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Theorie des Ereignisses II / Événement ('Ereignis' auf Französisch)

Eine Rezension von Guido Isekenmeier

Rölli, Marc (Hg.): Ereignis auf Französisch. Von Bergson bis Deleuze. München: Fink, 2004.

Mit dem anzuzeigenden Band liegt ein erster umfassender Überblick über das französische Ereignisdenken des 20. Jahrhunderts vor. Die Aufsätze des Bandes behandeln neben den 'üblichen Verdächtigen' (von Bergson bis Deleuze) auch Nietzsche, Husserl und Heidegger (Ereignis "auf Deutsch") und weniger bekannte Autoren wie Marc Richir oder Alain Badiou. Der Schwerpunkt liegt jedoch auf den Texten Gilles Deleuze', der sich besonders intensiv mit dem Ereignis befasst hat.



Das Erscheinen eines Sammelbandes, der sich ausschließlich mit dem Ereignis aus philosophischer Perspektive beschäftigt, markiert im Rahmen der neuerlichen Konjunktur des Ereignisbegriffs eine weitere Intensivierung der Diskussion. 'Ereignis' avanciert nunmehr endgültig vom "Begriffswort" (S. 447) zum Begriff. Um jedoch die divergenten Auffassungen vom Ereignis, die in den einzelnen Beiträgen vorgestellt werden, zu einer Arbeit an einem Begriff des Ereignisses zu koordinieren, hätte es einer etwas ambitionierteren Einleitung bedurft. Marc Rölli versucht den Rahmen des Bandes auf lediglich sieben Seiten abzustecken, um dann auf den restlichen 27 Seiten der Einleitung jeden der 22 Aufsätze zu resümieren. Die Aufgabe, das Feld zu ordnen, fällt so dem zwar ebenfalls nur 12 Seiten langen, doch von gewohnt großer Übersicht zeugenden Schluss von Bernhard Waldenfels zu.

Waldenfels spricht im Besonderen von drei "Wellen der Revision" des Ereignisverständnisses, die von einer Transformation oder Radikalisierung des Denkens von Erfahrung ausgelöst werden.
Diese betreffen:
1) das Verhältnis von Ordnung / Geschichte und Ereignis ("Was aus der Reihe springt"). Dabei geht es um die "Einheitlichkeit des Ereignisbegriffs" (S. 449) (ordnungsgemäße oder extraordinäre Ereignisse), die "Art der Veränderung" (S. 450) (neptunische oder vulkanische Ereignisse) sowie das Problem der Ordnungsstiftung. Hierher gehören die Aufsätze von Wansing, Besana, Rölli und Prucha, die sich mit den Problemen einer Ontologie auseinandersetzen, "die alles, was geschieht, nur als Oberflächenphänomen eines Seins zu verstehen nahe legte, das ungeachtet aller Veränderungen und Ereignisse beharrlich bleibt, was es seit je her war" (S. 183). Ebenfalls hier einzuordnen sind die Beiträge von Liebsch, Flynn, Khurana, Gehring, Smith und Schaub, die sich mit dem Ereignis in der Sprache befassen, als erzähltem, diskursivem oder begrifflichem Ereignis.
2) das Verhältnis von Subjekt und Ereignis ("Wem etwas zustößt"). Dies umfasst die Unterscheidung von unpersönlichen Vorkommnissen und subjektiven Akten sowie die Unterscheidung von Aktion und Passion. Mit der Frage der Konstitution des Selbst sind besonders Vrhunc, Toadvine, Tengelyi und Depraz beschäftigt. Schließlich
3) das Verhältnis von Intersubjektivität und Ereignis ("Was zwischen uns geschieht"). Hier geht es darum, "daß etwas zwischen uns geschieht, was weder auf die Summierung individueller Einzelleistungen zurückgeführt werden kann noch auf eine Einheitsinstanz, die Gemeinsamkeit garantiert" (S. 456). Von der Selbstverdopplung im Anderen ("Ereignis der Beziehung zum Anderen", S. 153) handeln besonders Cremonini, Delhom, Alvarez-Pérez und Krause.

