Benutzerspezifische Werkzeuge

Information zum Seitenaufbau und Sprungmarken fuer Screenreader-Benutzer: Ganz oben links auf jeder Seite befindet sich das Logo der JLU, verlinkt mit der Startseite. Neben dem Logo kann sich rechts daneben das Bannerbild anschließen. Rechts daneben kann sich ein weiteres Bild/Schriftzug befinden. Es folgt die Suche. Unterhalb dieser oberen Leiste schliesst sich die Hauptnavigation an. Unterhalb der Hauptnavigation befindet sich der Inhaltsbereich. Die Feinnavigation findet sich - sofern vorhanden - in der linken Spalte. In der rechten Spalte finden Sie ueblicherweise Kontaktdaten. Als Abschluss der Seite findet sich die Brotkrumennavigation und im Fussbereich Links zu Barrierefreiheit, Impressum, Hilfe und das Login fuer Redakteure. Barrierefreiheit JLU - Logo, Link zur Startseite der JLU-Gießen Direkt zur Navigation vertikale linke Navigationsleiste vor Sie sind hier Direkt zum Inhalt vor rechter Kolumne mit zusaetzlichen Informationen vor Suche vor Fußbereich mit Impressum

Artikelaktionen

"Visual History" als transdisziplinärer Rahmen

Eine Rezension von Dr. Benjamin Drechsel

Paul, Gerhard (Hg.): Visual History. Ein Studienbuch. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2006.

Der von Gerhard Paul herausgegebene Sammelband Visual History setzt in jeder Hinsicht Maßstäbe für die Erforschung der Dreiecksbeziehung zwischen Historiografie, Bildlichkeit und (Zeit-)Geschichte. Methodische Fragen werden dabei ebenso diskutiert wie unterschiedlichste Bildmedien vom historischen Plakat über die Fernsehdokumentation bis hin zum privaten Fotoalbum. Zudem fasst das ‚Studienbuch’ (insbesondere in Pauls Einleitung) den einschlägigen Forschungsstand markant und kenntnisreich zusammen.



Der in den 1990er Jahren ausgerufene "pictorial turn" der Kulturwissenschaften ist noch immer in vollem Gange. So beschäftigte sich beispielsweise der Deutsche Historikertag 2006 in Konstanz unlängst mit dem Thema "GeschichtsBilder". Zeitlich passend dazu hat der Flensburger Geschichtsdidaktiker Gerhard Paul nun einen Sammelband herausgegeben, der insbesondere dafür steht, dass die Wende hin zu den Bildern mehr bedeutet (oder zumindest bedeuten könnte) als eine additive Erweiterung des Quellenbestandes der beteiligten Disziplinen. So steht laut Paul das Label "Visual History" (parallel zur begrifflich bereits etablierten "Oral History") "[f]ür alle jene Versuche, die unterschiedlichen Bildgattungen als Quellen und eigenständige Gegenstände in die historiografische Forschung einzubeziehen, Bilder sowohl als Abbildungen als auch als Bildakte zu behandeln, die Visualität von Geschichte wie die Historizität des Visuellen zu thematisieren und zu präsentieren" (S. 25).

Bilder sollen aus dieser Perspektive als Medien mit spezifischer Ästhetik und damit verbundener Wahrnehmungswirkung ernst genommen werden. Cord Pagenstecher merkt in seinem Beitrag denn auch folgerichtig an, dass "Visual History" eigentlich nur der Teilbereich einer "alle Sinne umfassende[n] ‚Sensual History’ wäre" (S. 170) - doch steht diesem reizvollen Unterfangen die enorme Quellenproblematik entgegen, die etwa mit der Erforschung olfaktorischer, haptischer und anderer Wahrnehmungsgeschichte(n) verbunden ist.
Gerhard Paul verweist in seiner Einleitung nachdrücklich darauf, dass die Wurzeln der seit etwa 20 Jahren zunehmend spürbaren "visuellen Wende" auch in der Historiografie viel weiter als nur in die 1990er Jahre zurückreichen. So debattierte etwa der Deutsche Archivtag schon 1974 über die Nutzung audiovisueller Quellen. Ganz nebenbei legt Paul einige heute kaum noch bekannte Wurzeln politikwissenschaftlicher Bilderforschung in den 1980er Jahren frei (verkörpert etwa durch das Frankfurter "Institut für historisch-sozialwissenschaftliche Analysen"). Dabei macht er deutlich, dass "Visual History" für ihn ein transdisziplinäres Feld ist. Nicholas Mirzoeff (An Introduction to Visual Culture. London: Routledge 1999, S. 4) hat vor einigen Jahren geschrieben: "[V]isual culture is a tactic, not an academic discipline." Ganz ähnlich versteht Gerhard Paul den "Visual History"-Ansatz.

