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Ein Überblick über die Kulturtheorien des 20. Jahrhunderts und ihre Relevanz für die Literaturwissenschaft

Eine Rezension von Hanna Bingel

Schößler, Franziska: Literaturwissenschaft als Kulturwissenschaft. Eine Einführung Tübingen: A. Francke, UTB, 2006.

In der vorliegenden Einführung präsentiert Franziska Schößler einschlägige Theoriemodelle einer kulturwissenschaftlichen Literaturwissenschaft. Ausgehend von den historischen Kulturtheorien um 1900 stellt sie aktuelle kulturwissenschaftliche Debatten vor und zeigt, wie sich diese in den Themen, Theorien und Methoden einer kulturwissenschaftlichen Literaturwissenschaft niedergeschlagen haben. Im Anschluss an die theoretischen Erläuterungen demonstriert sie in exemplarischen Einzelanalysen, wie das methodologische Potential der kulturtheoretischen Texte für die literaturwissenschaftliche Lektüre genutzt werden kann. Zusätzlich zu den Theorien und den Beispiellektüren werden die Theoretiker und Theoretikerinnen in kurzen biographischen Abrissen vorgestellt.


Die Diskussionen über die kulturwissenschaftliche Neuorientierung der Literaturwissenschaft werden mittlerweile nicht mehr in Form einer Grundsatzdebatte geführt. Seit sich der kulturwissenschaftliche Paradigmenwechsel in der Literaturwissenschaft weitgehend durchgesetzt hat, sieht sich der/die Literaturwissenschaftler/in auf ein weites Terrain heterogener kulturtheoretischer Annahmen, methodischer Herangehensweisen und einer Vielzahl an Schlüsselbegriffen gestellt, auf dem er/sie sich einen Weg zum literarischen Gegenstand bahnen muss. Schößler verhilft zu einem fächer- und disziplinenübergreifenden Überblick über die Themen Kultur und Kulturwissenschaften, indem sie die großen Kulturtheorien von 1900 bis zur Gegenwart rekonstruiert und die vielschichtigen Arten des Austauschs und der gegenseitigen Einflussnahmen zwischen den Bereichen Kulturtheorie, Kulturwissenschaft und Literaturwissenschaft durchsichtig macht. Ihre Methode ist, die kulturtheoretischen Texte in einem close reading zu präsentieren und die Argumentationen der Theoretiker/innen detailliert nachzuvollziehen. Darüber hinaus zeigt sie die vielfältigen Integrations- und Anschlussmöglichkeiten der Theoreme für die Literaturwissenschaft auf, indem sie die methodischen Möglichkeiten in literaturwissenschaftlichen Einzelanalysen modellhaft demonstriert.

Das erste Kapitel beginnt Schößler mit den wissenschaftsgeschichtlichen Vorläufern heutiger Kulturkonzepte. Bezugnehmend auf die sozial- und wissenschaftsgeschichtlichen Entwicklungen um 1900 rekonstruiert sie die Entstehung neuer "dynamische[r] Kulturtheorien" (S. 4), die sie anhand der Schriften Heinrich Rickerts, Georg Simmels, Ernst Cassirers, Max Webers und Sigmund Freuds erläutert. Schößler verortet hier die Anfänge der Kulturwissenschaften, da die Theorien und Begriffe dieser Theoretiker in den nachfolgenden kulturtheoretischen Reflexionen zu zentralen Bezugsgrößen werden (vgl. S. 3).

Die Cultural Studies, die in den 1960ern am Birmingham Centre for Contemporary Cultural Studies (CCCS) entwickelt und institutionalisiert wurden, bilden die zweite Station im ersten Kapitel. Schößler zeigt an den theoretischen Positionen der Gründungstexte Richard Hoggarts, Raymond Williams und Edward E. Thompsons, wie in dem CCCS ein hybrides und historisierendes Kulturkonzept entwickelt wurde, in dem die Grenze zwischen Populärkultur und sog. Hochkultur verwischt und die Genese von Kulturkonzepten an soziale und politische Prozesse zurückgebunden wird (vgl. S. 32).

Im dritten Komplex des ersten Kapitels werden zentrale Aussagen von Michel Foucaults Diskurstheorie, Pierre Bourdieus Habitustheorie und Niklas Luhmanns Systemtheorie verhandelt. Während Schößler die literaturtheoretische Weiterentwicklung von Foucaults Diskurstheorie durch Jürgen und Ursula Link, Albrecht Koschorke und Joseph Vogl nur oberflächlich abhandelt, stellt sie in einer Feldanalyse anschaulich dar, wie Bourdieus Modell von "Kultur als Distinktionsverfahren" (S. 52) angewandt werden kann, um die Zusammenhänge von literarästhetischen Entwicklungen und politischen Entscheidungen in den Blickpunkt zu rücken.

Das zweite Kapitel beginnt Schößler mit dem New Historicism nach Stephen Greenblatt und der Metahistoriographie Hayden Whites. Sie zeigt, wie die Theorien das Austauschverhältnis von literarischen und nicht-literarischen Diskursen konzeptualisieren und erläutert, wie sich im Denkmodell "Kultur als Text" der Textbegriff auf nicht-literarische Gegenstände und kulturelle Praktiken ausweitet.

