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Kulturpoetik reloaded, oder: Die Bedienungsanleitung für den New Historicism

Eine Rezension von Martin Butler (Duisburg-Essen)

Baßler, Moritz: Die kulturpoetische Funktion und das Archiv. Eine literaturwissenschaftliche Text-Kontext-Theorie. Tübingen: Francke, 2004.

In seiner Studie Die kulturpoetische Funktion und das Archiv unternimmt Moritz Baßler, wie es der Untertitel seiner Studie bereits verrät, den Versuch einer literaturwissenschaftlichen Text-Kontext-Theorie. Auf der Basis einer - wie sich im Laufe seiner Argumentation herausstellt - äußerst fruchtbaren Verbindung neohistorischer Grundannahmen mit dem poststrukturalistischen Intertextualitätskonzept entwirft er ein theoretisch fundiertes Konzept zur Erfassung der Text-Kontext-Relation, welches durch seine Anwendbarkeit in der literatur- bzw. kulturwissenschaftlichen Praxis besticht und so der generellen Skepsis gegenüber dem New Historicism als praktikablen literaturtheoretischen Ansatz entgegentritt. 


Sowohl in der kultur- und literaturwissenschaftlichen Theoriediskussion als auch in der hermeneutischen Praxis ist die Frage nach der Relation zwischen Text und Kontext seit jeher von Bedeutung. Zwar bemühen sich unterschiedliche theoretische Ansätze um Antworten auf diese Frage; eine zufriedenstellende, d.h. nicht nur auf theoretischer Ebene kongruente, sondern auch und vor allem in der kulturwissenschaftlichen Praxis überzeugend anwendbare Konzeptionalisierung des Text-Kontext-Verhältnisses lässt, so scheint es zumindest, allerdings noch auf sich warten.

Diese Lücke möchte Moritz Baßler mit seiner theoretischen Studie schließen, in der er den Entwurf einer literaturwissenschaftlichen Text-Kontext-Theorie vorlegt. Zum Ausgangspunkt seiner Überlegungen macht er den, so möge mancher Kritiker behaupten, bereits etwas angestaubten und chronisch untertheoretisierten Forschungsansatz des New Historicism, denn dieser habe sich, so Baßler, im besonderen Maße mit der Text-Kontext-Problematik auseinandergesetzt und "in der Tat die Idee einer "Textualität von Kultur" oder Geschichte (textuality of history) stets hochgehalten" (S. 3). Wider die gegenwärtige Tendenz in der kulturwissenschaftlichen Theoriedebatte, einem Performanzmodell von Kultur den Vorrang vor einem Modell auf textualistischer Basis zu geben, verfolgt Baßler die Absicht, die in der Vergangenheit inflationär gebrauchte und nicht nur deswegen in Verruf und aus der Mode geratene "Kultur als Text"-Metaphorik nicht aufzugeben, sondern durch Ansätze aus der Intertextualitätsforschung sinnvoll zu einem "ausformulierte[n] textualistischen Konzept von Kultur" (S. 8) zu erweitern und somit zur Grundlage seiner Text-Kontext-Theorie zu machen.

Im ersten Teil seiner Arbeit widmet sich Baßler den grundlegenden Erkenntnissen des New Historicism, den er trotz seiner Widerspenstigkeit gegenüber jeglichen Konzeptualisierungsversuchen zur Grundlage seiner Text-Kontext-Theorie macht. Dabei fungieren seine Ausführungen zu Stephen Greenblatts poetics of culture nicht nur als Einstieg in seine Argumentation, sondern stellen ob der überschaubaren Untergliederung und der Beispiele aus der Forschungspraxis, an denen die theoretischen und methodischen Überlegungen des New Historicism Schritt für Schritt nachvollzogen werden, eine gelungene Einführung in einen theoretischen Themenkomplex dar, an dem man, so schreibt Baßler zu Recht, gerade wegen seiner fehlenden formalen Grundlegung durchaus "einigermaßen verzweifeln kann" (S. 6). Sowohl die wichtigsten Einflüsse als auch die immer wieder betonten Schwächen des Ansatzes, insbesondere die Probleme der Repräsentativität der analysierten Texte und der Arbitrarität von deren Verknüpfung, die letzten Endes in dem bekannten Vorwurf des "connecting anything with anything" (Paul Cantor 1993) münden, werden gut strukturiert und - auch für Nicht-Experten - verständlich dargestellt. Eben diese Probleme sind es, derer sich Baßler im Folgenden annimmt und mit (s)einer Text-Kontext-Theorie zu lösen versucht.

