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Theatralität zwischen Avantgarde und Medienzeitalter

Eine Rezension von Ewa Mayer (Hamburg)

Balme, Christopher et al. (Hg.): Theater als Paradigma der Moderne? Positionen zwischen historischer Avantgarde und Medienzeitalter. Tübingen: Francke, 2003.

Ziel des Tagungsbandes ist die Überprüfung der im Titel gestellten Frage, ob (und inwiefern) Theater als Paradigma der Moderne gelten soll/kann. In neun Kapiteln, die thematisch auf der Einteilung der Tagung in Sektionen basieren, spüren Theater-, Tanz-, Film- und Fernsehwissenschaftler der paradigmatischen Funktion des Theaters nach. Die Aufsätze zeigen auf, wie dringend der Begriff der Theatralität, unabhängig aus welcher Forschungsperspektive betrachtet, heute neu zu verhandeln ist.


Der von Christopher Balme, Erika Fischer-Lichte und Stephan Grätzel herausgegebene Band ist das Ergebnis einer Tagung, die zugleich die Abschlussveranstaltung des Mainzer theaterwissenschaftlichen Graduiertenkollegs "Theater als Paradigma der Moderne?" war. Die Publikation stellt einen Querschnitt der Forschungsdiskurse dar und versucht neben historischen Rückblicken heutige Formen des Theaters im Kontext anderer Medien zu bewerten.

Die geschichtliche Auseinandersetzung mit den Begriffen "Avantgarde" und "Moderne" steht im Fokus des ersten Kapitels. Angefangen bei einer systemtheoretischen "Redeskription" von Peter Bürgers Theorie der Avantgarde über Analysen literarisch-dramatischer und bildnerisch-visueller Fallbeispiele nähern sich die hier versammelten Aufsätze der Avantgarde als einem "Epochenphänomen", das die Herausbildung eines modernen Theaters vorangetrieben hat.

Anknüpfend an die historische Avantgarde entwerfen die Beiträge im folgenden Teil eine Theorie des (wissenschaftlichen) Zuschauers aus geschichtlicher Perspektive. So diskutiert Johannes Friedrich Lehmann die Ästhetik der Beobachtung als eine Form der theatralen Kommunikation und führt deren Wandel auf die historische Avantgarde zurück. Auch der Beitrag von Jens Roselt betont die Kontinuität einer bestimmten Ästhetik des Zuschauens: Er zeigt, dass der Zuschauer als ein konstitutiver Teil der Aufführung verstanden werden sollte, was ein Umdenken in Bezug auf die Konzeption des Verhältnisses Bühne-Publikum impliziert. Die Herauskristallisierung einer neuen Theater- und Filmästhetik am Anfang des 20. Jahrhunderts bespricht Florian Nelle. Aus historischer Perspektive kommt er zu dem Ergebnis, dass die neue Ästhetik zu einer "Erweiterung des medialen Wirklichkeitseffekts" (vgl. S. 122) beigetragen hat, die bis heute die postmoderne Welt des Spektakels beherrscht.

Im Mittelpunkt des Kapitels "Text/Theater" stehen Wechselbeziehungen zwischen Text und Theater. Akzentuiert wird zum einen die Bedeutung des Textes im Theater (vgl. den Artikel von Brigitte Schulze zum polnischen Metatheater der Moderne oder Norbert Otto Ekes Ausführungen zum Drama der DDR seit den 1970er Jahren). Zum anderen beschäftigen sich weitere Beiträge mit dem Theater im Text. Der Fokus liegt hier auf Inszenierungen von Theatralität in modernen Prosatexten, z.B. in Prosagedichten oder Erzählungen. Dabei stellen die Beiträge von Cornelia Ortlieb und Nikolaus Müller-Schöll heraus, dass diese Texte auf eine paradigmatische Bedeutung des modernen Theaters für die Entwicklung neuer narrativer Darstellungstechniken hinweisen.

Auf der Suche nach einer Antwort auf die Frage, ob und inwiefern das Theater als paradigmatische Denkfigur der Moderne auch in interkulturellen Zusammenhängen gelten kann, beschäftigen sich die Beiträge im Interkulturalitätskapitel mit der identitätsstiftenden Funktion des modernen Theaters. Neben Untersuchungen zu Alltagsphänomenen sind besonders Peter W. Marx' Beobachtungen zum ebenso spannungsreichen wie produktiven Verhältnis zwischen dem "Eigenen" und dem "Fremden" im jüdischen Diskurs zu Beginn des 20. Jahrhunderts hervorzuheben, das in interkulturellen Kontakten und Performances zum Ausdruck gebracht wird (vgl. S. 277). Auch Conrad Sollochs Interesse gilt der konstruktiven Verbindung zwischen Identität und Differenz, die er anhand der Auseinandersetzung mit den Border Studies demonstriert. So rückt er die Grenze als kulturelles Paradigma in den Vordergrund und akzentuiert dabei die politisch-paradigmatische Rolle des Performativen in der heutigen Interkulturalitätsdebatte.