Der Sammelband ist in vier große Blöcke unterteilt: Erstens werden "Themen - Quellen - Zugänge" der Visual History an Beispielen wie Plakaten (Michael Sauer) oder Wissenschaftsbildern (Martina Heßler) festgemacht. Dann folgt zweitens mit "Bilderwelten - Blicke" die exemplarische De- bzw. Re-Konstruktion einiger historisch-visueller Kulturen, so etwa am Beispiel europäischer Kolonialismusbilder aus der Zeit vor 1918 (Jens Jäger) oder unter Bezugnahme auf Fotografien von nationalsozialistischen Judendeportationen (Klaus Hesse). Drittens werden dann "Bildersprachen des Politischen" behandelt. Auch wenn diese Unterteilung fragwürdig ist (behandeln doch fast alle Aufsätze politische Bildlichkeit), sind die hier eingeordneten Texte allesamt auf hohem Niveau angesiedelt - so etwa Astrid Wenger-Deilmanns und Frank Kämpfers Aufsatz zu "Körpersprache, Gestik und Pathosformel in der visuellen politischen Kommunikation". Im vierten und letzten Teil "Bild - Gedächtnis - Erinnerung" geht es dann u.a. um die ZDF-Serie "Holokaust" (Frank Bösch), um einen "Illustriertenbericht zum Eichmann-Prozess" (Habbo Knoch) oder um DDR-Bilder (Thomas Lindenberger, Stefan Wolle).

Der fundierte Hinweis auf Forschungsstand und -lücken ist eine große Leistung aller Beiträge des Sammelbandes - thematisieren sie nun eher allgemein das Verhältnis von Geschichtswissenschaft und Alltagsfotografie (Klaus Hesse, Marita Krauss), Film (Günter Riederer) und politischer Karikatur (Bernhard Fulda) oder konkrete Anwendungsfälle visueller Politik wie Mussolini-Inszenierungen (Clemens Zimmermann) und Bundeswehr-Werbung (Thorsten Loch). Leitmotivartig zeigen die AutorInnen, dass zwar bereits einschlägige Publikationen zu ihren Fragestellungen existieren, dass aber zugleich noch einiges an Grundlagenarbeit zu leisten ist. Insgesamt ergeben die Aufsätze so ein Mosaik, das vielfältige Bezüge zwischen seinen einzelnen Bausteinen aufweist (z.B. sind "Ikonen" bzw. "Schlüsselbilder" für Christoph Hamanns Analyse einer Fotografie des Torhauses von Auschwitz-Birkenau ebenso zentral wie für Gerhard Pauls Überlegungen zu "Mushroom Clouds").

Dieses Mosaik fügt sich allerdings zum Panorama einer "Visual History"-Forschung zusammen, die auch nach 20 Jahren (und mehr) noch immer an ihrem Anfang steht. So gibt es in der "Visual History" - wie in allen Bereichen der Bildwissenschaft(en) - noch erhebliche methodische Unsicherheiten. Deshalb meint Cord Pagenstecher: "Den theoretisch ausgefeilten, in der Praxis aber zu wenig ergiebigen ‚Königswegen’ steht der pragmatische ‚Feldweg’ der Fall-zu-Fall-Interpretation gegenüber" (S. 171). In seiner Untersuchung visueller Tourismuskulturen verbindet er denn auch semiotische, inhaltsanalytische und ikonologische Verfahren der Bildanalyse.