Im ersten Teil verspricht der Band einige Kapitel aus der "Vorgeschichte des französischen Ereignisdenkens im deutschsprachigen Raum". Doch schon die Einleitung kündigt an, dass die Beiträge dieses Teils "[s]prachlich und gedanklich ganz bei ihren Bezugsautoren" (S. 18) sind. Entsprechend beschränken sich die Bezüge auf das französische Ereignisdenken dann auch auf einige kurze einleitende Bemerkungen (Klass) oder gar nur eine Fußnote (Wansing). Inwiefern hier noch von einer Vor-Geschichte gesprochen werden kann, bleibt fraglich.
Überhaupt ist zu bemängeln, wie selten die Autoren auf andere Beiträge Bezug nehmen. So findet sich etwa in den Ausführungen zu Bergsons Überlegungen zum Möglichen und zur Er-Möglichung (S. 184ff.) keinerlei Hinweis auf die ähnlich gelagerte Formulierung der unmöglichen Möglichkeit bei Derrida (S. 248ff.). Dies mag noch damit erklärt werden, dass der Band nicht als Nachlese, sondern als Vorlage für eine Tagung gedacht war. Doch auch dem Herausgeber scheint einiges entgangen zu sein; so bleibt die von 'Altmeister' Milan Prucha im dritten Teil vorgetragene Provokation ohne direkte Antwort bei Rölli. In seinem Aufsatz wirft Prucha Deleuze "Befangenheit in der metaphysischen Seinsauffassung" (S. 400) vor und richtet damit den Vorwurf der Seinsvergessenheit gegen die Differenzphilosophie. Dieser passende Anwurf gegen ein sich als anti-metaphysisch, anti-platonisch und anti-hegelianisch stilisierendes Denken wird von Rölli in einer Fußnote abgehandelt, in der erklärt wird, die "These über einen 'Restplatonismus' Heideggers" stehe "nicht im Widerspruch zur Einordnung Heideggers in eine Geschichte der Ontologie der Univozität (Vgl. dazu den Aufsatz von Milan Prucha in diesem Band.)" (S. 341). Fragt sich nur, wie ein solcher Nicht-Widerspruch als Ausgangspunkt zur Generierung offensichtlich widersprüchlicher Aussagen dienen kann: so möchte Rölli zeigen, "wie Deleuze mit seiner radikal empiristischen Deutung die Gefahren einer negativen Theologie umgeht" (S. 348), während Prucha darauf hinweist, dass die "Omnipräsenz von mythischen und religiösen Vorstellungen in 'Differenz und Wiederholung' sich kaum auf die literarische Ausstattung dieses Buches reduzieren" lasse, "besonders wenn in anderen Werken von Deleuze [...] Motive einer negativen Theologie explizit werden" (S. 408).

Als besonders problematisch erweist sich die enge disziplinäre Zurichtung des Bandes mit Blick auf die Behandlung des historischen Ereignisses. Waldenfels spricht von einer "Wasserscheide zwischen Denkansätzen, bei denen das Ereignishafte eine besondere Rolle spielt, und solchen, bei denen es nahezu fehlt, wenn man von spezifisch geschichtstheoretischen und formalontologischen Erwägungen absieht" (S. 447). Offensichtlich besteht eine Tendenz, von den "drei großen Versuche[n], das Ereignis zu denken", die Foucault in "Theatrum Philosophicum" unterschieden hatte, nur der Phänomenologie die Fähigkeit zuzuschreiben, sich zu einem neuen Verständnis des Ereignisses durchringen zu können, nicht jedoch dem Neopositivismus und - darauf kommt es hier an - der Geschichtsphilosophie. Doch kann keineswegs so einfach "von der trivialen Verwendung des Ereignisbegriffs in historischen Kontexten" (S. 11) abgesehen werden. Im Gegenteil handelt es sich um eine stets mögliche Konkretisierung des Ereignisbegriffs, die auch Foucault nicht ausschließt (er spricht von "Verwundung, Sieg/Niederlage, Tod", was Röllis "ein Regierungswechsel, eine Kriegserklärung, ein Attentat" (S. 11) gar nicht so unähnlich ist; man denke auch an die Rolle der Schlacht als paradigmatischem Ereignis in Deleuze' Logik des Sinns). Ein offenes Bekenntnis zur Vernachlässigung des historischen Ereignisses findet sich nur bei Mirjam Schaub, die erklärt, "daß sich der 'gute' Philosoph weniger für den allgemeinen Ereignischarakter des Geschehens interessiert, als für den Ereignischarakter des Denkens selbst" (S. 430).

