Benutzerspezifische Werkzeuge

Information zum Seitenaufbau und Sprungmarken fuer Screenreader-Benutzer: Ganz oben links auf jeder Seite befindet sich das Logo der JLU, verlinkt mit der Startseite. Neben dem Logo kann sich rechts daneben das Bannerbild anschließen. Rechts daneben kann sich ein weiteres Bild/Schriftzug befinden. Es folgt die Suche. Unterhalb dieser oberen Leiste schliesst sich die Hauptnavigation an. Unterhalb der Hauptnavigation befindet sich der Inhaltsbereich. Die Feinnavigation findet sich - sofern vorhanden - in der linken Spalte. In der rechten Spalte finden Sie ueblicherweise Kontaktdaten. Als Abschluss der Seite findet sich die Brotkrumennavigation und im Fussbereich Links zu Barrierefreiheit, Impressum, Hilfe und das Login fuer Redakteure. Barrierefreiheit JLU - Logo, Link zur Startseite der JLU-Gießen Direkt zur Navigation vertikale linke Navigationsleiste vor Sie sind hier Direkt zum Inhalt vor rechter Kolumne mit zusaetzlichen Informationen vor Suche vor Fußbereich mit Impressum

Artikelaktionen

"Geisterseher, Hobbits und der Goldne Topf": Von der Unschlüssigkeit literarischen Grenzüberschreitung

Eine Rezension von Thomas Scholz (Leipzig)

Simonis, Annette: Grenzüberschreitungen in der phantastischen Literatur. Einführung in die Theorie und Geschichte eines narrativen Genres. Heidelberg: Winter, 2005.

Einen kulturwissenschaftlichen Zugang zur phantastischen Literatur eröffnet Annette Simonis in Grenzüberschreitungen in der phantastischen Literatur. Unter der Zielsetzung einer Einführung in die Theorie und Geschichte eines narrativen Genres verortet die Verfasserin Texte Walpoles, Schillers, Hoffmanns, Poes, Gautiers und Tolkiens im Theoriediskurs der Phantastik und modelliert dabei die ,Transgression’ zur entscheidenden theoretischen Figur für eine (Neu-)Bestimmung phantastischer Literatur.



Die (weitere) Erschließung phantastischer Texte als Quelle anthropologischer und kulturhistorischer Erkenntnis ist die zentrale Leistung, die Annette Simonis für die Phantastikforschung mit ihrer Monographie erbringt. Tradierte und pauschale Vorurteile (Trivialität, Eskapismus und (moralischer) Reaktionismus), die seitens der Philologien wiederholt gegen die Phantastik angeführt wurden, verblassen hinsichtlich der Aufschlüsselung, welche die Verfasserin an den von ihr ausgewählten kanonischen Texten der deutschen, angelsächsischen und französischen Literaturgeschichte durchführt, weitgehend.

Nach einem Kapitel zur literaturtheoretischen und kulturhistorischen Einführung ins Thema behandelt Simonis Primärtexte und narratologische und thematische Komplexe in Einzelkapiteln. In den Werkanalysen verortet sie die jeweiligen Texte im literar- oder kulturhistorischen Kontext. Eine semantische bzw. narratologische Analyse soll exemplarisch für die Textgattung der Phantastik typische Charakteristika und Kriterien herausarbeiten. Dabei entstehen in vielen Fällen durchaus neue Ansätze der Werkbetrachtung, wie etwa Tolkiens The Lord of the Rings als postkolonialer Diskurs, die zu weitergehenden Betrachtungen einladen.