Insgesamt legt Gerhard Paul mit seinem Sammelband (wie schon mit der Studie zu den "Bilder[n] des Krieges" von 2004) einen sehr wichtigen Beitrag für die weitere Entwicklung der visuellen Wende in der Geschichtswissenschaft, und weit darüber hinaus, vor. Mit einigem Abstand betrachtet, weisen seine Bemühungen durchaus Analogien zu den bildwissenschaftlichen Überlegungen des Magdeburger Philosophen Klaus Sachs-Hombach auf, der in den vergangenen Jahren versucht hat, die teilweise chaotischen Tendenzen der transdisziplinären Bilderforschung durch einen ‚gemeinsamen Theorierahmen’ einzuhegen (vgl. [ http://www.bildwissenschaft.org | http://www.bildwissenschaft.org ]). Ganz analog meint Paul, "Visual History" sei ein "Rahmen, in dem Zuträgerleistungen aus den verschiedenen Wissenschaften - angefangen von der Kunstgeschichte, über die Kommunikations- und Medienwissenschaft, über die Politikwissenschaft und die Soziologie bis hin zur allgemeinen Bildwissenschaft - willkommen sind." (S. 26f.) Diesen Rahmen gilt es weiterhin zu definieren und zu füllen. Wie dies geschehen könnte, dafür gibt Pauls Sammelband zahlreiche interessante und weiter führende Hinweise.


Gerhard Paul (Hg): Visual History. Ein Studienbuch. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2006. Kar., 379 S. (60 Abbildungen), € 21,90. ISBN 3-525-36289-7


  Inhaltsverzeichnis


Paul, Gerhard: Von der historischen Bildkunde zur Visual History. Eine Einführung: 7


Themen - Quellen - Zugänge

Sauer, Michael: "Hinweg damit!" Plakate als historischeQuellen zur Politik- und Mentalitätsgeschichte: 37

Krauss, Marita: Kleine Welten. Alltagsfotografie - die Anschaulichkeit einer "privaten Praxis": 57

Heßler, Martina: Die Konstruktion visueller Selbstverständlichkeiten. Überlegungen zu einer Visual History der Wissenschaft und Technik: 76

Riederer, Günter: Film und Geschichtswissenschaft. Zum aktuellen Verhältnis einer schwierigen Beziehung: 96


Bilderwelten - Blicke

Becker, Frank: Deutungswaffen und Leitbilder. Die Bildwelt des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/71: 114

Jäger, Jens: Bilder aus Afrika vor 1918. Zur visuellen Konstruktion Afrikas im europäischen Kolonialismus: 134

Hesse, Klaus: Bilder lokaler Judendeportationen. Fotografien als Zugänge zur Alltagsgeschichte des NS-Terrors.: 149

Pagenstecher, Cord: Reisekataloge und Urlaubsalben. Zur Visual History des touristischen Blicks: 169


Bildersprachen des Politischen

Kämpfer, Frank / Wenger-Deilmann, Astrid: Handschlag - Zeigegestus - Kniefall. Körpersprache, Gestik und Pathosformel in der visuellen politischen Kommunikation: 188

Fulda, Bernhard: Die vielen Gesichter des Hans Schweitzer. Politische Karikaturen als historische Quellen: 206

Zimmermann, Clemens: Das Bild Mussolinis. Dokumentarische Formungen und Brechungen medialer Wirksamkeit: 225

Paul, Gerhard: "Mushroom Clouds". Entstehung, Struktur und Funktion einer Medienikone des 20. Jahrhunderts im interkulturellen Vergleich: 243

Loch, Thorsten: Soldatenbilder im Wandel. Die Nachwuchswerbung der Bundeswehr in Werbeanzeigen: 265


Bild - Gedächtnis - Erinnerung

Hamann, Christoph: Fluchtpunkt Birkenau. Stanislaw Muchas Foto vom Torhaus Auschwitz-Birkenau (1945): 283

Knoch, Habbo: Verschobene Schuld. Täterbilder und historische Fotografien in einem Illustriertenbericht zum Eichmann-Prozess: 303

Bösch, Frank: Holokaust mit "K". Audiovisuelle Narrative in neueren Fernsehdokumentationen: 317

Wolle, Stefan: Die Welt der verlorenen Bilder. Die DDR im visuellen Gedächtnis: 333

Lindenberger, Thomas: Zeitgeschichte am Schneidetisch. Zur Historisierung der DDR in deutschen Spielfilmen: 353


Autoren und Autorinnen: 373


© beim Autor und bei KULT_online