Die Gender Studies werden im Anschluss dargestellt. Der/Die Leser/in wird durch die verschiedenen Entwicklungsstufen der feministischen Forschung geführt, angefangen von deren Beeinflussung durch die Freud’sche Psychoanalyse, über die Dekonstruktion bis zur Diskursanalyse Foucaults, die vor allem durch Judith Butlers Forschungsarbeiten über das "Geschlecht als kulturelle Konstruktion" (S. 119) zur Referenztheorie der Gender Studies geworden ist. Zum Schluss geht Schößler auf die Kategorie gender in den Queer Studies und Film Studies ein. Leider verweist sie auf die Entwicklung einer gender-orientierten Erzähltheorie nur in einem Satz bzw. einer Fußnote (vgl. S. 129), obwohl doch insbesondere dieser Ansatz programmatisch für eine präzise Analyse von Textstrukturen unter gender-kritischer Perspektive steht.

Im nachfolgenden Teil stellt Schößler postkoloniale Theoretiker wie Homi K. Bhabha und Edward Said vor und geht dabei auch auf die Diskussion zwischen den Theoriebildungen der Postcolonial Studies und einer interkulturellen Literaturwissenschaft in der deutschen Germanistik ein. Gegenüber den bereits genannten Theoretikern hebt sie die politische Strömung innerhalb der Postcolonial Studies hervor, wie sie durch Gayatri C. Spivak und deren Theorie der Hybridität, in dem Dekonstruktion, Feminismus und marxistisch-materielle Denkrichtung zusammengeführt werden, realisiert wird.

In einer kurzen Einführung in die neueren Entwicklungen von Ethnologie und Anthropologie gibt Schößler einen Überblick über die Fragen und Themen, die sich durch diese zwei Disziplinen seit ihrer "kulturkritischen Öffnung" (S. 165) und Wendung hin zu einer "interpretierende[n] Wissenschaft" (ebd.) für die Literaturwissenschaft aufgetan haben. Im Anschluss an die "genuin ethnologische[n] Theorien" (S. 168) wendet sich Schößler der literarischen Anthropologie zu. Dabei konzentriert sie sich auf Wolfgang Isers These von der Fiktionsbedürftigkeit des Menschen und liefert eine etwas kryptische Zusammenfassung der Entwicklungsstufen, in denen Iser sein "rezeptionsästhetische[s] Text-Kontext-Modell in eine anthropologische Literaturtheorie überführt" (S. 190) hat.

Schlößler schließt ihre Vorstellungsreihe mit den Erinnerungstheorien. Sie konzentriert sich dabei auf die Konzepte, in denen das kollektive Gedächtnis, kulturelle Erinnerung bzw. Identität sowie die Theorie der dialogischen Erinnerung im Mittelpunkt stehen. Mit Hinweis auf eine enge Verbindung zwischen Memoria-Theorien und Intertextualität schließt Schößler das Kapitel mit einer Vorstellung verschiedener Intertextualitätsdefinitionen sowie Gérard Genettes differenziertem System intertextueller Bezugnahmen.

Sämtlichen Kapiteln in Schößlers Einführung werden Informationen über den beruflichen und intellektuellen Werdegang der Theoretiker und Theoretikerinnen beigefügt. Dies trägt zwar zur Auflockerung des Handbuchs bei, dient aber kaum einem besseren Verständnis der Materie, zumal die Personenpräsentationen sehr knapp bleiben. Als nützlich erweisen sich jedoch die Auswahlbibliographien zum Lebenswerk der jeweiligen Person. Aufgrund solcher Zusätze vermag die Einführung auch als rasches Nachschlagewerk dienen. Vorbildhaft sind ebenso die soliden Modellanalysen, die sich an die theoretischen Ausführungen anschließen. Schößler weist Wege zur Anwendbarkeit der Kulturtheorien auf Erzähltexte auf und verhilft auf diese Weise zur Überwindung einer oft monierten Kluft zwischen Theorie und literaturwissenschaftlicher Praxis.

Fazit: Schößler liefert in ihrem Einführungsbuch auf strukturierte und weitgehend gut verständliche Weise einen Überblick über eine expandierende und mittlerweile kaum mehr überschaubare Forschungslandschaft der Themen Kultur und Kulturwissenschaften. Die Stärke der Studie liegt besonders darin, dass die unterschiedlichen Ansätze und Entwicklungen nicht isoliert behandelt werden, sondern kontinuierlich Bezüge zwischen den einzelnen Theorien und Denkansätzen hergestellt und Überschneidungen, Kontinuitäten, aber auch Divergenzen zwischen ihnen aufzeigt werden. Eine zweite Stärke liegt darin, dass Schößler die Leistungsfähigkeit der verschiedenen Kulturtheorien für die Literaturwissenschaft herausarbeitet und diese in überzeugenden Einzelanalysen konkretisiert.