Die zentrale Idee, anhand derer er im Laufe seiner Studie seine Theorie entwickelt, wird bereits im zweiten Kapitel eingeführt. Ausgehend von der strukturalistischen Annahme einer syntagmatischen und einer paradigmatischen Achse von Sprache versteht Baßler einen Text als einen "Ort, an dem Paradigma und Syntagma zusammenkommen" (S. 65), d.h. jedes Element eines (textuellen) Syntagmas steht - auf paradigmatischer Ebene - zu anderen (kontextuellen) Elementen in einer bestimmten Relation. Den Umkehrschluss formuliert Baßler später als Abwandlung eines lateinischen Sinnspruchs, der zur Verdeutlichung seiner Argumentation vielleicht ein wenig zu häufig genannt wird: "Nihil est in Paradigmate quod non fuerit in Syntagmate."

Um die Relationen zwischen einem syntagmatischen Element und seinen kulturellen Paradigmen, die Baßler als Äquivalenzen, Oppositionen und Kontiguitäten bezeichnet, analytisch fassbar zu machen, bedient er sich der Intertextualitätstheorie Julia Kristevas und richtet damit, ganz im neohistorischen Sinne, die "Achse der Intertextualität" neu aus: "Der diachrone Text einer autonomen Literaturgeschichte wird ersetzt durch den synchronen [aus Relationen zwischen kulturellen Paradigmen bestehenden, Anm. M.B.] Text eines kulturellen Systems." (Louis A. Montrose 1995) Genau wie seine einleitenden Ausführungen zum New Historicism ist Baßlers Aufarbeitung des poststrukturalistischen Konzepts eines texte générale eine lohnenswerte, da gut lesbare und verständliche Lektüre. Seine eigentliche Leistung liegt jedoch nicht nur in der äußerst ansprechenden Zusammenfassung der Intertextualitätsdebatte, sondern vielmehr darin, durch die textualistische Grundausrichtung seiner Theorie der postmodernen Offenheit ein Ende zu bereiten, indem er auf die unbedingte Verfügbarkeit des jeweils zu analysierenden Textkorpus in einem Archiv hinweist.

Im Gegensatz zu anderen Ansätzen, die mit dem Begriff des Archivs in der Regel immer schon etwas Selektiertes, Geordnetes bzw. Hierarchisiertes verbinden, konzipiert Baßler das Archiv als Sammlung aller real existierender Texte einer Kultur bzw. einer Epoche - "sans ordre et sans ordre" (S. 179). Die positive Verfügbarkeit und Analysierbarkeit dieses Archivs sieht Baßler als eindeutigen Vorteil eines textualistischen Ansatzes gegenüber systemtheoretisch orientierten Konzeptualisierungen der Text-Kontext-Relation, denn "in einem Archiv sind die Dinge in einer Weise gespeichert, dass man auf sie zugreifen kann, und zwar wiederholt. Dieses Archiv ist die Voraussetzung, die Ausgangsbedingung jeder kulturwissenschaftlichen Arbeit. Was nicht im Archiv ist", so schlussfolgert Baßler lapidar, aber konsequent, "kann kulturwissenschaftlich nicht behandelt werden" (S. 181), oder, um es mit Bachtin zu sagen, dessen Worte auf dem Buckrücken zitiert werden und gleichsam zum Motto von Baßlers Projekt avancieren: "Wo kein Text ist, da ist auch nichts, worüber zu forschen oder zu denken wäre?

Baßler bleibt jedoch glücklicherweise nicht bei der bloßen Ausformulierung seines Archiv-Konzepts stehen, sondern macht sich in einem weiteren Kapitel Gedanken zu dessen weiterer Operationalisierung. Um der Komplexität der unterschiedlichen textuellen Verknüpfungen und Beziehungen der Texte im Archiv einer Kultur in ihrer Gänze Herr zu werden, schlägt er vor, elektronische Formen der Datenarchivierung und -aufbereitung für die kulturwissenschaftliche Literaturwissenschaft fruchtbar zu machen. So ließen sich die verfügbaren Texte einer bestimmten Kultur oder Epoche in elektronischer Form einlesen und als Volltext-Datenbank für literatur- und kulturwissenschaftliche Analysen verfügbar machen. Obwohl ein solcher Vorschlag einer traditionellen Literaturwissenschaft sicherlich zunächst fremd vorkommen mag, wagt Baßler hier m.E. einen Schritt in eine viel versprechende Richtung, in die es sich weiter zu denken lohnt.