Leider werden Simonis’ Darlegungen und Schlussfolgerungen durchgehend durch eine begriffliche Ungenauigkeit destabilisiert. Diese gründet auf der Tatsache, dass Simonis sich zwar grundlegend nach Todorov auf den ontologischen Zweifel an der Tatsächlichkeit des wunderbaren Ereignisses im Text als Kriterium der literarischen Phantastik bezieht, diese Definition jedoch im Laufe ihrer Arbeit aufgibt und den Begriff der Phantastik im Sinne des ahistorischen Maximalismus fasst, ohne dies jedoch zu thematisieren oder argumentativ zu stützen.
Diese missliche Verwendung der Terminologie bahnt sich schon in der eher spärlichen Zusammenfassung der Autorin zur Phantastikforschung an, die zahlreiche Vertreter der Disziplin ungenannt lässt und nur ungenügend in die zentralen Theoreme des bulgarischen Theoretikers Todorov einführt, obwohl sie diesen für "bis heute grundlegend" (S. 21) hält. Zusammengenommen geht dadurch die strukturalistische Trennschärfe der Begriffe, welche Todorov zuerst etablierte und die von Uwe Durst konsequent ausdifferenziert wurde, über weite Strecken wieder verloren, ohne dass ein Gewinn dieser Vorgehensweise ersichtlich würde.
Die begriffliche Unschärfe kennzeichnet auch Simonis’ zentrale Termini, beispielsweise den Begriff der ‚Grenzüberschreitung’ und den des ‚Rituals’. Die auf dieser Basis aufgezeigten Gemeinsamkeiten und Charakteristika der gewählten, sehr heterogenen Textgruppe erscheinen daher wenig aussagekräftig, wenngleich die grundlegenden kulturhistorischen Gedanken überzeugend wirken.

In formaler Hinsicht sind ebenso Mängel zu beklagen. Redundante Textpassagen erschweren die Lektüre ebenso wie das mangelhafte Lektorat, das sich in doppelten Leerzeichen und orthographische Fehlern niederschlägt. Zusätzlich erschwert der fehlende Index die Arbeit mit der Monographie.

Die zu beanstandenden Punkte sind umso bedauerlicher, da die en passant eingestreuten Beobachtungen zu würdigen sind: Sie eröffnen Perspektiven für weiterführende Untersuchungen, deren Gegenstände bisher von weiten Teilen der Kulturwissenschaften nicht beachtet worden sind. Im letzten Kapitel, welches bedauerlicherweise auf eine abschließende Zusammenfassung der gewonnenen Ergebnisse weitgehend verzichtet, wird - leider nur in der Kürze eines ‚Ausblicks’ - unter anderem die Aufmerksamkeit auf Rezeptionsaspekte von phantastischer Literatur gelenkt. Themen wie die "Kreativität zweiten Grades", die bisweilen kultähnliche Verehrung einzelner Werke in Fangemeinden sowie neue Formen der Autorschaft in Form von offenen Internet-Schreibgemeinschaften sind Facetten der literarischen Phantastik, die bislang innerhalb der Literaturwissenschaft wenig Aufmerksamkeit erfahren haben.

Simonis’ Grenzüberschreitungen in der phantastischen Literatur ist keinesfalls eine Einführung in die Theorie und Geschichte eines narrativen Genres, wie der Titel behauptet. Ohne Kenntnis der relevanten wissenschaftlichen Theorien sowie der kultur- und literarhistorischen Zusammenhänge ist es sehr schwierig, die begrifflichen Ungenauigkeiten als solche zu identifizieren und von den zweifelsfrei vorhandenen Erkenntnissen zu unterscheiden. Wenngleich sich Simonis’ Band demnach als Einführung für Studierende wenig eignet, so bieten ihre Ausführungen zu Theorie und Methode der phantastischen Literatur ‚fortgeschrittenen’ Phantastikforschern jedoch eine kontroverse Diskussionsgrundlage.


Annette Simonis: Grenzüberschreitungen in der phantastischen Literatur. Heidelberg: Winter, 2005. 312 S., Hardcover, 34,50 Euro. ISBN 3825350215


  Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1. Das Phantastische als Herausforderung - Zur paradoxen Formierung der phantastischen Erzählliteratur im Zeitalter der Aufklärung

1.1. Aufbruch ins Imaginäre: Zur Entstehungsgeschichte der literarischen Phantastik in der Frühen Neuzeit
1.2. Forschungskontroversen um einen umstrittenen Gattungsbegriff
1.3. Erzähltechnische und wirkungsästhetische Aspekte phantastischer Literatur im Dienste einer gezielten Ambivalenzerzeugung
1.4. Grenzüberschreitung und Passagenriten als dynamische Strukturmodelle phantastischer Literatur
1.5. Mediale Adaption des Phantastischen

