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Literaturgeschichte strikes back: Eine gelungene Einführung in die Literatur des ‚bürgerlichen’ Realismus

Eine Rezension von Daniel Nix (Frankfurt am Main)

Balzer, Bernd: Einführung in die Literatur des Bürgerlichen Realismus. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2006.

Bernd Balzers Einführung in den literarischen Realismus bietet auf engstem Raum einen gelungenen Einblick in die zentralen Theoreme und Darstellungsstrategien der Epoche. Im Zentrum des Bandes steht die Rückkehr zum Begriff des "Bürgerlichen Realismus", mit der Bal-zer einen dezidiert literaturhistorischen Zugriff vorführt. Der zweite thematische Teil der Ein-führung bietet exemplarische literaturwissenschaftliche Analysen wichtiger kanonischer Texte der Epoche.



Die Epoche des ‚Realismus’ (ca. 1848-1890) gilt innerhalb der literaturwissenschaftlichen Forschung als besonders schwierig zu fassender und global nur schwer zu beschreibender Zeitabschnitt. Trotz intensiver Forschungsbemühungen und einer damit einhergehenden fast nicht mehr überschaubaren Fülle an Sekundärliteratur konnte ein Konsens darüber, was jenseits von einfachen Zuschreibungen unter ‚realistischer Literatur’ genau zu verstehen ist, bisher noch nicht etabliert werden. Anders formuliert lässt sich sagen, dass die allgemeinen erkenntnistheoretischen Probleme der Literaturgeschichtsschreibung - Konturierung der Eckdaten einer Epoche, Heterogenität der Begriffsbezeichnungen und der Binnendifferenzierung, Zugrundlegung eines bestimmten (textimmanenten bzw. außerliterarisch fundierten) Literaturbegriffs, Selektion eines spezifischen Textkorpus usw. - besonders prägnant auf die Analyse der ‚realistischen’ Literaturepoche durchschlagen. Studierende und Literaturwissenschaft-ler, die sich erstmals mit diesem Thema beschäftigen, sehen sich in der Folge mit einer sehr verwirrenden Ausgangslage konfrontiert: In der Forschungsliteratur wird eine enorme Viel-zahl an unterschiedlichen Epochenbezeichnungen (poetischer Realismus; bürgerlicher Realismus; programmatischer Realismus; literarischer Realismus; künstlerischer Realismus usw.) diskutiert, die konzeptuell Charakteristika der Epoche jeweils in einer bestimmten Facette konkretisieren und damit, wie bereits angedeutet , einen spezifischen Literaturbegriff auswählen. Andererseits resultiert die Begriffsvielfalt auch aus einer Vermischung von objekt- und metasprachlichen Bezeichnungen. Was gemeinhin als ‚realistisch’ verstanden wird, unterscheidet sich deutlich sowohl von den in der Literatur der Zeit verhandelten Wirklichkeitsvorstellungen als auch von aktuellen literaturwissenschaftlichen Ansätzen. Das Problem wiederholt sich quasi innerhalb der Literaturwissenschaft selbst, wo der Begriff ‚Realismus’ für die Erklärung kategorial unterschiedlicher Sachverhalte herhalten muss, so dass neben der Epochenbezeichnung auch synchrone Phänomene auf Norm- und Stilebene damit belegt werden. Hinzu kommt, dass auch in anderen Disziplinen (Philosophie, Ästhetik, Sprachwissenschaft, Geschichte u.a.) Realismuskonzepte seit jeher explizit verhandelt werden und naturgemäß (heterogen) auf die literaturwissenschaftliche Analyse der Epoche rückwirken. Kurz gesagt: Die literarische Epoche des ‚Realismus’ ist für Anfänger nur schwer zugänglich, und solide wissenschaftliche Einführungen in die Forschung sind, gerade vor dem Hintergrund der enormen Fülle an neuer Sekundärliteratur, dringender als je zuvor vonnöten.

