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Perspektiven inter- und transkulturellen Studien: Ein interdisziplinärer Beitrag zur kulturwissenschaftlichen Selbstreflexivität

Eine Rezension von Britta Freitag

Antor, Heinz (Hg.): Inter- und Transkulturelle Studien. Theoretische Grundlagen und interdisziplinäre Praxis. Heidelberg: Winter, 2006.

Unter Rückgriff auf die Paradigmen der Inter-, Multi- und Transkulturalität untersuchen die Beiträger des Sammelbandes theoretische Konzepte sowie grundlegende Fragestellungen und Perspektiven inter- und transkultureller Studien in der Kulturwissenschaft mit interdisziplinärer Orientierung. Die primär anglistische Ausrichtung des Bandes wird dabei ergänzt durch theoretische Arbeiten aus der Romanistik und Lateinamerikanistik sowie durch Fallstudien aus der Skandinavistik, Japanologie und Sinologie. Theoretische Beiträge aus der Philosophie und Erziehungswissenschaft tragen weiterhin zum Facettenreichtum des Sammelbandes bei.  


Die literatur- und kulturwissenschaftliche Diskussion um einen möglichen Paradigmenwechsel von der 'Interkulturalität' zur 'Transkulturalität' ist noch relativ jung und aktuell - in diesem Sammelband werden die hierfür relevanten Fragestellungen und theoretischen Konzepte erstmals aus der Sicht verschiedener kulturwissenschaftlicher Disziplinen beleuchtet. Die Beiträge des Sammelbandes gehen auf Vorträge im Rahmen eines Workshops und einer Ringvorlesung zurück, die in den Jahren 2003 und 2004 vom Zentrum für Inter- und Transkulturelle Studien der Philosophischen Fakultät der Universität zu Köln veranstaltet wurden. Die Autoren erörtern theoretische Grundlagen, terminologische Fragen und die "unterschiedlichen Möglichkeiten der wissenschaftlichen Konzeptualisierung einer immer dynamischeren Entwicklungen unterworfenen globalisierten Welt" (S. 10). Zudem verweisen praxisorientierte Beiträge auf die "pädagogische, soziale und politische Relevanz" (ebd.) dieser Studien. Für sein Projekt hat der Herausgeber erfreulicherweise Beiträger gewinnen können, die in ihren Disziplinen schon lange dem Studium inter- und transkultureller Prozesse verpflichtet und einschlägig bekannt sind, so dass sich das Inhaltsverzeichnis der theoretischen Beiträge wie ein Who's who inter- und transkultureller Studien liest. Wenngleich die Beiträge noch aus den traditionellen Disziplinen stammen, soll die interdisziplinäre Ausrichtung des Bandes Möglichkeiten disziplinärer Grenzüberschreitungen aufzeigen und disziplinäre Perspektiven ergänzen bzw. erweitern. Im Folgenden werden die theoretischen Beiträge aus den Philologien näher erläutert, während die Beiträge aus der Philosophie, der Kommunikationswissenschaft und der Pädagogik sowie die Fallbeispiele nur auszugsweise und exemplarisch erörtert werden können.

Heinz Antors Aufsatz zu Terminologiefragen und grundlegenden Konzepten inter- und transkultureller Studien nimmt eine erfrischende Metaperspektive zu gegenwärtigen Diskussionen über die Paradigmen der Inter- und Transkulturalität ein. Während er über den Gebrauch dieser Begriffe in verschiedenen kulturwissenschaftlichen Disziplinen reflektiert, plädiert er keineswegs für eine einheitliche terminologische Praxis, sondern für das Offenlegen der eigenen Positionalität als Wissenschaftler und die eigene Begriffsverwendung. Während Antor einerseits das von ihm präferierte Transkulturalitätskonzept von Wolfgang Welsch aufarbeitet, das vor allem in der anglistischen Diskussion rezipiert wird, zeigt Antor andererseits auch die Grenzen des Ansatzes von Welsch auf, der - wie der Autor überzeugend darlegt - bisweilen Verzerrungen beim Blick auf gesellschaftliche Realitäten zu verantworten hat. Zudem erörtert Antor Konsequenzen und Bildungsziele für die Ausbildung Lernender und Studierender an Schule und Hochschule. Damit fördert er einerseits den willkommenen Dialog zwischen kulturwissenschaftlicher Forschung und Lehre und löst andererseits die in der Einleitung aufgestellte Forderung ein, mit dem Sammelband auch den Blick für die gesellschaftliche Relevanz der erörterten Fragen zu schärfen (vgl. S. 9ff.).