Schließlich macht lediglich Burkhard Liebsch darauf aufmerksam, dass sich die "Radikalisierung des Ereignisdenkens freilich ihrerseits einem historischen Ereignis" (S. 202) verdankt, und er markiert damit die Abwesenheit des Ereignisses des Holocaust in diesem Band. Wenngleich sich überall verstreute und mehr oder weniger verklausulierte Hinweise auf die Herkunft des Ereignisses aus der großen Katastrophe (shoah) finden (e.g. "die Schaffung des Ereignisbegriffs vollzieht sich in einer historisch, sozial und wissenschaftlich bestimmten Situation" (S. 11), "die begriffliche Positivität des Ereignisses entgegen den vorherrschenden Trends seiner negativen Interpretation als bloß unfassbares und nichtidentisches Erfahrungsmoment" (S. 34), "jene 'traumatisierende' Komponente, die unausweichlich scheint, wenn das Problem auf der Ebene eines fühlenden und mit einem Gedächtnis begabten Subjekts verhandelt wird" (S. 432 et pass.)), wird darauf weder in einem oder gar mehreren Aufsätzen gesondert eingegangen, noch scheint es durchgehend zur Kenntnis genommen zu worden sein. Dies erklärt auch die Marginalisierung des Ereignisdenkers Maurice Blanchot (selbst in Thomas Khuranas Beitrag zu Derrida spielt er keine große Rolle); auch die (wieder nur in einer Fußnote) als "Übertragung des Begriffs [des Ereignisses] auf die Ästhetik des Erhabenen" (S. 8) angekündigte Analytik Lyotards findet daher im Text von David Benseler nur einen unbedeutenden Platz.
Insgesamt jedoch stellt dieser voluminöse Band einen wertvollen Beitrag zur Debatte um das Ereignis dar, der die Diskussion um etliche Facetten bereichert.


Marc Rölli (Hg.): Ereignis auf Französisch. Von Bergson bis Deleuze. München: Fink, 2004. 464 S., kart., 66 EUR. ISBN 3-7705-3939-7


Inhaltsverzeichnis

Marc Rölli
Einleitung: Ereignis auf Französisch 7


I. Zur Vorgeschichte des französischen Ereignisdenkens im deutschsprachigen Raum

Tobias Klass
Jenseits von Ahnen und Erben: Nietzsches Ereignis 43

Christian Lotz
Das Ereignis des Unverständlichen.
Husserls Hermeneutik und der Ursprung der genetischen Phänomenologie 63

Rudolf Wansing
Im Denken erfahren. Ereignis und Geschichte bei Heidegger 81


II. Ereignis im Kontext der französischen Philosophie des 20. Jahrhunderts

Mirjana Vrhunc
Das Bild als die Sichtbarkeit des Ereignisses. Zur Wahrnehmungstheorie Henri Bergsons 105

Ted Toadvine
Sense and non-sense of the event in Merleau-Ponty 121

Andreas Cremonini
M'être. Ereignis und Enteignung in Jacques Lacans Theorie der Subjektivierung 135

Pascal Delhom
Levinas: Das Ereignis in Frage 153

Manuel Alvarez-Pérez
Methexis und Entzug.
Überlegungen zum Verhältnis von Ereigniszeit und Andersheit bei Husserl und Levinas 167

Burkhard Liebsch
Ereignis - Erfahrung - Erzählung.
Spuren einer anderen Ereignis-Geschichte: Henri Bergson, Emmanuel Levinas, Paul Ric œur 183

Thomas Flynn
Foucault as Philosopher of the Historical Event 209

Thomas Khurana
'. . . besser, daß etwas geschieht'. Zum Ereignis bei Derrida 235

David Benseler
Fremde Freiheit.
Von der Entfremdung zum Ereignis - Bemerkungen zum Denken Jean-François Lyotards 257

Petra Gehring
Sind Foucaults Widerstandspunkte Ereignisse oder sind sie es nicht?
Versuch der Beantwortung einer Frage 275

László Tengelyi
Sinnbildung als Ereignis. Zu Marc Richirs Phänomenologie des Sprachlichen 285

Natalie Depraz
Can I anticipate myself? Self-affection and temporality 301

Bruno Besana
Ein einziges oder mehrere Ereignisse?
Die Verknüpfung zwischen Ereignis und Subjekt in den Arbeiten von Alain Badiou und Gilles Deleuze 313


III. Gilles Deleuze oder das Ereignis der Immanenz

Marc Rölli
Begriffe für das Ereignis: Aktualität und Virtualität.
Oder wie der radikale Empirist Gilles Deleuze Heidegger verabschiedet 337

Daniel W. Smith
'Knowledge of pure events': a note on Deleuze's analytic of concepts 363

Ralf Krause
Deleuze und die Anderen 375

Milan Prucha
'Das Sein ist univok'. Deleuzes Ontologie: eine kritische Betrachtung 393

Tim Trzaskalik
Tout contre Deleuze 409

Mirjam Schaub
A Mad Time Party. Gilles Deleuze und der Ereignischarakter der Sprache 427


IV. Schluss

Bernhard Waldenfels
Die Macht der Ereignisse 447


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