs und die Kulturtheorien unterschiedlicher wissenschaftlicher Disziplinen ein und richtet sich damit an ein fächerübergreifendes Publikum. Ein zweiter und dritter Teil dürfte vor allem Literaturwissenschaftler interessieren: Hier werden Christoph Martin Wielands Aristipp (Kapitel 5) und Johann Wolfgang von Goethes Wanderjahre (Kapitel 6) unter verschiedenen kulturtheoretischen Perspektiven interpretiert. Ein abschließender Teil (Kapitel 7) resümiert wichtige Ergebnisse.


Was ‚Kultur‘ ist, das ist schwer zu sagen, aber wenn man vom Wort auf die Sache schließen darf, dann ist sie sicherlich eins: anschmiegsam. Die ‚Kultur‘ hat mittlerweile mit fast jedem Wort angebändelt, und ob wir lesen, streiten oder essen, wir sprechen inzwischen lieber von unserer Lese-, Streit- oder Esskultur. So wie die Alltagssprache kommt auch die Wissenschaftssprache ohne ‚Kultur‘ nicht mehr aus: Mit Beginn des 20. Jahrhunderts nehmen Wortbildungen wie Kulturgeschichte, Kultursoziologie, Kulturphilosophie, Kulturanthropologie zu, ja gar vor die Wissenschaft im Ganzen hat sich das Wörtchen in triumphaler Geste gesetzt. Nach dem Brüchigwerden der Paradigmen des Geistes und des Sozialen bietet sich die Kulturwissenschaft seit den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts mit Vehemenz als Substitut und zugleich Integrativ der Geistes- und Sozialwissenschaften an und liefert seitdem auch in der Germanistik Zündstoff für grundlegende Kontroversen über das Selbstverständnis des Faches.

Vor diesem Hintergrund leistet Jutta Heinz mit ihrem Beitrag zu "Narrativen Kulturkonzepten" viel: weil sie so anregend wie unaufgeregt über einflussreiche Kulturtheorien der letzten zweihundert Jahre informiert und damit deren Relevanz jenseits der Debatten um Leitwissenschaften plausibel macht. Und weil sie zwischen disziplinübergreifender Kulturtheorie und spezifischer Arbeitsweise der Germanistik - der detaillierten Textinterpretation, die den literarischen Eigenwert des Textes ins Zentrum stellt - zu vermitteln sucht.

Sehr gelungen ist der erste Teil der Monografie, in dem jeweils im historischen Durchgang vom 18. Jahrhundert bis heute ein kenntnisreicher Überblick über Kulturbegriff und -theorie der verschiedenen Disziplinen Kulturgeschichte, -philosophie, -soziologie und -anthrophologie geliefert und die spannungsreiche Beziehung von Kulturwissenschaft und Literaturwissenschaft nachgezeichnet wird. In einem zweiten und dritten Teil werden Christoph Martin Wielands und Johann Wolfgang von Goethes späte Romane Aristipp und seine Zeitgenossen und Wilhelm Meisters Wanderjahre interpretiert. Die deutende Analyse der Romane in Bezug auf das Kulturthema bietet sich insofern an, als beide Romane gleichermaßen ‚welthaltig‘ sind, also nicht vornehmlich Einzelschicksale, sondern ein komplexen Gefüge unterschiedlichster Lebensbereiche darstellen.

Die Verbindung von Kulturtheorie und Textanalyse stellt sich im zweiten und dritten Teil als problematisches Unterfangen heraus. Denn indem Heinz die verschiedenen Zugriffsmöglichkeiten, die im ersten Teil historisch und systematisch entwickelt wurden, als Schema für die Romaninterpretationen verwendet, suggeriert sie eine methodische Stringenz, die nicht einzulösen ist. Wie soll beispielsweise ein auf etwas über zehn Seiten entwickelter Überblick über kultursoziologische Ansätze, unter die so umfassende Theorien wie die von Norbert Elias und Niklas Luhmann fallen, befriedigend auf den jeweiligen Roman angewandt werden, zumal wenn zusätzlich noch eine kulturgeschichtliche, ein kulturanthropologische und ein kulturphilosophische Interpretation geleistet werden soll? Die Vielzahl von theoretischen Zugriffen auf den Text vermag zwar, viele von der Forschung vorgelegte Interpretationsansätze zu integrieren und damit der Komplexität der Romane Rechnung zu tragen. Aber aus der Zusammenschau resultieren kaum neue Erkenntnisse. Das ist vor allem ein strukturelles Problem: Wie soll Raum für Interpretationen bleiben, die dem von der Wieland- und Goethephilologie schon Geleisteten entscheidend Neues hinzufügen können, wenn man mit dem Kulturbegriff potentiell aufs Ganze geht - denn Kultur ist ja eigentlich alles: die literarische Darstellung von Städten genauso wie von Beziehungsstrukturen, von politischen Verfassungen genauso wie von Kommunikationsformen. Der Vorteil eines Interpretationsansatzes, der prinzipiell alle Aspekte eines Textes erfassen kann, wird so zugleich zum Hindernis.

Als Überblick über die Kulturtheorien funktioniert das auf relative Vollständigkeit zielende Konzept dagegen umso besser und besonders dem übrigens auch stilistisch sehr gelungenen ersten Teil gilt deswegen die Empfehlung dieses Buches.