Besonders wertvoll schließlich ist das Abschlusskapitel seiner theoretischen Studie, in dem Baßler nicht nur kritisch den eigenen Theorieentwurf reflektiert, sondern auch und vor allem auf Vertextungsprobleme im literaturwissenschaftlichen Arbeitsalltag eingeht, die jeder/m bekannt sein dürften, die/der sich schon einmal darum bemüht hat, eine kontextualisierende Analyse in ansprechender Form zu Papier zu bringen. So macht Baßler z.B. keinen Hehl daraus, dass man sich zu der vom New Historicism immer wieder postulierten Abkehr von Metanarrationen jeglicher Art zwar auf theoretischer Ebene bekennen mag, sich spätestens bei der Niederschrift der Forschungsergebnisse aber nicht mehr daran halten kann. Er räumt ein, dass es "ein Leichtes [wäre], etwa in Greenblatts Aufsätzen entsprechende Generalisierungen, pauschal übernommene historische Voraussetzungen und dergleichen nachzuweisen" (S. 340). Dass es dennoch möglich ist, das kulturelle Archiv sinnvoll für kulturwissenschaftliche Analysen zu nutzen und die Analyseergebnisse auch ansprechend zu präsentieren, macht Baßler schließlich an einer Reihe von Beispielen aus der literaturwissenschaftlichen Forschungspraxis deutlich.

Fazit: Moritz Baßlers Versuch der Konkretisierung der neohistorischen Idee ist geglückt. Zwar löst er mit seinem Beitrag sicherlich nicht das "Text-Kontext-Problem" - wenn wir es hier überhaupt mit einem "Problem" zu tun haben -, aber er schafft es, die Bezüge zwischen den beiden Größen auf eine solide Basis zu stellen, d.h. sie methodisch greifbar und analysierbar zu machen und die neohistorische "Heuristik der kühnen Metapher und der Katachrese" (Christoph Brecht, zit. nach S. 333) theoretisch und methodisch zu spezifizieren. Von Beginn an ist seine Argumentation durchweg anschaulich und nachvollziehbar, vor allem durch eine Reihe gut ausgewählter Beispiele. Mit Sicherheit zukunftsträchtig ist die Idee der elektronischen Erfassung des kulturellen Archivs, die die literatur- und kulturwissenschaftliche Forschung bereichern könnte. Höchst sympathisch sind auch die oben bereits angesprochenen Ausführungen zu den Schwierigkeiten der Vertextung - nicht nur, weil Baßler das Dilemma der unendlichen Kontingenz ganz offen und ehrlich beim Namen nennt, sondern auch, weil er dem Leser durch die ausführliche Besprechung bei-spielhafter Vertextungsstrategien Mut macht, trotz dieses scheinbar ausweglosen Dilemmas nicht mit dem Schreiben aufzuhören.

Die theoretische Studie, die den Autor einmal mehr als Experten im Bereich neohistorischer Theorie ausweist, sei Literatur- und KulturwissenschaftlerInnen ans Herz gelegt, die in ihren eigenen Projekten mit dem New Historicism arbeiten (wollen) und nach einer anwendbaren Konzeptualisierung der Text-Kontext-Relation suchen. Aufgrund der äußerst gut strukturierten und anschaulichen Argumentationsführung eignet sich das Buch ebenfalls als Einführung in die Grundideen des New Historicism und der Intertextualitätsforschung.


Moritz Baßler. Die kulturpoetische Funktion und das Archiv. Eine literaturwissenschaftliche Text-Kontext-Theorie. Tübingen: Francke, 2005. 399 S., kart., 78,00 Euro. ISBN 3-7720-8070-7.