Auch dem Anglisten Frank Schulze-Engler geht es um terminologische und konzeptionelle Fragestellungen, wenn er in seinem Beitrag für die Erweiterung der 'interkulturellen' durch eine 'transkulturelle' Perspektive auf Phänomene in Gesellschaft, Kultur und Literatur plädiert. Das Konzept der 'Transkulturalität' erscheint ihm geeignet, interne Binnendifferenzierungen von Kulturen stärker ins Blickfeld zu rücken, als dies mit dem Konzept eines 'interkulturellen' Austausches zwischen oftmals homogen gedachten Kulturen möglich war. Dabei betont er in seiner Argumentation allerdings, dass die Idee eines interkulturellen Dialogs im Sinne einer "Respektierung kultureller Differenz" (S. 45) überall dort von Bedeutung bleibt, wo es um kulturelle Hierarchisierungen und ungleiche gesellschaftliche Machtverhältnisse geht. Statt einer Ablösung des Paradigmas der Interkulturalität durch das der Transkulturalität befürwortet er daher vielmehr ein Nebeneinander der beiden Paradigmen. Schulze-Engler bietet zudem einen fruchtbaren Perspektivwechsel bei der Betrachtung des Zusammenhangs zwischen Kultur und Individuum an, indem er darauf verweist, dass sich mit dem Paradigma der Transkulturalität die "althergebrachte[...] Frage, was unterschiedliche Kulturen mit dem Menschen tun, zur neuen Frage, was unterschiedliche Menschen mit der Kultur tun", (S. 46) verschiebt.

Graham Huggan nimmt in seinem Beitrag hingegen eine kritische Beurteilung des Paradigmenwechsels von postcolonial zu transcultural aus der Perspektive der Postcolonial Studies vor. Einerseits stimmt Huggan Schulze-Engler zu, wenn dieser für eine transkulturelle Perspektive plädiert, weil sie auf die kulturellen Wahlmöglichkeiten des Individuums innerhalb einer Kultur aufmerksam macht. Andererseits warnt Huggan vor einem übereilten Wechsel zu einer transkulturellen Perspektive, weil diese Gefahr läuft, die ökonomischen und historisch beeinflussten ungleichen Bedingungen individueller und kultureller Wahlmöglichkeiten auszublenden und damit ein möglicherweise einseitig positives Bild der Weltgesellschaft zu zeichnen. Im Vergleich zu Antors und Schulze-Englers Beiträgen jedoch vermisst man bei Huggan eine ähnlich kritische Selbstreflexivität hinsichtlich seines Verständnisses von 'Interkulturalität', das er mit dem Vorwurf der Aufrechterhaltung von Grenzen zwischen separatistisch verstandenen Kulturen gänzlich ablehnt. Huggan argumentiert allerdings trotzdem überzeugend für ein Nebeneinander verschiedener Perspektiven in den Postcolonial Studies, die den aktuellen Entwicklungen in Gesellschaft und Kultur Rechnung tragen, jedoch den antiimperialistischen und antikapitalistischen Anspruch der Postcolonial Studies nicht ausblenden.

Die drei theoretischen Beiträge aus der Anglistik und den Postcolonial Studies erfahren durch zwei Beiträge aus der Romanistik und der Lateinamerikanistik eine fruchtbare Ergänzung. Gisela Febel stellt mit Michel de Montaigne, Victor Segalen und Edouard Glissant drei frankophone theoretische Positionen vor und eröffnet dadurch eine historische Sichtweise auf fundamentale Prinzipien und Denkweisen inter- und transkultureller Studien. Montaignes Kulturrelativismus steht am Anfang dieses historischen Überblicks, der jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben will. Segalens Ästhetik des Diversen macht auf die Dialektik zwischen der Erfahrung des Fremden und der Intensivierung der Selbstwahrnehmung aufmerksam (S. 68), während Glissants Verweis auf 'permanente Kreolisierung' und die 'Allgegenwart kultureller Differenzen' (vgl. S. 78) eine transkulturelle Perspektive beinhaltet, weil kulturelle Differenz "im Innern eines komplexen Kulturnetzes verortet" (S. 76) wird.

