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Von "Gesellschaft" zu "Gedächtnis" - Europäische Geschichte(n) von der Peripherie her betrachtet

Eine Rezension von Nikola Herweg

Diner, Dan: Gedächtniszeiten. Über jüdische und andere Geschichten. München: Beck, 2003.

Zwei Thesen stellt der Historiker Dan Diner seinem Essayband Gedächtniszeiten. Über Jüdische und andere Geschichten voran: Ein seiner Meinung nach anstehender Perspektivenwechsel in den Geschichtswissenschaften von einem linearen, am Nationalstaat orientieren Geschichtsverständnis zu einem gleichberechtigten Nebeneinander verschiedener Geschichten sowie die paradigmatische Bedeutung jüdischer Geschichte(n) für die Geschichtswissenschaft. In 14 zwischen 1985 und 2002 verfassten Essays konkretisiert Diner verschiedene Aspekte dieser Kernthesen und fragt nach den Möglichkeiten und Bedingungen einer europäischen Identität.



Paradigmenwechsel auszurufen, gehört zum guten Ton in den Geisteswissenschaften und auch Dan Diner, Direktor des Simon-Dubnow-Instituts für jüdische Geschichte und Kultur an der Universität Leipzig und Professor für Geschichte an der Hebrew University Jerusalem, eröffnet seine Essay-Sammlung Gedächtniszeiten. Über Jüdische und andere Geschichten mit der Ankündigung eines Umbruchs: In den Geschichtswissenschaften stehe ein Wechsel von "Gesellschaft" zu "Gedächtnis" an. Dieser basiere, so Diner, auf einer grundlegenden Erkenntnisverschiebung: der Auflösung der Vorstellung einer linearen Zeit und teleologischen Entwicklung zu Gunsten der Akzeptanz einer "Vielfalt von Vergangenheiten", der "Gleichzeitigkeit ungleichzeitiger Zeiten" (S. 8) und somit der Verwerfung nur einer Deutungshoheit. In diesem Zusammenhang wirbt Diner für eine von der jüdischen Geschichtsschreibung methodisch angeregte Geschichtswissenschaft. Die paradigmatische Bedeutung der jüdischen Geschichtsschreibung ist Diners zweite Kernthese.

Jüdische Geschichte ist die Geschichte verschiedener Judenheiten. Über Jahrhunderte ließ sich jüdische Geschichte nicht an einem Nationalstaat festmachen, weshalb ihr eine über das Paradigma des Nationalstaates hinausweisende, die Geschichte anderer Gruppen miteinbeziehende Sicht eigen ist. Dieser Umstand bewarte die jüdische Geschichtsschreibung vor einem Nischendasein als Spezialgeschichte. "Allein der vornehmlich transnationale, transterritoriale, urbane, mobile und textuelle Charakter der jüdischen Lebenswelten, der ihnen eigene und ungewöhnlich hohe Grad an ubiquitärer Präsenz in Zeit und Raum, ziehen gleichsam notgedrungen eine unfassende Sichtweise auf Geschichte nach sich." (S. 11f.) Eine solche kontextorientierte wie unfassende Perspektive schlägt Dan Diner als Grundlage einer "dringlich werdenden integrierten europäischen Geschichte" (S. 12) vor. In Gedächtniszeiten. Jüdische und anderen Geschichten verdeutlicht er, wie diese Geschichtsschreibung aussehen soll.

Der gleichermaßen in jüdischer wie islamischer und westlich-europäischer Geschichte bewanderte Diner orientiert sich bei der Zusammenstellung der Essays an zwei Achsen: einer zeitlichen, vom Holocaust ausgehenden und einer geographischen, die den Übergang von "Okzident" und "Orient" markiert. Denn, so konstatiert Diner, die Perspektive aus den Zonen des Übergangs schärfe den Blick auf "den durch das Paradigma der Nationalgeschichte blockierten, ursprünglich gemeinsamen zeitlichen wie räumlichen Horizont von lateinischer, orthodoxer und islamischer Kultur" (S. 15).

Diner gruppiert seine Essays in fünf Themenblöcke - "Räume und Zeiten", "Ethnos und Demos", "Jüdische Geschichten", "Gestaute Zeit" und "Zeitmetaphern" - um zuletzt, unter dem Titel "Agenden", noch einmal im Detail auf seine These der Geschichte der Juden als Paradigma einer europäischen Geschichtsschreibung zurückzukommen.