Performativität und Inszenierung stehen auch im Mittelpunkt des folgenden Kapitels, mit dem Unterschied, dass es den Autoren dieser Beiträge vorrangig um das Verhältnis zwischen Musik und Theater geht. Die versammelten Aufsätze versuchen über die Darstellung von modernen Musiktheatermodellen (wie z. B. von Mauricio Kagel oder Christoph Marthaler) sowie durch Überlegungen zur Aufführungsanalyse in der Oper (vgl. S. 353) das Spannungsverhältnis zwischen Repräsentation und Präsenz aufzuzeigen. Die Analyse der intermedialen Beziehungen stellt die starke Theatralität des Musiktheaters heraus und schafft es gleichzeitig, den Leser auf den engen Zusammenhang zwischen Musik, Worttext und Szene zu sensibilisieren.

Im Zentrum des anschließenden Kapitels "Cross Media" steht die Frage nach der paradigmatischen Bedeutung des Theaters in modernen Medien. Aufgezeigt werden hier die strukturellen Bezüge zwischen Theater, Film und Fernsehen im heutigen Medien-Alltag (z.B. Talkshows, also auch Formate der populären Kultur). Bei der Diskussion der gemeinsamen Authentifizierungs- und Fiktionalisierungsstrategien von Theater und Populärkultur rückt der Beitrag von Hajo Kurzenberger vor allem den Aspekt der Medialisierung sämtlicher Lebensbereiche und die damit verbundene "Hyper-Realität" (vgl. S. 387) in den Blick, die eine "Vereinnahmung durch die Bilder und Vermischung der Realitäten" mit sich bringt.

Im vorletzten Teil steht ähnlich wie im vierten und fünften Kapitel die performative Seite des Theaters im Vordergrund. Die Artikel, die unter dem Sektionstitel "Tanz/Theater" zusammengefasst wurden, versuchen gezielt einen inneren Zusammenhang zwischen dem modernen Theater und der Tanzwissenschaft herzustellen, wobei der Tanz aus neuen und methodisch unterschiedlichen Blickwinkeln analysiert wird. Besonders innovativ innerhalb dieser Sektion ist der Beitrag von Janine Schulze, die ein Tanzsolo aus der Gender-Studies-Diskussion heraus bespricht, weil sie diese besondere Präsentationsform nicht im traditionellen Sinne als Höhepunkt einer tänzerischen Darbietung, sondern als Raum für "unkonventionelle Darstellungen geschlechtlicher Körperkategorisierungen" konzipiert (vgl. S. 429).

Die Publikation schließt mit der grundlegenden Frage, ob das Theater überhaupt ein Medium der Moderne ist und in welchem Verhältnis es zu anderen Medien steht. Auf der Suche nach einer Antwort wird zum einen ein historisch orientierter Blick auf die Entwicklungsstrategien unterschiedlicher medialer Kunstformen geworfen, zum anderen wird Theater im Kontext Neuer Medien, wie des Internets, betrachtet. Die Analyse verdeutlicht, wie eng Theater und Theatertheorien der Vergangenheit mit der Entstehung der neuen medialen Formen verknüpft sind. Daran anschließend wird folgerichtig der Wunsch nach einer Integration medientheoretischer Überlegungen in die theaterwissenschaftliche Geschichtsschreibung formuliert (vgl. S. 456).

Der vorliegende Band gibt zwar keine "vorgefertigte" Antwort auf die im Titel formulierte Frage und kann so nicht alle Zweifel an der paradigmatischen Funktion des Theaters in der Moderne beheben. Trotzdem ist es gewinnbringend, wie sich die Autoren konsequent und zielstrebig mit unterschiedlichen Medien auseinander setzen, ohne das Theatrale bzw. die Theatralität aus dem Blick zu verlieren. Wichtiger als die Beantwortung der (vielleicht auch eher rhetorisch aufzufassenden) Frage nach dem Paradigmatischen des modernen Theaters ist denn auch, dass es den Verfasser gelingt, interessante und zum Teil innovative Strategien und Wege aufzuzeigen, mit denen Leser und Zuschauer dem Theater im Zusammenhang mit anderen Medien begegnen können.


