Benutzerspezifische Werkzeuge

Information zum Seitenaufbau und Sprungmarken fuer Screenreader-Benutzer: Ganz oben links auf jeder Seite befindet sich das Logo der JLU, verlinkt mit der Startseite. Neben dem Logo kann sich rechts daneben das Bannerbild anschließen. Rechts daneben kann sich ein weiteres Bild/Schriftzug befinden. Es folgt die Suche. Unterhalb dieser oberen Leiste schliesst sich die Hauptnavigation an. Unterhalb der Hauptnavigation befindet sich der Inhaltsbereich. Die Feinnavigation findet sich - sofern vorhanden - in der linken Spalte. In der rechten Spalte finden Sie ueblicherweise Kontaktdaten. Als Abschluss der Seite findet sich die Brotkrumennavigation und im Fussbereich Links zu Barrierefreiheit, Impressum, Hilfe und das Login fuer Redakteure. Barrierefreiheit JLU - Logo, Link zur Startseite der JLU-Gießen Direkt zur Navigation vertikale linke Navigationsleiste vor Sie sind hier Direkt zum Inhalt vor rechter Kolumne mit zusaetzlichen Informationen vor Suche vor Fußbereich mit Impressum

Artikelaktionen

Inszenierungen des Weiblichen um 1900

Eine Rezension von Dr. Agata Rothermel

Catani, Stephanie: Das fiktive Geschlecht. Weiblichkeit in anthropologischen Entwürfen und literarischen Texten zwischen 1885 und 1925. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2005.

Das "fiktive Geschlecht" ist ein Geschlecht, das durch unterschiedliche Diskurse determiniert wird. Um 1900 greift ein wahrer ‚Boom‘ an Weiblichkeitsbeschreibungen um sich. Psychiatrie, Gynäkologie und Neurologie formulieren stereotype Bilder der Frau. Die zentrale Fragestellung von Catanis Untersuchung ist, ob und wie die Literatur in den Jahrzehnten um 1900 auf diese Bilder einzugehen versucht. Im Ergebnis zeigt die Autorin die deutlichen Parallelen zwischen den Frauenbildern in der Literatur der Jahrhundertwende und denen in anthropologischen Entwürfen: Der wissenschaftlichen Fokussierung auf die weibliche Sexualität folgend entwerfen die literarischen Texte weibliche Erotik und Sinnlichkeit fokussierende Frauenbilder.  


Einleitend verweist Catani auf das zentrale anthropologische Anliegen des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts: die Ergründung des weiblichen ‚Wesens‘. Die Suche nach der ‚Natur der Frau‘ orientiert sich an der weiblichen Sexualität und Erotik, am weiblichen Geschlecht und dessen Merkmalen.

Catanis Studie ist in drei Teile und elf Kapitel gegliedert. Im ersten Teil handelt Catani anhand medizinischer und sexualwissenschaftlicher Texte den anthropologischen Diskurs des Weiblichen um 1900 ab. Zunächst wendet sie sich der Pathologisierung des weiblichen Körpers zu und setzt sich dabei mit den Geisteskrankheiten, der zeitgenössischen Hysterieforschung und der sich gerade entwickelnden Gynäkologie auseinander. Anschließend geht sie auf die sexuelle Identität der Frau und in diesem Kontext u.a. auf Theorien zum weiblichen Körper und dessen Sexualität ein. Catani betont, dass die weiblichen Triebe einerseits tabuisiert und andererseits im Bild der triebgesteuerten, sexuell aktiven Frau dämonisiert werden. Die Autorin verweist darüber hinaus auf die Konsequenz dieses Diskurses: Lediglich in der ehelichen Verbindung im Einklang mit der Mutterrolle erfährt das weibliche Begehren seine Legitimation.

Im zweiten und dritten Teil ihrer Studie löst Catani die Ankündigung ein, Resultate der anthropologischen Forschung mit der Analyse literarischer Weiblichkeitskonstruktionen um 1900 zu vergleichen. So wendet sie sich im zweiten Teil der ästhetischen Präsentation des Weiblichen in der Literatur um 1900 zu. Sie liefert einen systematischen Überblick über die verschiedenen Frauentypen in der zeitgenössischen Literatur und Kunst und setzt sich mit deren literarischer Inszenierung auseinander. Die Frauentypen sind in drei Kategorien unterteilt: das "dämonische Weib" (die Femme fatale und die "Dirne"), die Kind-Frau (die Femme fragile und das "süße Mädel") und die "legitime" Weiblichkeit (die Ehefrau und die Mutter).

Im dritten Teil folgen exemplarische Analysen ausgewählter Werke. Catani untersucht, wie Dichtung von der Frau erzählt. Bei der Auswahl der Texte nimmt sie eine Unterscheidung zwischen Autoren und Autorinnen vor, um geschlechtsspezifische Unterschiede im Rahmen der literarischen Weiblichkeitsinszenierung zu verdeutlichen. Sie kann zeigen, dass Autoren wie Arthur Schnitzler, Frank Wedekind und Franz Kafka die Frau als "Interpretationskomplex" (S. 329) präsentieren und die männlichen Implikationen dieser Inszenierung offen legen. In den Analysen von Hugo von Hofmannsthals Elektra und Frank Wedekinds Monstertragödie hinterfragt Catani die Deutung Elektras und Lulus als Femme fatale, wodurch ihr eine Neuinterpretation gelingt, die sich einer strikten Typologisierung der Frauenfigur verweigert. Aus Catanis Sicht haben Robert Musils und Ricarda Huchs Texte Ausnahmecharakter, da sie mit ihrer Idee vom "ganzen Menschen" (S. 330) eigene anthropologische Konzepte präsentieren, die die zeitgenössische Auffassung vom defizitären weiblichen Geschlecht im Gegensatz zum gesunden männlichen Geschlecht überwinden.