In "Räume und Zeiten" betont Diner die Bedeutung der "Orientalischen Frage" und des wechselvollen Verhältnisses Russlands zu Europa für die Gestalt Europas. Er beschreibt das Wiederaufleben von Gedächtnisräumen auf dem Balkan, "die von der Erinnerung längst archiviert schienen" (S. 34), und konkretisiert seinen Vorschlag, die Geschichte Europas von seiner Peripherie her zu untersuchen. Er schlägt dabei eine metaphorische Indienstnahme der Region des Schwarzen Meeres und der Ägäis als "Resonanzraum der westlichen Geschichtserzählung schlechthin" (S. 19) vor - und zwar bis in die jüngste Zeit hinein. Denn anhand des Griechischen Bürgerkrieges von 1944 bis 1949 lasse sich zum Beispiel "die Verschränkung ethnischer Komponenten von langzeitiger Dauer mit kurzzeitigen politischen Ereignisfolgen ideologischen Gehalts" (S. 19) aufzeigen, die auch für die Geschichte des Kalten Krieges konstitutiv sei.

In "Ethnos und Demos" widmet sich Diner der Verfallsgeschichte des Osmanischen Reiches bzw. dem Prozess einer zunehmenden Ethnifizierung und Nationalisierung. Diner beschreibt, wie durch die stetige "Konversion von Religion zu Ethnos" (S. 54) dem Nationalitätenprinzip bereits ab dem 18. Jahrhundert in gemischt-ethnischen Gesellschaften zum Durchbruch verholfen wurde, was verheerende Konsequenzen bis hin zum Völkermord hatte. Des Weiteren untersucht Diner die Verwandlung von Religion in Konfession, die sowohl im europäischen Christentum wie Judentum stattgefunden habe. Das Fehlen einer solchen "Protestantisierung" (S. 68) im Islam sowie die ihm eingeschriebene Einheit von Staat und Religion, bremse, so Diner, die Modernisierung der arabisch-islamischen Welt.

Jüdische Diplomatie und das Verhältnis der Juden Westeuropas zu den Ostjuden werden unter "Jüdische Geschichten" behandelt. Diner zeigt auf, wie europäische Politik und jüdische Fürsprache ineinander greifen und wie der Auftrag, "meines Bruders Wächter" zu sein, jüdischen Gemeinschaften unterschiedlicher Emanzipationsgrade eine kollektive Identität stiftet. Von der sogenannten "Damaskus-Affäre" von 1840, die den französischen Anwalt und Politiker Adolphe Crémieux veranlasste, nach Damaskus zu reisen, um seine Glaubensgenossen dort wegen der gegen sie erhobenen Ritualmordbeschuldigungen zu verteidigen, bis hin zu den jüdischen DP(DisplacedPerson)-Camps, als "Hebel der Errichtung des Staates Israel" (S. 133), skizziert Diner Marksteine auf dem Weg zum modernen jüdischen Selbstverständnis. Diner weist aber auch auf massive Differenzen im Selbstverständnis der Ostjuden und der emanzipierten Juden der westlichen Welt hin, die er in der Formel "Judentum im Westen - jüdisches Volk im Osten" (S. 127) zusammenfasst.

Unter dem Titel "Gestaute Zeit" versammelt Diner Essays zu Schuld und Gedächtnis in Zusammenhang mit der Shoah. Die Texte widmen sich einerseits der Frage einer Kollektivschuld der Deutschen und den dazugehörigen Diskursen und Narrativen, andererseits untersuchen sie jüdische Einrichtungen und Denker aus dem Kontext ihrer Zeit heraus. Dabei gehört das Essay "Jenseits des Vorstellbaren. Der Judenrat als Grenzsituation", das die Trennlinie zwischen Judenrat und bewaffneten jüdischem Wiederstand während der Nazi-Diktatur untersucht, zu den Höhepunkten des Sammelbandes. Diner würdigt die oft als Handlanger der Nazis beschimpften Judenräte als verantwortungsbewusst Handelnde. Das Ergebnis der nationalsozialistischen Politik, die Vernichtung der europäischen Judenheit, konnten sie nicht voraussehen. Die Shoah als Zivilisationsbruch, der zuvor nicht gedacht werden konnte, liegt auch dem Text "Angesichts des Zivilisationsbruchs" über Max Horkheimers Verhältnis zum eigenen Judentum und zum Antisemitismus zu Grunde. Vorhaltungen, Horkheimer habe den Antisemitismus unterschätzt, hält Diner entgegen, dass solche im Nachhinein gemachten Vorhaltungen oft uneingestanden vom "vollbrachten Ereignis der Massenvernichtung" (S. 155) ausgehen.

