Benutzerspezifische Werkzeuge

Sektionen

Benutzerspezifische Werkzeuge

Information zum Seitenaufbau und Sprungmarken fuer Screenreader-Benutzer: Brotkrumen-Navigation | Direkt zur Navigation | vertikale linke Navigationsleiste | Website durchsuchen | Direkt zum Inhalt | vor rechter Kolumne mit zusaetzlichen Informationen | Aktionen/Tools: Drucken, Permanent Link, to the English version, zur deutschen Version | Fussbereich: Sitemap, Barrierefreiheit, Hilfe und Login fuer Redakteure

Artikelaktionen
  • Permanent Link

Literarischer Suizid und die Frage nach dem 'Warum'

Eine Rezension von Tanja Hagedorn

Lange, Dirk: Warum will Frankensteins Monster sterben? Selbstmord im englischen Roman des 19. Jahrhunderts. Heidelberg: Winter, 2005.

Dirk Lange stellt in seiner Monographie die Frage nach der Motivation der literarischen Suizide in der englischen Romantik bis zum Spätviktorianismus. Er legt dabei den Fokus auf Mary Shelleys Frankenstein, Werke Trollopes und Dickens, Stevensons Jekyll&Hyde sowie The Picture of Dorian Gray. Gängige psychologische und soziologische Suizidtheorien einbeziehend zeigt Lange drei Formen suizidaler Genese, des Weges bis zum Selbstmord der Figuren, auf. Als erstes analysiert er die suizidale Genese als einen von der Gesellschaft provozierten Verlauf. Des Weiteren stellt der Verfasser die durch Eigeninteresse selbst verschuldete Notwendigkeit zum Selbstmord als Motivation heraus. Zuletzt bestimmt er den Suizid als Flucht aus dem Konflikt einer inneren Dualität.



Der Selbstmord in der englischen Literatur war, abgesehen von Barbara Gates’ Mad Crimes and Sad Histories, bisher nur Inhalt einzelner Werkanalysen. Dagegen verspricht die vorliegende Untersuchung Langes, einen werkübergreifenden Zusammenhang herzustellen.
Einführend beschreibt der Verfasser die wichtigsten psychologischen und soziologischen Suizidtheorien. Für den geistesgeschichtlichen Hintergrund zum Selbstmord speziell in Shelleys Frankenstein wird anschließend eine Darstellung zeitgenössischer religiöser, juristischer und medizinischer Diskurse gegeben. Im weiteren Verlauf der Untersuchung werden diese Informationen durch Narzissmustheorien, familiäre Hintergründe der Autorin und den Einfluss von Goethes Werther ergänzt.
Im Anschluss an diese theoretische Einführung erklärt Lange die Suizidmotivation des frankensteinschen Monsters als Resultat mehrfacher Ablehnung. Eine fehlerhafte Sozialisation und die Verweigerung einer Gefährtin durch Frankenstein selbst produzieren Aggression und Rachewünsche, die das Monster schließlich zum Morden bringen. Als Mörder entfernt es sich weiter von der Gesellschaft, was es schließlich in den Selbstmord treibt. Somit ist der Suizid als "Endpunkt einer suizidalen Genese" (S. 105) zu sehen, die ihre Vorbilder in Rousseaus Biografie sowie in den Jacobin novels findet. Dabei stellt der Verfasser heraus, dass keineswegs das Monster negativ geschildert wird, sondern die Gesellschaft, die dessen Versuche der Annäherung ablehnt.

Unter einer anderen Motivation fasst Lange Suizide bei Dickens und Trollope zusammen. Der Selbstmord liegt in ihren Werken in der Angst vor den Konsequenzen des eigenen Handelns begründet. Vor dem Hintergrund einer kapitalistischen Ideologie handeln Figuren aus reinem Selbstinteresse und inhuman. Ihr Freitod ist die Reaktion auf die Sanktionen, die ihr Vorgehen fordert. Doch auch hier, so der Verfasser, sind die Suizide als Kritik an einer Gesellschaft zu sehen, welche das kapitalistische Streben unterstützt.