Fazit: Catanis Untersuchung erläutert ihren Gegenstand klar und verständlich. Der in der Einleitung fehlende systematische Überblick über den Aufbau der Arbeit erschwert jedoch ein wenig das Verständnis ihrer Thesen. Die Autorin schärft den Blick für noch nicht erforschte Möglichkeiten der Abgrenzung der Weiblichkeitsinszenierung in literarischen Texten von anthropologischen Entwürfen (gattungsästhetische Besonderheiten, komparative Untersuchungen von Kunst- und Literaturgeschichte, epochenspezifische Auseinandersetzungen). Der (selbst-)kritische Blick der Autorin auf die gegenwärtige Literaturwissenschaft verleiht der Arbeit Tiefe und Weitblick. Catani verweist auf die Beteiligung der Literaturwissenschaft an der Inszenierung kultureller Weiblichkeitskonstruktionen. Sie macht auf die noch andauernde Beschäftigung mit der textuellen Inszenierung von Frauen aufmerksam, die keine Bestandsaufnahme eines Prozesses der Identitätsstiftung liefert, sondern die Inszenierungsversuche fortsetzt und einen Beitrag zum Diskurs des Weiblichen leistet.


Stephanie Catani: Das fiktive Geschlecht. Weiblichkeit in anthropologischen Entwürfen und literarischen Texten zwischen 1885 und 1925. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2005. 353 S., broschiert, 39,80 Euro. ISBN: 3826030990. (Würzburger Beiträge zur deutschen Philologie 28)


  Inhaltsverzeichnis

Einleitung 9
Exkurs: Über den Diskurs des Weiblichen
und den "weiblichen Diskurs" 15


TEIL I: DER ANTHROPOLOGISCHE DISKURS DES WEIBLICHEN UM 1900


1 "Krankheit Frau": Die Pathologisierung des weiblichen Körpers 19
1.1 Geisteskrankheiten der Frau 20
1.2 Die zeitgenössische Hysterieforschung 23
1.3 Gynäkologische Befunde 34

2 Geschlecht ohne Geist: Zur sexuellen Identität der Frau 41
2.1 Das Begehren ist männlich: Zur Tabuisierung der weiblichen Libido 44
2.2 W ist nichts als Geschlecht: Zur Dämonisierung der weiblichen Sexualität 47
2.3 Mutter und Ehefrau: Die institutionalisierte Sexualität der Frau 53
2.4 Das Genie ist männlich: Die weibliche Geistlosigkeit 58
2.5 Der doppelte Boden: "Verborgene" Sexualität um 1900 63
2.6 "Krimineller" Trieb: Prostitution um 1900 66
2.7 "Naturwesen Frau": Zur Wandlung des Naturbegriffs um 1900 69

3 Verschwimmende Grenzen: Wissenschaft und Literatur um 1900 74


TEIL II: DIE ÄSTHETISCHE PRÄSENTATION DES WEIBLICHEN IN DER LITERATUR UM 1900


4 Zur literarischen Inszenierung der Frau und ihrer Sexualität 78
Überlegungen zu Forschungslage und Methode 80

5 Kulturelle Frauentypen und ihre literarische Inszenierung um 1900 88
5.1 Das "dämonische Weib" 88
5.1.1 Die Femme fatale 90
5.1.2 Die "Dirne" 97
5.2 Die Kind-Frau 101
5.2.1 Die Femme fragile 103
5.2.2 Das "süße Mädel" 109
5.3 "Legitime" Weiblichkeit 113
5.3.1 Die Ehefrau 115
5.3.2 Die Mutter 119


TEIL III: EXEMPLARISCHE ANALYSE AUSGESUCHTER WERKE


6 Arthur Schnitzler 125
6.1 "Ihr seid ja alle so typisch": Der Anatol-Zyklus 125
6.2 Die Tragik eines Rollenklischees: Liebelei 133
6.3 Jenseits der Moral: Der Reigen 142

7 Hugo von Hofmannsthal 162
7.1 Die Ästhetik der Femme fragile: Die Frau im Fenster 162
7.2 Der Anschluss an die "radikale Bühne": Elektra 174

8 Frank Wedekind 192
8.1 Renaissance einer Urfassung: Die Büchse der Pandora 192
8.2 Lulus Monstertragödie 194

9 Robert Musil 210
9.1 Konzepte der Liebe: Vereinigungen 210
"Die Vollendung der Liebe" 213
"Die Versuchung der stillen Veronika" 219
9.2 Krisen männlicher Identität: Drei Frauen 226
"Grigia" 229
"Die Portugiesin" 236
"Tonka" 244

10 Franz Kafka 251
10.1 Die Schuld der Frauen: Der Verschollene 257
10.2 Josef K. wirbt Helferinnen: Der Proceß 268
10.3 Die Macht der Frauen: Das Schloß 281

11 Ricarda Huch und Franziska zu Reventlow 293
Exkurs: Zum Problem der "weiblichen" Autorschaft 293
11.1 Romantische Ideale: Huchs Erinnerungen von Ludolf Ursleu dem Jüngeren 296
11.2 Hetäre und Mutter: ''Reventlows Herrn Dames Aufzeichnungen oder Begebenheiten aus einem merkwürdigen
Stadtteil'' 311
11.3 Weiblichkeit in "weiblichen" Texten 324


"Konstruierte Identitäten": Ein Rückblick und Ausblick 327

Bibliographie 334

© bei der Autorin und bei KULT_online