2. Orte des Unheimlichen und ästhetische Raummetaphern des Schreckens - Horace Walpole: The Castle of Otranto

2.1. Maskenspiel und Herausgeberfiktion
2.2. Mythos und Traumgenese
2.3. Familienstruktur als Szenario latenter Aggression und offener Gewalt
2.4. Melancholischer Ausblick

3. Der Einbruch des Übernatürlichen und Unheimlichen in die Ästhetik eines deutschen ,Klassikers' - Friedrich Schiller: Der Geisterseher

3.1. Zur Präsenz ,gotischen' Schreibens in Deutschland
3.2. Im Spannungsfeld zwischen klassizistischer Ästhetisierung und Romanpoetik
3.3. Mehrdeutigkeit und narrative Vielschichtigkeit
3.4. Rätsel der novellistischen Binnenerzählung
3.5. Adaptionen ,gotischer' Themen und Konflikte im ,modernen' Roman

4. Zur Selbstreflexion des Phantastischen im ästhetischen Medium der Schrift - E.T.A. Hoffmanns Erzählkunst zwischen romantischer Imagination und Materialität der Zeichen

4.1. Literarische Phantastik und kulturelle Gender- Rollen in Hoffmanns Erzählung Der goldene Topf
4.2. Momente der Unschlüssigkeit und Polyvalenz
4.3. Ästhetische Selbstreflexion und phantasmagorische Schreibübungen
4.4. Musikalische Metamorphose - Ritter Gluck

5. Die verborgene Seite des Ästhetizisten - Theophile Gautier: La morte amoureuse

5.1. Das Unerhörte erzählen - Deviante Erotik und katholische Rituale
5.2. Zwischen Faszination und Dämonisierung des Phantastischen - zur problematischen (Selbst-)Kritik in der Gautierschen Erzählung

6. Deviante Liebe und Sexualität, Tabubrüche, Metamorphosen, Grenzüberschreitungen und Passagenriten in der phantastischen Literatur

6.1. Erotische Devianz und Heterotopien
6.2. Phantastische Metamorphosen, Rituale der Grausamkeit und der Initiation

7. Aporien des Erzählens - Zur Modernität der phantastischen Literatur

7.1. Symbolische Verfahren und anspielungsreiche Suggestivität
7.2. Erschütterung und Destabilisierung des Erzählens

8. Phantastische Zeitwahrnehmung und Zeitkonzeptionen: Howard Philipp Lovecraft: The Shadow out of Time

8.1. Varianten phantastischer Zeitgestaltung
8.2. Fragmentierung des Zeitlichen: Amnesie, traumatische Erinnerung und Traumprotokolle in H.P. Lovecrafts The Shadow out of Time
8.3. Orte der Schrift: Die Bibliothek als Raum der temporalen Interferenz und paradoxen Zeitbegegnung
8.4. Entfremdete Zeit - Zeit des Fremden

 

9. J.R.R. Tolkiens Lord of the Rings als Prototyp moderner Fantasy - oder die paradoxe Folgen einer wissenschaftlichen Mythomanie

9.1. Tolkiens phantastischer Roman im Kontext der neuen Formierung des Genres im Jahrhundert
9.2. Ethnologischer Blick und Rituale: Szenario Mittelerde - Mythische Totalität und kulturelle Binnendifferenzierung
9.3. Unerhörte Begegnungen und ironische Inversionen phantastischer Traditionen
9.4. Übergangsrituale und graduelle Potenzierung des Unheimlich-Phantastischen
9.5. Wirkungsästhetische Gesichtspunkte - Rituale des Lesens

10. Ausblick - Spielarten und Tendenzen der phantastischen Literatur in der Gegenwart

Auswahlbibliographie

Die Redaktion weist darauf hin, dass die Autorin des rezensierten Bandes Mitglied des Graduiertenzentrums ist, in dessen Rahmen auch dieses Magazin heraus gegeben wird.

© beim Autor und bei KULT_online