Benutzerspezifische Werkzeuge

Information zum Seitenaufbau und Sprungmarken fuer Screenreader-Benutzer: Ganz oben links auf jeder Seite befindet sich das Logo der JLU, verlinkt mit der Startseite. Neben dem Logo kann sich rechts daneben das Bannerbild anschließen. Rechts daneben kann sich ein weiteres Bild/Schriftzug befinden. Es folgt die Suche. Unterhalb dieser oberen Leiste schliesst sich die Hauptnavigation an. Unterhalb der Hauptnavigation befindet sich der Inhaltsbereich. Die Feinnavigation findet sich - sofern vorhanden - in der linken Spalte. In der rechten Spalte finden Sie ueblicherweise Kontaktdaten. Als Abschluss der Seite findet sich die Brotkrumennavigation und im Fussbereich Links zu Barrierefreiheit, Impressum, Hilfe und das Login fuer Redakteure. Barrierefreiheit JLU - Logo, Link zur Startseite der JLU-Gießen Direkt zur Navigation vertikale linke Navigationsleiste vor Sie sind hier Direkt zum Inhalt vor rechter Kolumne mit zusaetzlichen Informationen vor Suche vor Fußbereich mit Impressum

Artikelaktionen

Plädoyer für das Vergessen

Eine Rezension von Jan Rupp

Behrens, Kai: Ästhetische Obliviologie. Zur Theoriegeschichte des Vergessens. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2005.

Die Studie von Kai Behrens sieht in der Literatur eine "produktive Eigenlogik ästhetischen Vergessens" (S. 11) am Werk. Diese wird mit dem Neologismus ‚Obliviologie‘ versehen und anhand ausgewählter literaturtheoretischer Konzepte des 20. Jahrhunderts als durchgehendes Moment literarischer Kommunikation profiliert. Mit der Rolle des Vergessens in der Literatur wird die Würdigung eines lange vernachlässigten Aspekts der gegenwärtigen Debatten über ‚Kultur und Gedächtnis‘ weiter vorangetrieben.


Die theoretisch-konzeptionelle Studie, zugleich die Dissertation des Verfassers, sieht sich mit diesem Vorhaben einer geradezu kanonischen Skepsis gegenüber, die Umberto Eco bereits lange vor dem eigentlichen ‚Boom‘ der kulturwissenschaftlichen Gedächtnisforschung der letzten anderthalb Jahrzehnte begründet hat. In seinem 1966 erstmals präsentierten, 1988 auf Englisch erschienenen Aufsatz "An Ars Oblivionalis? Forget It!" erteilte er der Möglichkeit einer Vergessenskunst eine Absage. Für Eco hatte das Vergessen in einer zeichenbildenden Kunst keinen Platz. Weil diese schließlich etwas darstellen müsse, würde die Darstellung des Vergessens niemals ein Vergessen selbst, sondern hartnäckig immer nur ein Erinnern des Vergessens erzeugen. Der alltägliche Erfahrungsbestand, dass Vergessen nie bewusst initiiert werden kann, sondern immer nur geschieht, diente Eco als zusätzliche Evidenz für die gleiche Unmöglichkeit im Bereich der Kunst. Behrens dagegen erklärt gerade den Bereich der Kunst zum exklusiven "Phänomenbereich, in dem wir vergessen wollen können" (S. 319) - und die "moderne Kunst/ Literatur" gar zu einem "Arkadien des Vergessens" (ebd.). Die Emphase der Formulierung ist charakteristisch für die Annäherung der Studie an das Vergessen insgesamt, die dessen "unverwechselbare, auch positive Erfahrungsdimension - das flüchtige Glück der Zerstreuung - hervorzutreiben" (ebd.) versucht.

Methodisch geht die Studie von Überlegungen zur antiken Rhetorik und Poetik aus. So wird anhand der antiken Prunkrede ein ästhetisches Verständnis der Rhetorik vorgeschlagen, das nachfolgend ein rhetorisches Verständnis der Literatur beglaubigen soll. Wie die Prunkrede, die die "figurative Amplifikation des Gegenstandes und das movere des Zuhörers" (S. 21) zum Ziel habe, setze die Dichtung auf eine "gesteigerte Verwendung von Sprachbildern zum Wohlgefallen des Publikums" (ebd.). In beiden Fällen wird auf diese Weise erschaffen, was gemeinhin wohl unter dem Stichwort der ‚ästhetischen Distanz‘ fungiert, nun aber als Form und Folge ästhetischen Vergessens, nämlich als "Kontextvergessenheit" (S. 22) reinterpretiert wird. Von dieser Warte aus kommt dem Vergessen eine "lebensweltliche Funktion" (ebd.) zu, sogar ein "ethische[r] Belang" (S. 17): "Die ästhetische Form des Vergessens entlastet die Akteure nicht nur zeitweise von praktischen Erwägungen, sondern versetzt dieselben auch in andere, neue Vorstellungshorizonte" (ebd.).