Abschließend vergleicht Lange die Suizide in Jekyll&Hyde und Dorian Gray. Die Motivation zum Selbstmord ergibt sich in beiden Romanen aus der dem Menschen innewohnenden Dualität von Kontrolle und Trieb: Diese beiden Seiten des Inneren geraten in Konflikt. Bei Jekyll ist es der natürliche Trieb nach ‚pleasures’, der mit der von der Gesellschaft auferlegten Selbstkontrolle kollidiert. Die Umleitung des Triebs in Hyde als "false self" (S. 290) verschlimmert den Konflikt so weit, dass Jekyll mit dem Selbstmord, dem "Mord am Teil des Selbst" (S. 260), einschreitet, bevor die Gesellschaft sanktionierend eingreift. Wiederum wird eine Kritik an einer Gesellschaft deutlich, die natürliche Wünsche nach ‚pleasures’ nicht akzeptiert.
Die Gesellschaft beschränkt, dem Verfasser zufolge, auch Dorian Gray, der sich gemäß der hedonistischen Ideologie Lord Henrys individuell entfalten können sollte. Dies führt zur Ausbildung eines äußerlich reinen, aber innerlich unmoralischen Selbst. Letzteres findet in der zunehmenden Hässlichkeit seines Porträts Ausdruck. Jedoch geht der hedonistische Teil von Dorians Selbst in seiner Freizügigkeit zu weit, und Dorian kommt wie Jekyll der gesellschaftlichen Reaktion durch seinen Selbstmord zuvor.

Lange führt die fiktionalen Suizide letztlich also auf drei zentrale Beweggründe zurück: der gesellschaftlich provozierte Suizid, die Selbstverschuldung durch Inhumanität und die Zuspitzung eines inneren Konflikts. Trotz dieser prägnanten Ergebnisse wäre eine stärkere Fokussierung auf die Fragestellung wünschenswert gewesen, da sich diese oft hinter weitschweifigen Exkursen (z.B. zu Robinson Crusoe) verliert. Gleichwohl untersucht Lange eingehend die Motivation der behandelten Suizide und stellt sie erstmals zusammen. Die Arbeit liefert somit hinsichtlich des Analyseansatzes und der Primärauswahl einen wertvollen Forschungsbeitrag.


Lange, Dirk: Warum will Frankensteins Monster sterben? Selbstmord im englischen Roman des 19. Jahrhunderts. Heidelberg: Winter, 2005. Hardcover. 346 Seiten. ISBN 3825350991


  Inhaltsverzeichnis


Vorwort 13

1 Horizonte 19
1.1 Ein Horizont der Gegenwart: Moderne Konzeptionen suizidaler Genesen 25
1.1.1 Psychoanalytische Ansätze 27
1.1.2 Der psychiatrische Ansatz 27
1.1.3 Soziologische Theorien 35
1.2 Ein historischer Horizont: Suizid-Diskurse im England des 19. Jahrhunderts 42
1.2.1 Der klerikale Diskurs 42
1.2.2 Der juristische Diskurs 51
1.2.3 Der medizinische Diskurs 57