Im nächsten Themenblock "Zeitmetaphern" wird unter anderem die titelgebende Metapher des Vorabschnittes ("gestaute Zeit") aufgelöst. Die administrative und industrielle Art des Tötens habe zu einem Verlust des Erzählvermögens bezüglich der Shoah geführt und damit zu jenem Phänomen des "Zeitstaus", d.h. zu dem Umstand, dass "auf eine dem Ereignis vorausgehende oder gar parallel verlaufende Textur zurückgegriffen wird, um ein Ersatznarrativ zu konstruieren" (S. 214). Mit diesem letzten Abschnitt ist Diner in der Gegenwart des Staates Israel und beim aktuellen Nah-Ost-Konflikt angekommen. Anhand jüngster Diskussionen in den israelischen Geschichtswissenschaften untersucht er die verschiedenen Legitimitätsansätze und -probleme Israels und Reaktionen auf diese seitens Europas und der arabischen Welt.

Diner beschreibt in seinem lesenswerten Essayband eine Geschichte Europas und seines östlichen Randes vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart mit einem Schwerpunkt auf ethnischen Konflikten sowie auf der Frage von Nationalstaatlichkeit und einer europäischen Identität. Sein Ansatz, die Geschichte einer Region von ihren Rändern her zu betrachten, überzeugt ebenso wie der Gedanke, das Konzept einer umfassenden, übernationalen Geschichtsschreibung mit der jüdischen Geschichtsschreibung zu vergleichen.
Die Essays werden den in der Einleitung formulierten und in Eingangs- und Schlusskapitel ausgeführten Thesen gerecht. Dan Diner hat somit einen gelungenen Rahmen für seine zwischen 1985 und 2002 entstandenen Texte geschaffen. Die einzelnen Essays sind innerhalb des Bandes entsprechend der Chronologie ihrer Gegenstände angeordnet; es lohnt beim Lesen jedoch, sich ihre Entstehungszeit ins Gedächtnis zu rufen.
Diners Essays kommen ohne übertriebenes theoretisches Gerüst aus und sind daher auch für Fachfremde mit Gewinn und, wenn man sich durch die ersten sprachlich etwas mühsamen Seiten gekämpft hat, mit Genuss zu lesen.


Diner, Dan: Gedächtniszeiten. Über Jüdische und andere Geschichten. München: Beck, 2003. 293 S., brosch., 24,90 €. ISBN 3406505600.


Inhaltsverzeichnis

I. Statt eines Vorwortes: Von "Gesellschaft" zu "Gedächtnis"


Über historische Paradigmenwechsel

II. Räume und Zeiten


Konfliktachsen - Zum historischen Profil des 20. Jahrhunderts
Europas Gestalt - Zwischen Latinität, Byzanz und Islam
Von Palästina bis Kaschmir - Nach Dekolonisierung und Kaltem Krieg

III. Ethnos und Demos


Politisierung des Unterschieds - Religion und Nationalität im Osmanischen Reich Säkularisierung und Differenz - Pluralistische Regulierung von Religion und Ethnos
Neutralisierung durch "Gesellschaft" - Henri Pirennes "Muhammed und Karl der Große"

IV. Jüdische Geschichten


"Meines Bruders Wächter" - Zur Diplomatie jüdischer Fragen
Zweierlei Emanzipation - Westliche Juden und Ostjuden gegenübergestellt

V. Gestaute Zeit


Jenseits des Vorstellbaren - Der "Judenrat" als Grenzsituation
Angesichts des Zivilisationsbruchs - Max Horkheimers Aporie der Vernunft
Schulddiskurse und andere Narrative - Epistemisches zum Holocaust

VI. Zeitmetaphern


Kumulative Kontingenz - Jüdische Erfahrung und israelische Legitimität
Zeitembleme israelischer Zugehörigkeit - Von Säkularem und Profanem

VII. Agenden


Geschichte der Juden - Paradigma einer europäischen Geschichtsschreibung

Anhang


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