Solche Einsichten in das spezifische Leistungsvermögen von Literatur sind keineswegs neu, schon eher die These, dass dieses sich einer Bereitschaft zu ästhetischem Vergessen verdanke. In Perspektivierungen dieser Art zeigt sich das Vorgehen der Studie insgesamt, die in erster Linie die Lektüre bestehender Theorien verfolgt und diese vergessenstheoretisch beleuchtet. So wird der in der Einleitung unternommene Versuch, in der antiken Philosophiegeschichte einen "verborgenen positiven Vergessensbegriff ausfindig [zu] machen" (S. 17), auch zum Programm der zwei Hauptteile der Studie. Das Ziel, einen "starken Begriff literarästhetischer Vergessenspraxis zu bewähren" (S. 23), wird im ersten Hauptteil anhand von "drei großen Nachromantikern" (ebd.) - Freud, Nietzsche und Kierkegaard - verfolgt, wobei vor allem das Bemühen erkennbar wird, die Behauptung der Positivität des Vergessens als aktive Kraft überhaupt theoriegeschichtlich stichhaltig werden zu lassen. Im zweiten Hauptteil folgt dann die eigentlich literaturtheoretische Diskussion der ‚ästhetischen Obliviologie‘, die abermals als gleichsam ‚verborgenes‘ Element erblickt und mit Konzepten von Harold Bloom, Paul de Man, Roland Barthes und Wolfgang Iser in Verbindung gebracht wird.

Wirkt ästhetisches Vergessen als ‚Kontextvergessenheit‘ nach außen, versucht Behrens es mit Hilfe dieser Konzepte als "literarästhetische Triade des Vergessens" (S. 23) innerhalb der literarischen Kommunikation zu differenzieren - den Teilhabern Autor, Text und Leser entsprechend in die "drei Dimensionen der produktiven Strategie, der figurativen Sprache und der Lektürephänomenologie" (S. 22). So wird hinsichtlich der ‚produktiven Strategie’ Harold Blooms ‚Einflussangst‘, die Abgrenzung von der Tradition, zum Beispiel für das "Vergessen-Machen der poetischen Darstellung" (S. 323). Paul de Mans ‚ironische Aporie‘, nach der eben erzeugte Bedeutungen bald wieder unterminiert werden durch die autonome Wirkungsweise literarischer Tropen, soll mit Bezug auf die ‚figurative Sprache‘ das "Vergessen-Lassen" bzw. die "Vergessensstrukturen des literarischen Textes" (ebd.) veranschaulichen. Im Hinblick auf die Lektürephänomenologie wird Wolfgang Isers Konzept des ‚Lektürefluss‘ herangezogen, wobei das während des Lektüreablaufs mögliche Verwerfen von Lesarten betont wird, um für ein "Vergessen-Können" des Lesers bzw. für "Vergessensvollzüge (in) der ästhetischen Lektüreerfahrung" (ebd.) zu plädieren.

Dieser Nachweis der ‚ästhetischen Obliviologie‘ hat seinen Reiz, auch wenn man sich nicht des Eindrucks nicht erwehren kann, dass zuweilen sehr auf begriffliche Umetikettierungen gesetzt wird. Die Deutung von ‚ästhetischer Distanz‘ als ‚Kontextvergessenheit‘ gelingt zwar plausibel, doch macht das Kunsterlebnis den Alltag ja nicht immer im eigentlichen Sinne vergessen. Eher bleibt der Alltag häufig präsent und wird durch neue Vorstellungshorizonte mitverhandelt. Ansonsten würde sich alle ästhetische Erfahrung in bloßem Eskapismus ergehen, keine relative Freiheit ermöglichen, sondern die Probleme des Alltags nur kurzzeitig ausblenden und letztlich unverändert lassen.

Auch hält sich die Anschlussfähigkeit der Studie in gewissen Grenzen, wenn kurzerhand eine "überreizte Medientheorie" (S. 325) verworfen wird. Anstatt von "unpersönlichen Systemen oder Medien des Vergessens" (S. 319) soll (nur) von der "Phänomenologie des vergessenden Einzelnen in ästhetischer Gegenwart" (ebd.) die Rede sein. Solchen Eingrenzungen gegenüber erscheint etwa der von Günter Butzer und Manuela Günter herausgegebene Band Kulturelles Vergessen (2004) als ungleich ergiebiger, wenn er Medien, Rituale und Orte des Vergessens in den Blick nimmt. Die lesenswerten Beiträge in diesem Konferenzband decken auch die ästhetische Zerstreuung in und durch Literatur ab. Unter Verweis auf Autoren wie Laurence Sterne kommt eine breite Palette ästhetischer Strategien, auch spezifisch narrativer Verfahren des literarischen Vergessens zur Diskussion. Behrens dagegen muss die ästhetische Verortung des Vergessens mit einem rhetorischen Verständnis von Literatur fortwährend als "affektive Versenkung in als auch Überwältigung von Sprache" (S. 22) oder als "tropologische Vergessensdynamik" (S. 28) vornehmen. Die Stärken seiner Studie liegen in der extensiven Lektüre und der belesenen Rekonstruktion, in der Herleitung der ‚ästhetischen Obliviologie‘ aus einer Theoriegeschichte des Vergessens von Kierkegaard bis Nietzsche und Freud, die dem/der ideengeschichtlichen Genießer/in sicher zusagen wird.