Die im Verlag der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft Darmstadt erschienene Einführung in die Literatur des Bürgerlichen Realismus von Bernd Balzer kommt dieser Aufgabe, um es gleich vorab zu sagen, in überzeugender Weise nach. Auf nur 160 Seiten meistert der Autor die anspruchsvolle Aufgabe, anschaulich und zugleich auf der Höhe des aktuellen For-schungsstandes die wichtigsten theoretischen Konzepte der realistischen Epoche darzustellen und die genannten Problemfelder im Kontext der einschlägigen Primärliteratur zu diskutieren. Entsprechend gliedert sich die Einführung in zwei quantitativ gleich gewichtete thematische Einheiten.
Im ersten ‚theoretischen Teil’ werden die relevanten historischen und literarischen Grundfragen der Epoche erörtert. Neben einer Problematisierung der oben skizzierten Facetten des Realismusbegriffes und einem kurzen Forschungsbericht über die Wegmarken der Sekundärliteratur werden dem Leser einführende Überblicksdarstellungen zu verschiedenen "Kontexten" (vgl. Kapitel III) der Zeit zwischen 1848 und dem Übergang zur frühen Moderne in den 1890er Jahren geboten: Unter einer kulturgeschichtlichen und politischen Perspektive zeigt Balzer beispielsweise die Entwicklung vom "deutschen Minderwertigkeitskomplex" (S. 18) nach der gescheiterten Revolution von 1848 hin zum neuen Selbstbewusstsein, das durch den Aufstieg des Bürgertums im Zuge des wirtschaftlichen und industriellen Aufschwungs entstand. Damit ging, wie Balzer darlegt, eine rege Belebung des ganzen Buchwesens einher, das durch die Neugründung zahlreicher Zeitschriften, Verlage und Leihbibliotheken eine neue Blüte erlebte. Der spannende Blick Balzers auf den philosophischen Kontext der Zeit macht - um ein anderes Beispiel zu nennen - deutlich, wie das Erstarken des bürgerlichen Bewusstseins von den zeitgenössischen Philosophen flankiert und zum Teil sogar vorbereitet wurde, etwa durch Feuerbachs Ablehnung einer jenseitigen und Hinwendung zur diesseitigen Welt oder durch Schopenhauers Absage an den Erkenntniswert utopischer Weltentwürfe.

Den Auswirkungen dieser ‚Bürgerlichkeit’ auf den literarischen Diskurs der Zeit widmet Balzers Kontextualisierung den meisten Raum. Sein methodologischer Zugang zur Lösung der oben skizzierten Begriffsvielfalt hinsichtlich der Epochenbezeichnung besteht in einer "konsequenten Historisierung" (S. 11) und der damit einhergehenden "Rückkehr" (S. 12) zur (ti-telgebenden) Bezeichnung des ‚Bürgerlichen Realismus’. In dem bereits in den 1960er Jahren vor allem von Fritz Martini geprägten Begriff ist für Balzer die moralisch-weltanschauliche Haltung und das zweckrationale Bewusstsein des Bürgertums aufgehoben, die in den literarischen Werken der Zeit implizit oder explizit entweder affirmativ aufgegriffen bzw. kritisch-kontrovers diskutiert würden. Die bürgerlich-realistische Haltung vollende dabei das Projekt der Aufklärung, da unter der Herrschaft der Vernunft ‚Entmythologisierung’ (d.h. vor allem auch: ‚Entromantisierung’), ‚Verwissenschaftlichung des Denkens’ und ‚Realpolitik’, kurzum: die ‚Entzauberung der Welt’ zu den zentralen bürgerlichen Werten avancierten. Die These Balzers besteht folglich darin, dass die literarische Auseinandersetzung mit dem bürgerlichen Bewusstsein in diesem Sinne eine entsprechend ‚realistische’ Literatur erzeugte, die ‚romantische’ oder ‚wunderbare’ Bewusstseinszustände und Weltausschnitte weitgehend ausspart. Mit diesem Zugriff auf die Epoche macht Balzer somit einen klassischen, um nicht zu sagen konservativen literaturhistorischen Zugriff stark und grenzt sich explizit von neueren kulturwissenschaftlichen Ansätzen ab, deren Bestimmungsversuche er im Rahmen der Litera-turwissenschaft ohne weitere Ausführung global und undifferenziert als "verbale Gesten" (S. 16) bezeichnet.

Der zweite Teil der Einführung ist exemplarischen Analysen repräsentativer literarischer Werke der Epoche vorbehalten. Kenntnisreich liefert der Autor interessante Interpretationen von Stifters Brigitta, Kellers Grünem Heinrich, Storms Schimmelreiter, Raabes Stopfkuchen und Fontanes Romanen Schach von Wuthenow und Der Stechlin, die immer von einem kurzen Abriss des entstehungs- und publikationsgeschichtlichen Basiswissens zum jeweiligen Werk eingeleitet werden. Bei seinen Interpretationen gelingt es Balzer durchweg, zahlreiche der zuvor im Theorieteil erarbeiteten Erkenntnisse in seine Analysen einfließen zu lassen, so dass sukzessive ein theorie- und ‚praxisgesättigtes’ Panorama der realistischen Literaturepoche vor dem inneren Auge des Lesers entsteht. Hervorzuheben ist hierbei Balzers Entscheidung, die relevante Forschungsliteratur im Text nicht gesondert zu thematisieren, sondern fast ausschließlich implizit in die Analysen einfließen zu lassen. Dadurch werden Anfänger auf sanftem Wege an zentrale literarische Strategien des Realismus (z.B. das Prinzip der ‚Verklärung’; Dominanz des Ordnungsgedankens usw.) herangeführt und nicht durch das in diesem Kontext sonst durchaus übliche ‚name dropping’ bekannter Studien und Sekundärautoren abgeschreckt (Interessierte finden die den Kapiteln zu Grunde gelegte Literatur in Form einer kommentierten Bibliographie am Ende des Bandes). Hinsichtlich der ausgewählten Primärliteratur gelingt Balzer mit den genannten kanonischen Texten eine überzeugende und repräsentative Zusammenstellung, mit der er innerhalb der Epoche des Realismus die Entwicklung von der ‚frühen’ Verbindlichkeit bürgerlicher Ordnungsmuster (Stifters Brigitta, 1847) hin zur ‚späten’ Erosion dieser Wertvorstellungen am Ende des Jahrhunderts (Fontanes Stechlin, 1897) aufzeigen kann. Freilich bleibt kritisch zu fragen, warum Theodor Fontane mit zwei Werken innerhalb des nur geringen Korpus überrepräsentiert ist und warum stattdessen nicht z.B. mit Marie von Ebner-Eschenbach zumindest auch eine Autorin des Realismus behandelt wird.