Inhaltsverzeichnis

Vorwerk V

I Der New Historicism und das Problem einer Texttheorie der Kultur 1

Warum ausgerechnet Textualität der Kultur? 1
Die Stimmen der Toten: Der hermeneutische Traum und die Praxis des New Historicism 11
Entstehung und Einflüsse 23
- Der Begriff "New Historicism" 23
- "Cultural Materialism": Raymond Williams 24
- Michel Foucault 28
- "Interpretation der Kultur": Clifford Geertz 30
Verfahren, Metaphern und Probleme 36
- Die Anekdote und das Problem der Repräsentativität 38
''- Die kulturelle Energie und das Problem der Verknüpfung 44
''Science of the Particular 50

II Kontext und Intertext: Textualität als Modus und Objektbereich 54

Im Reich der Kontiguität 54
Syntagmatische Paradigmen - paradigmatische Syntagmen: Das Labor kultureller Poiesis 58
Intertextualität: Textualität als Objektbereich 65
Zur Rezeption der Intertextualität 73
Wie weit darf man gehen? 79
Komplexität vs. Dissemination 85
Das Wirkliche und das Mögliche 89

III Systemische Kulturtheorien und ihre Grenzen 99

1 Die Materialität des Systems 99
Einwände aus handlungstheoretischer Sicht gegen ein Kultur-als-Text-Modell 99
Kultur erklären: Dan Sperbers Epidemiologie 106
Was ist ein Text? Erste Annäherung 111
Niklas Luhmann: Soziale Systeme 113

2 Systemtheorie: Text und Kommunikation 117
Ein Sprengsatz 117
Texte sind weder Kommunikation noch Aussagen: Das Kartoffel-Problem 119
Zurück zum Kontext: Das Leidener Modell 126
Mein Vorschlag: Umwelt Text, Schnittstelle Sprache 131
Texte als Als-ob-Systeme 134
a) Stimmigkeit 135
b) Dialogizität 137
c) Wissenschaft 138
Zwischenbilanz 139

3 Kultur: System oder Text 141
Zwei Programme 141
Dirk Baecker: Vergleichstheorie der Kultur 148
Textualität der Kultur 152
Drei Probleme beim Vergleichen 154
1. Exzentrik 156
2. Abstraktion 157
3. Suchbefehl 161
Kultur als Ort des Hybriden 165
Aus der Moderne zurück zum Text 168
Interessant/uninteressant (Was ist ein Text? Fortsetzung) 171

IV Das Archiv 176

Zur Materialität des Archivs 176
Zur Ordnung des Archivs 181
Linguistische Diskursgeschichte 184
Archiv - Korpus - Diskurs - Paradigma 189
Michel Pêcheux: Interdiskurs als Spurenkörper 192
Definitionen 196
Das Archiv und die Texte der Geschichte 199

V Die kulturpoetische Funktion 206

1 Suchbefehl und poetische Funktion 206
Der Suchbefehl 206
Tmesis und Katalysis 212
Topik und Rhetorik 218
Die poetische Funktion 223
Spürbarkeit der Zeichen 227
Zwischenbilanz 232

2 Paradigmatische Syntagmen: Das Problem der Rhetorik 235
Enzyklopädie statt Code 235
Intertextualität statt Code 241
Metapher und Archiv 245
Metonymie und Kultur 250
Kulturelle Skripte 263
Vergleichbarkeit 266
Unvergleichbarkeit 268
Rhetorik und Semiotik - die andere Seite der Dekonstruktion 278
Meta-Rhetorik: Der Chiasmus der Textualität 286

VI Datenbank und Hypertext 293

Ist die Enzyklopädie ein Hypertext? 293
Nonlinearität als generelle Texteigenschaft 300
Was machen Hyperlinks? 303
Hypertext als Text 307
Hypertext und Archiv 310
Hypertext in der kulturwissenschaftlichen Praxis? 317
Volltext-Datenbanken in der kulturwissenschaftlichen Praxis 321
- Kulturwissenschaft und Kanon 321
- Archiv und Methode: Was wir für Technik brauchen 323
- Datenbanken als Bedingung kulturwissenschaftlichen Fortschritts 325
- Aus dem Zeichensatz lesen 328

VII Der Text der Kultur und der eigene Text 333

Der wahre und der gute Kontext 333
Probleme der Vertextung 338
Das Subjekt als Abkürzung 341
Methodenpraktische Lösungen 344
Narratio non delectat 353
Zur Frage der Literarizität 357
Archivimmanenter Strukturalismus 361

Vorarbeiten 365
Verzeichnis der verwendeten und zitierten Literatur 366

Personenverzeichnis 395

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