Behrens, Kai. Ästhetische Obliviologie. Zur Theoriegeschichte des Vergessens. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2005. 350 S., kart., 44,00 €. ISBN 3-8260-2614-4


  Inhaltsverzeichnis

Einleitung 7

I. Zur Vergessenstheorie in nachromantischer Perspektive

1. Arbeit und Genuss: Freuds ambivalente Vergessensökonomie 30

a. Unvergeßlichkeit? 30
b. Situationen des Vergessens: Fehlleistung, Traum, Witz 32
i. Alltägliches Fehlleisten: der "Gegenwille" 32
ii. Traumarbeit der Wunscherfüllung: Vergessensarbeit 36
iii. Ablenkungsarbeit und Zerstreuungsgenuß: der kathartische Witz 50
c. Über Vergessensakte zum Heilungsvergessen 60
d. Vergessenslogische Metapsychologie 77
e. Aspekte einer Vergessenskultur: Glück, Masse, Urszene 95

2. Kraft der Rhetorik. Nietzsches pragmatische Vergessensästhetik 106

a. Unzeitgemäßheit 106
b. Ästhetisierung des Vergessens 110
i. Vergessenshandlungen 110
ii. Geschichtsschreibungen 118
c. Zwischen Mythos, Tragik und Trost 122
i. Erlebnisvollzüge des Vergessens: Traum und Rausch 122
ii. Heroische Vergesser: Silen, Ödipus, Prometheus 127
iii. Satyrchor und Sokrates 131
d. Illusion, Rhetorik, Vergessen 136
i. Zwei Wahrheiten der Metapher 136
ii. Wendung und Verwendung 141
iii. Das Selbstgespräch des blinden Ödipus 144
e. Redenutzen und Gedächtnismoral 147
i. Rhetorische Gesundheit 147
ii. Einprägsames Vergessen 162

3. An der Grenze zur Ironie. Kierkegaards satirische Vergessenskunst 169

a. Mit Ironie: Vergessen 169
b. Vorarbeit am Vergessen: das frühromantische ‚Projekt‘ 172
c. Ironiekritik und "Wechselwirtschaft" 183
d. Poetische Verführung 196


II. Zur Rhetorischen Literaturtheorie des Vergessens

4. Heuristik: ‚Vergessen‘ in der Literaturtheorie 201

5. Aneignungen des starken Dichters: Harold Blooms pathetischer Agon 213

a. Interpretation als Entgegnung 213
b. Nachträglichkeit, Revisionismus, Agon 216
c. Ästhetische Deformative des Vergessens (Psychopoetik) 221
i. Poetisches Fehllesen 221
ii. Wiederholung, Verdrängung, Umkehrung 225
d. ‚Vergessen‘ bei Bloom 228

6. Enteignungen des starken Textes. Paul de Mans ironische Aporie 231

a. De Man vs. Bloom, "Unlesbarkeit" vs. "Fehllesen" 231
b. Literaturtheorie, kritische Rhetorik, Blindheit 238
c. ‚Vergessen‘ bei de Man 241
d. Nach Nietzsche 251
i. Figuration vs. Defiguration: Tropik 251
ii. Überredung vs. Setzung: Persuasion 253

7. Lektürevergessen und Vergessenstext. Roland Barthes’ erotische Atopie 262

a. Vom rauschfreien Sinn zu berauschten Sinnen 262
b. Gelassenheit andernorts: Lektüre in Vergessenheit 272
c. Pluralität, Exzentrizität, Abbruch: Vergessenstext 278
d. Libidinöse Ambivalenz (Freud) 283
e. Körper und Subversion (Nietzsche) 287

8. Wirkungsästhetik des Vergessens. Wolfgang Isers stromzeitlicher Lektürefluß 294

a. Kathartisches Vergessen 294
b. Ästhetische Gegenwart 300
c. Zwischen Leerstellen und Lektüren: Vergessen als Wirkungsrelation 309

9. Schluß 318

Literaturverzeichnis 327

Danksagung 350

© beim Autor und bei KULT_online