Einzuwenden ist, dass das Unterfangen, auf 230 Seiten kulturwissenschaftlich relevante Theorien des 20. und 21. Jahrhunderts nachzuvollziehen, stellenweise mit dem Eindruck von Flüchtigkeit in Darstellung und Exemplifikation einhergeht. Es stellt sich in diesem Zusammenhang die Frage, ob sich der/die Leser/in statt der biographischen Zusatzinformationen nicht eine genauere Ausführung der theoretischen oder praktischen Analysen gewünscht hätte. Wenn auch, aufgrund der konzentrierten und daher stellenweise voraussetzungsreichen Handhabung der Thematik, statt "Einführung" die Bezeichnung ,Handbuch’ oder ,einführendes Begleitbuch’ zutreffender gewesen wäre, vermag das Buch zweifelsohne, den Blick für kulturwissenschaftliche Fragestellungen zu schärfen und ein überblicksartiges Basiswissen für ein literaturwissenschaftliches Studium mit kulturwissenschaftlicher Orientierung zusammenzufassend bereitzustellen.


Schößler, Franziska: Literaturwissenschaft als Kulturwissenschaft. Eine Einführung. Tübingen/Basel: A. Franke, UTB, 2006. 274 S., brosch., € 19,90. ISBN 3-7720-8148-4 (3-8252-2765-0 UTB Bestellnummer)


  Inhaltsverzeichnis

Vorbemerkungen

I. Historische Kulturtheorien

1. Kulturphilosophie und Kulturwissenschaften um 1900
1.1 Kultur als Wertesystem: Heinrich Rickert
1.2 Kultur als Tragödie: Georg Simmel
1.3 Kultur als symbolische Form: Ernst Cassirer
1.4 Kultur des Ökonomischen: Max Weber
1.5 Kultur als Triebsublimation: Sigmund Freud

2. Cultural Studies am Birmingham Centre for Contemporary Cultural Studies (CCCS)
2.1 Die Kultur der Arbeiterklasse
2.2 Die Genese des kulturellen Raums
2.3 Die Kultur der Massenmedien

3. Soziohistorische und -theoretische Modelle
3.1 Kultur als disziplinatorischer Machtapparat: Michel Foucault
3.1.1 Der Begriff des Diskurses
3.1.2 Diskursive Praktiken um 1800
3.1.3 Diskurs und Literaturwissenschaft
3.2 Kultur als Distinktionsverfahren: Pierre Bourdieu
3.2.1 Die Hochkultur als Lebensstil
3.2.2 Die Genese der autonomen Kunst
3.2.3 Das literarische Feld nach 1945 in Österreich
3.3 Kultur als Gedächtnis und Beobachtung: Niklas Luhmann
3.3.1 Die Autonomie der Systeme
3.3.2 Die Systeme Kultur und Kunst

II. Aktuelle Debatten

1. Der New Historicism und die Poetik der Geschichte
1.1 Die Kultur als narrative Verhandlung: Stephen Greenblatt
1.1.1 Affirmation und Subversion
1.1.2 Text und Kontext
1.1.3 Tauschprozesse und Aneignungen
1.1.4 Kritik und Diskussionen
1.1.5 Verhandlungen zwischen Kriminologie, Medizin und Literatur in Émile Zolas Roman Au Bonheur des Dames
1.2 Die Poetik der Geschichte: Hayden White
1.2.1 Gattungen und Anordnungstypen
1.2.2 Sprachfiguren und das tropologische Bewusstsein

2. Gender Studies
2.1 Geschichte und Themen
2.2 Geschlecht als kulturelle Konstruktion: Judith Butler
2.2.1 Subjektkritik und Travestie
2.2.2 Macht und Ohnmacht des Subjekts
2.3 Queer Studies
2.4 Film Studies
2.5 Cross-dressing in Virginia Woolfs Roman Orlando

3. Postcolonial Studies
3.1 Geschichte und Themen
3.2 Die Konstruktion des Orients: Edward W. Said
3.3 Die Ähnlichkeit von Ich und Anderem: Homi K. Bhabha
3.4 Die (unmögliche) Stimme der Subalternen: Gayatri Chakravorty Spivak
3.5 Der Fetisch Haut in John Fenimore Coopers Roman Conanchet oder Die Beweinte von Wish-ton-Wish

4. Ethnologie, Anthropologie und literarische Anthropologie
4.1 Geschichte und Themen
4.2 Kultur als Text: Clifford Geertz
4.3 Kultur als Liminalität: Victor Turner
4.4 Kultur als Differenz: René Girard
4.5 Literatur als Ritual
4.6 Literarische Anthropologie

5. Erinnerungstheorien
5.1 Geschichte und Themen
5.2 Kollektive Erinnerung
5.3 Memoria und Kanon in Johann Wolfgang Goethes Roman Wilhelm Meisters Wanderjahre
5.4 Dialogische Erinnerung
5.5 Kanon und Archiv
5.6 Intertextualität
5.7 Hypotexte in Thomas Manns Roman Königliche Hoheit

Bibliographie
Glossar
Personenregister
Sachregister

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