2 Mary Shelleys Frankenstein (1818) 63
2.1 Annäherung an die suizidale Figur 63
2.2 Frankenstein im Kontext moderner Konzeptionen der Suizidalität 70
2.2.1 Monstrosität als Metapher menschlicher Isolation, das Monster als Beispiel einer radikalisierten suizidalen Genese 70
2.2.2 Aggression als Reaktion auf Objektverlust 73
2.2.3 Narzisstische Objektbindung als Ausweg aus der Isolation 84
2.2.4 Kumulierte Aggression als Reaktion auf Kränkung durch Verweigerung eines narzisstischen Objektes 98
2.2.5 Der Suizid des Monsters als Endpunkt eines durch radikalisierte Objektlosigkeit bedingten Leidens am Leben 103
2.3 Frankenstein als Kontext einer Zusammenführung und Erweiterung psychologischer Modelle der Suizidalität 107
2.3.1 Warum mordet sich Frankensteins Monster? Warum mordet sich das Selbst? 107
2.3.2 Narzissmus und Objektbeziehungen 109
2.3.3 Das Selbst
2.3.4 Der Suizid als Konsequenz einer Pathologie des Narzissmus, des Selbst und der Beziehung zu Objekten 116
2.4 Frankenstein im biographischen und sozio-historischen Kontext 119
2.4.1 Die Suizidversuche Mary Wollstonecrafts und der Suizid Fanny Imlays 119
2.4.2 Der Suizid Harriet Shelleys 126
2.4.3 Die Suizide und der öffentliche Raum 128
2.5 Suizidalität in Frankenstein im Kontext der englischen Romantik 133
2.5.1 Jean Jacques Rousseau als Initiator einer romantischen Literatur im Erleben monströser Einsamkeit 134
2.5.2 Die englische Jacobin Novel als Spiegel revolutionärer Ideale und zerstörerischer individueller Isolation 150
2.6 Werther - romantischer Held und kontinentaleuropäischer Liberator des Suizids? 166
2.6.1 Werther, ein Mensch ohne Gesellschaft 169
2.6.2 Die innere Ursache für Werthers Einsamkeit 171
2.6.3 Lotte, Werthers Schlüssel zum Leben 173
2.6.4 Der Suizid als Topos im Werther 175
2.6.5 Werther als Initiator eines Selbstmord-Diskurses 179
2.6.6 Die Werther-Rezeption in England 183

3 Villainous suicidals und suicidal villains bei Trollope und Dickens 191
3.1 Kapitalistische Ideologie- und Theoriebildung als Kontext literarischer Suizide 195
3.1.1 Exkurs: Kapitalismus und Moral: Die USA im Prozess einer (Neu)Definition ökonomischer Ethik 199
3.2 Literarische Suizidanten in Texten Anthony Trollopes 203
3.2.1 The Bertrams (1859) 203
3.2.2 The Prime Minister (1876) 211
3.2.3 The Way We Live Now (1875) 217
3.3 Literarische Suizidanten in Texten Charles Dickens’ 232
3.3.1 Nickolas Nickleby (1839) 232
3.3.2 Martin Chuzzlewit (1844) 243
3.3.3 The Chimes (1844) 249

4 Divided murdering selves bei Stevenson und Wilde 259
4.1 Robert Louis Stevensons Dr. Jekyll and Mr Hyde (1886) 261
4.1.1 Wer ist Jekyll, wer ist Hyde? Annäherung an die suizidale(n) Figur(en) 263
4.1.2 Was ist Hyde? Dr. Jekyll and Mr Hyde im Kontext einer Theorie der Evolution 269
4.1.3 Warum ist Hyde? Dr. Jekyll and Mr Hyde im Kontext psychoanalytischer Modelle der menschlichen Psyche, der Scham und des ‚false self’ 281
4.2 Oscar Wildes The Picture of Dorian Gray (1890) 295
4.2.1 Dorian, ein gescheiterter Narziss. Annäherung an die suizidale Figur 295
4.2.2 Moralität als Antisubversion. The Picture of Dorian Gray im Kontext einer Ideologie des Individualismus 296
4.2.3 De(kon)struktion des Gewissens. The Picture of Dorian Gray im Kontext einer Ideologie des Hedonismus 301
4.2.4 Dorians Suizid als Konsequenz einer Biographie zwischen Individualismus und Hedonismus 310
4.3 Divided murdering selves als Paradigma einer Form der Suizidalität 320

5 Zusammenfassung 329

6 Literaturverzeichnis 333


© bei der Autorin und bei KULT_online