Friedhelm Schmidt-Welle stellt lateinamerikanische kulturtheoretische Konzepte und Diskussionen vor, die sich zum Teil von postkolonialistischer Theoriebildung abgrenzen. Er erinnert daran, dass kulturtheoretische Konzepte immer in ihren historischen und regionalen Kontexten verstanden werden müssen und erläutert daher die lateinamerikanischen Konzepte der 'Transkulturation' (Ortiz, Rama) bzw. der 'Heterogenität' (Cornejo Polar) in Zusammenhang mit gesellschaftsspezifischen Kontexten in Lateinamerika. Seine Frage nach der Allgemeingültigkeit und Operabilität der Kategorien Inter- und Transkulturalität und seine Überlegung, dass die lateinamerikanischen Konzepte auch einen "Beitrag zur vergleichenden Analyse der unterschiedlichen postkolonialen Situationen darstellen" (S. 94), eröffnen dazu neue Perspektiven inter- und transkultureller Studien, die bislang noch sträflich vernachlässigt wurden.

Die philosophischen Beiträge von Morteza Ghasempour und Ram A. Mall, der kommunikationstheoretische Beitrag von Athanasios Moulakis und die aus der Pädagogik stammenden Aufsätze von Georg Auernheimer und Cristina Allemann-Ghionda ergänzen die philologischen um erkenntnistheoretische und pragmatische Aspekte, von denen hier nur einige hervorgehoben seien. Ghasempours thesenartiger Beitrag stellt eine äußerst gelungene Einführung in die 'interkulturellen Philosophie' als 'exzeptionelle Denkungsart' "mit ihrem grenzbewussten, kooperativen Wahrheitsbegriff, mit ihrem offenen und welthaften Subjektkonzept sowie mit ihrem dialogischen Vernunftverständnis" (S. 108) dar. Dem interessierten Leser werden dabei jedoch leider jegliche weiterführende Literaturangaben vorenthalten. Mall, Moulakis und Auernheimer setzen sich mit pragmatischen Fragen nach den Voraussetzungen interkultureller Verständigung und interkultureller Kompetenz auseinander. Mall verbindet Grundsatzfragen der interkulturellen Philosophie mit der Erörterung von Voraussetzungen interkultureller Kompetenz und nimmt zudem zu den Terminologiefragen von Inter- und/oder Transkulturalität Stellung. Auernheimer hingegen entwirft ein Modell interkultureller Kompetenz (vgl. S. 156), in dem er eine Vielzahl von Fähigkeiten, Haltungen und Wissensaspekten für pädagogische interkulturelle Lernprozesse systematisiert.

Fallbeispiele aus der Skandinavistik, der Japanologie und der Sinologie schließlich runden den Sammelband ab. Gert Kreutzer zeichnet die Diskrepanzen zwischen der kulturellen Selbstwahrnehmung Islands und der Fremdwahrnehmung durch europäische Schriften aus der frühen Neuzeit nach. Franziska Ehmcke überzeugt bei ihrer Studie zum Kulturtransfer zwischen Japan und Europa mit der Anwendung der Terminologie von Hans-Jürgen Lüsebrink und zeigt anhand neuer Wortbildungen in der japanischen Sprache, welche Selektions-, Vermittlungs- und Rezeptionsprozesse beim Transfer europäischer Konzepte von 'Kultur' und 'Kunst' stattfanden. Lutz Bieg untersucht abschließend in etwas befremdlich polemisierender Weise die politischen, literarischen und (inter-)kulturellen Implikationen bei der Verleihung des Literaturnobelpreises im Jahr 2000 an den chinesisch schreibenden und in Frankreich lebenden Schriftsteller Gao Xingjian. Obwohl die Fallstudien einen vergleichsweise geringen Umfang einnehmen und dabei leider der explizite Rückbezug auf die Paradigmen der Inter- und Transkulturalität nicht immer geleistet wird, geben sie doch exemplarische Einblicke in Betätigungsfelder inter- und transkultureller Forschung und lassen die Übertragbarkeit ihrer methodischen Zugänge auf andere kulturwissenschaftliche Disziplinen erkennen.