Jutta Heinz: Narrative Kulturkonzepte. Wielands Aristipp und Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahre. Heidelberg: Winter, 2006. 551 S., Hardcover, 63 €. ISBN 3-8253-5135-1


  Inhaltsverzeichnis

Gebrauchsanweisung 1

1. Die Alles-oder-Nichts-Frage - zur Einleitung 3
1.1. Die Alles-oder-Nichts-Frage, oder: Was ist Kultur? 5
1.2. Paradoxien der Kultur - Strukturen der Literatur 9
1.3. Narrative Kulturkonzepte - zum Erkenntnisziel der Arbeit und zur Textauswahl 13
1.4. Kulturgeschichte, Kultursoziologie, Kulturphilosophie und Kulturanthropologie - methodische Zufahrtswege zum Kosmos Kultur 16
1.5. Begriffsgeschichte, Wissenschaftsgeschichte, Literaturgeschichte - zur Gliederung der Arbeit 19

2. Freundliche und feindliche Übernahmen - zur Begriffsgeschichte 23
2.1. Linien der Forschung - Begriffsgeschichte und Wortgeschichte; Geistesgeschichte und Sozialgeschichte; empirische Befragung und wissenschaftlicher Definitionsvergleich 24
2.2. Vom Ackerbau zur Geistespflege - etymologische Ausgangspunkte 32
2.3. Kultur und Zivilisation - eine Familienchronik 36
2.4. Begriffliche Oppositionen und Interpretationskonstrukte - zur Zusammenfassung 49

3. Die Wissenschaft von der Kultur - zur Disziplinengeschichte 55
3.1. Antiquarische Krämer, literarische Dilettanten, neue und alte Universalhistoriker - zur Kulturgeschichte 55
3.2. Lebensphilosophie oder prima philosophia - die Kulturphilosophie 69
3.3. Konkurrenz zweier Totalitäten - zur Kultursoziologie 87
3.4. Beobachter im kulturellen Feld - zur Kulturanthropologie 99
3.5. Ontogenese und Phylogenese der Kultur - zur Kulturpsychologie und zur Biologie 110
3.6. Zur Zusammenfassung 119

4. Kulturwissenschaft und Literaturwissenschaft - eine streitbare Beziehung 127
4.1. Kulturwissenschaft(en) zwischen Selbständigkeit und Integrationswissenschaft - zur Wissenschaftsgeschichte 129
4.2. Literatur- und Kulturwissenschaft - Rückzug zum Kerngeschäft oder Globalisierung? 150
4.3. Zur Zusammenfassung 164

5. Christoph Martin Wieland, Aristipp und einige seiner Zeitgenossen - Kultur als Kanon des Menschlichen 169
5.1. Selbstbild und Fremdbild - der Aristipp als Zumutung für den Leser oder Krönung des Lebenswerks? 169
5.2. Kulturgeschichte als Entwicklungsgeschichte - "nur dem einzelnen Menschen, nicht der Menschheit sind Grenzen gesetzt" 179
5.3. Kultursoziologie als Suche nach der besten Staatsform - "der Staat ist um des Bürgers willen da" 219
5.4. Kulturanthropologie als Kommunikationstheorie - "daß die attische Urbanität eine sehr preisliche Bürgertugend ist" 258
5.5. Kulturphilosophie als praktische Humanitätslehre - "für alles Menschliche das rechte Maß" 280
5.6. Kultur als Kanon des Menschlichen - zur Zusammenfassung 307

6. Johann Wolfgang Goethe, Wilhelm Meisters Lehrjahre - Kultur als Morphologie des Menschlichen 317
6.1. Die Wanderjahre als Lebens-Werk und Lebens-Aufgabe - zur Einleitung 317
6.2. Kulturgeschichte als Geschichte von Kunst und Wissen - "auf diesem Wege wiederholen sich alle wahren Ansichten und alle Irrtümer" 323
6.3. Kultursoziologie als Lebensplanung und Gemeinschaftsideologie - "Es ist jetzo die Zeit der Einseitigkeiten" 380
6.4. Kulturanthropologie zwischen Wissen und Geheimnis - "in der Mitte bleibt das Problem liegen" 428
6.5. Kulturphilosophie als Tätigkeit und Entsagung - "Fahr fort in unmittelbarer Beachtung der Pflicht des Tages" 458
6.6. Kultur als Morphologie des Menschlichen - zur Zusammenfassung 490

7. Narrative Kulturkonzepte - zur Zusammenfassung 503
7.1. Text als Kultur: menschliche Menschen, inkommensurable Wirklichkeiten, Mesokosmen 505
7.2. Poetik als Kultur: Mitteilung als kultureller Katalysator; Mittelpunkte als kulturelle Kristallisationszentren; "zarte Empirie" als kulturwissenschaftliches Ideal 515
7.3. Kulturwissenschaftliche Konzepte: potenzierte Poetologie; Primat der Praxis; Bäume und Stufen des Lebens 524
7.4. Ethische Konzepte: Relativität und Mäßigung 528
7.5. Gegen eine Tragödie der Kultur? Literatur als Form des Wissens vom Leben 533

8. Literaturverzeichnis 537

9. Autorenregister 549


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