Fazit: Bernd Balzer hat eine überzeugende Einführung in die Literatur des ‚bürgerlichen’ Realismus vorgelegt, von der vor allem Studierende im Grundstudium profitieren werden. Der wissenschaftliche Einstieg ins Thema wird dadurch erleichtert, dass auf engstem Raum die wichtigsten Konzepte der Forschung anhand kanonischer Primärliteratur diskutiert werden, ohne dass die einzelnen methodologischen bzw. paradigmatischen Ansätze der Literaturwissenschaft selbst in den Vordergrund rücken. Anders formuliert liegt eine der Stärken der Einführung darin, dass sie aus didaktischen Gründen die Stufe der ‚Beobachtung erster Ordnung’ nicht überschreitet. Der transparente Aufbau und die hilfreiche textgestalterische Aufmachung des Bandes (z.B. Überschriften zu jedem Ansatz am Rand) unterstützen diesen Zugang zum Thema. Fortgeschrittene Realismusforscher werden aus den genannten Gründen den Band ebenfalls mit Gewinn lesen, aber - aufgrund der weitgehend ausgesparten Metareflexion der Forschung selbst - zusätzlich die ebenfalls in den letzten Jahren erschienenen einführenden Studien von Hugo Aust (Literatur des Realismus, 3. Aufl., 2000; Realismus. Lehrbuch Germanistik, 2006) und Sabina Becker (Bürgerlicher Realismus. Literatur und Kultur im bürgerlichen Zeitalter 1848-1900, 2003) konsultieren, die auch ‚Beobachtung zweiter Ordnung’ betreiben. Kritisch muss abschließend jedoch auf Balzers globale Verurteilung der kulturwissenschaftlichen Realismusforschung hingewiesen werden, die nicht mehr als didaktische Re-duzierung aufgefasst werden kann. Hier würde man sich wünschen, dass statt der im Text weitgehend unbegründeten Abwehrhaltung zumindest eine kurze Auseinandersetzung mit den aktuellen kulturwissenschaftlichen Ansätzen zum Thema erfolgen würde, auf deren Grundlage dann Balzers Entscheidung für seinen literarhistorischen Zugang (noch) besser nachvollzogen werden könnte.


Bernd Balzer (2006): Einführung in die Literatur des Bürgerlichen Realismus. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft. 160 S., broschiert, 14,90 Euro. ISBN: 3534162692


  Inhaltsverzeichnis

I. Epochenbegriff (S. 6)

1. Zur Problematik der Epoche (S. 7)
2. Was heißt "Realismus"? (S. 10)
3. Der Bürgerliche Realismus (S. 12)


II. Forschungsbericht (S. 14)


III. Kontexte (S. 18)

1. Vom Minderwertigkeitskomplex zu neuem Selbstbewusstsein (S. 18)
2. Die politische Entwicklung zwischen 1848 und den 90er Jahren (S. 20)
3. Industrieller "takeoff" - die wirtschaftliche und soziale Entwicklung nach 1848 (S. 26)
4. Lesekultur und Buchmarkt (S. 28)
5. Entmythologisierungen: Strauß, Schopenhauer, Feuerbach und die Positivisten (S. 32)
6. Das Beispiel: Fotographie und Bildende Kunst (S. 37)


IV. Aspekte und Geschichte der Literatur (S. 42)

1. Theorie (S. 42)
2. Themen und Probleme, Gattungen und Stile (S. 47)
3. Abriss der Epoche (S. 71)


V. Einzelanalysen repräsentativer Werke (S. 76)

1. Erzählend die wüste Welt in schöne Ordnung bringen - Adalbert Stifter: Brigitta (1847) (S. 76)
2. Ein Weltbild aus Diskursen - Gottfried Keller: Der grüne Heinrich (1855) (S. 83)
3. Der dreifach eingefriedete Konflikt - Theodor Storm: Der Schimmelreiter (1881) (S. 100)
4. Erzählte Geschichte - Theodor Fontane : Schach von Wuthenow (1883) (S. 108)
5. Der Außenseiterblick auf die Welt - Wilhelm Raabe: Stopfkuchen (1891) (S. 122)
6. Die Welt im Gespräch - Theodor Fontane: Der Stechlin (1897) (S. 134)


Kommentierte Bibliographie (S. 148)

Personenregister (S. 156)

Sachregister (S. 159)


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