Wenngleich der Sammelband als Vortragspublikation eines Workshops und einer Ringvorlesung keinen vollständigen Überblick über die gesamte Bandbreite inter- und transkultureller Studien leisten kann, ergänzen sich die Beiträge doch durch die interdisziplinäre Ausrichtung und die Erörterung verschiedener theoretischer Ansätze aus den jeweiligen kulturwissenschaftlichen Disziplinen. Die Kombination der theoretischen Erörterungen und Fallbeispiele gewährt dabei nicht nur einen Blick über die eigene wissenschaftliche Disziplin hinaus, sondern trägt durch die Diskussion unterschiedlicher Konzeptualisierungen von Inter- und Transkulturalität auch zur in den Kulturwissenschaften geforderten kritischen Selbstreflexivität bei, so dass zudem der Blick für deren Verwendung im eigenen wissenschaftlichen Kontext geschärft wird. Der außerordentlich erkenntnisreiche Sammelband kann in diesem Sinne als eine Grundlage interdisziplinärer Forschung im Bereich inter- und transkultureller Studien innerhalb der Kulturwissenschaften gelten und sei jedem zur Lektüre empfohlen, der sich mit Phänomenen und Prozessen des Kulturkontaktes aus kulturwissenschaftlicher Perspektive beschäftigt.


Heinz Antor (Hrsg.): Inter- und transkulturelle Studien. Theoretische Grundlagen und interdisziplinäre Praxis. Heidelberg: Universitätsverlag Winter, 2006, 233 S., kart., € 44,- (Anglistische Forschungen, Bd. 362). ISBN 978-3825351793


  Inhaltsverzeichnis

HEINZ ANTOR (Köln)
Inter- und transkulturelle Studien in Theorie und Praxis: Eine Einführung 9

HEINZ ANTOR (Köln)
Multikulturalismus, Interkulturalität und Transkulturalität: Perspektiven für interdisziplinäre Forschung und Lehre 25

FRANK SCHULZE-ENGLER (Frankfurt a. M.)
Von 'Inter' zu 'Trans': Gesellschaftliche, kulturelle und literarische Übergänge 41

GRAHAM HUGGAN (Leeds)
Derailing the 'trans'? Postcolonial studies and the negative effects of speed 55

GISELA FEBEL (Bremen)
Das Diverse und das Unberechenbare: Über die Thesen Edouard Glissants zu transkulturellen Prozessen und die Rolle der Literatur 63

FRIEDHELM SCHMIDT-WELLE (Berlin)
Transkulturalität, Heterogenität und Postkolonialismus aus der Perspektive der Lateinamerikastudien 81

MORTEZA GHASEMPOUR (Köln)
Grundthesen der interkulturellen Philosophie 95

RAM A. MALL (München)
Von interkultureller Kompetenz zur interkulturellen Verständigung 109

ATHANASIOS MOULAKIS (Lugano)
The trouble with intercultural communication 119

GEORG AUERNHEIMER (Köln)
Kulturwissen ist zu wenig: Plädoyer für ein erweitertes Verständnis von interkultureller Kompetenz 145

CRISTINA ALLEMANN-GHIONDA (Köln)
Interkulturelle und internationale Aspekte in der Erziehungswissenschaft zwischen Wirksamkeit und Effizienz der Bildungsreform 159

GERT KREUTZER (Köln)
Ein gescheiterter interkultureller Dialog? Außensicht und Innensicht Islands in der frühen Neuzeit 181

FRANZISKA EHMCKE (Köln)
Neuer Wein in alte Schläuche? Zur Frage westlicher Begrifflichkeit in japanischer Sprache und Schrift seit der Mitte des 19. Jahrhunderts 205

LUTZ BIEG (Köln)
Moderne chinesische Literatur und Weltliteratur 219

Verzeichnis der Beiträger 235


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