Christopher Balme/Erika Fischer-Lichte/Stephan Grätzel (Hgg.): Theater als Paradigma der Moderne? Positionen zwischen historischer Avantgarde und Medienzeitalter. Tübingen: A. Francke Verlag, 2003. 506 S.; 68 Euro. (Reihe: Mainzer Forschungen zu Drama und Theater, Band 28). ISBN 9783772027963


Inhaltsverzeichnis


Ralf Rättig, Conrad Solloch
Einleitung 11


Positionen

Erika Fischer-Lichte
Vom Theater als Paradigma der Moderne zu den Kulturen des Performativen. Ein Stück Wissenschaftsgeschichte 15

Stephan Grätzel
Theatralität als anthropologische Kategorie 33

Christopher Balme
Stages of Vision: Bild, Körper und Medium im Theater 49


Avantgarde

Eric Alexander Hoffmann
Peter Bürgers Theorie der Avantgarde. Eine systemtheoretische Redeskription mit epochengeschichtlichen Anmerkungen 69

Uta Grund
Von der Rehabilitierung zur Verabsolutierung der Opsis. Bildertheater um 1900 81

Annette Storr
Vollendet/Unvollendet? Zeit in den sogenannten "Landscape plays" Gertrude Steins und in den Bildern Paul Cézannes 91

Anja I. Klöck
Fashioning the Avantgarde. Theater, Mode und Selbst/Repräsentation am Beispiel von Mina Loy 101

Florian Nelle
Theater im Filmpalast - Paradigma neuer Medialität. Die Rückkehr der Kathedralen 113

Stephan Düppe
Avantgarde und/als Revue - politische Affekte und glamouröse Effekte 125

Julita Fischer
Das "Bilder-Theater" - Figuration im Werk von Tadeusz Kantor 135


Theorie des (wissenschaftlichen) Zuschauers

Jens Roselt
Aufführungsparalyse 145

Johannes Friedrich Lehmann
Der Zuschauer als Paradigma der Moderne. Überlegungen zum Theater als Medium der Beobachtung 155

Annette Bühler-Dietrich
Kein Theater der Ein-Sicht 167

Friedemann Kreuder
Formen des Erinnerns in der Theaterwissenschaft 177


Text/Theater

Nikolaus Müller-Schöll
Theatralische Epik. Theater als Darstellung der Modernitätserfahrung in einer Straßenszene Franz Kafkas 189

Cornelia Ortlieb
Poetische Inszenierungen. Die Rhetorik des Zeigens in der Prosa der Moderne 203

Brigitte Schultze
Die Erschaffung des Menschen aus Rollen. Zur metatheatralen Ausstellung der Rolle im polnischen Drama der 1920er - 1960er Jahre 215

Norbert Otto Eke
Text und/im Theater. Entgrenzungsstrategien im Drama der DDR seit den 70er Jahren. Eine Erinnerung und ein Plädoyer für einen Wechsel der Forschungsperspektive 243

Martin Buchwaldt
"......wenn ihr nichts wißt von der Zeit, wißt ihr nichts von der Bühne". Zeitkonzeptionen und Zeitstruktur in "Krieg" von Rainald Goetz 257


Interkulturalität

Galili Shahar
Das Spiel, der Schein, die Frage nach der jüdischen Identität 267

Peter W. Marx
Die Bretter, die eine fremde Welt bedeuten... Theater als Ort kultureller Selbstreflexion im jüdischen Diskurs zu Beginn des 20. Jahrhunderts 277

Kati Röttger
Kanake sein oder Kanake sagen? Die Entscheidungs-Gewalt von Sprache in der Inszenierung des Anderen und des Selbst 289

Conrad Solloch
Die Grenze als Schauplatz 301

Uta Atzpodien
"Tupi or not tupi, that is the question?" Kultur-Verhandlungen im brasilianischen Theater 311

Klaus A. Kiewert
Die Königin der Nacht gastiert in Buenos Aires. Zur Thomas Bernhard-Rezeption in Argentinien 323


Musik/Theater

Stefan Keym
Aktion und Kontemplation. Zur doppelten Kommunikationsstrategie in Olivier Messiaens Oper Saint François d'Assise 333

Christa Brüstle
Wandelszenen bei Kagel - Thesen zum Theater der Musik 343

Clemens Risi
Von (den) Sinnen in der Oper. Überlegungen zur Aufführungsanalyse im Musiktheater 353

David Roesner
Ribible Riddle. Motivik und musikalische Form im Theater Christoph Marthalters 365


Cross Media

Andreas Böhn
Theatralität im Film 375

Hajo Kurzenberger
"True fiction". Authentifizierung und Fiktionalisierung in der populären Kultur und im Theater 385

Ralf Rättig
Der Skandal des Textes. Romuald Karmakars "Das Himmler-Projekt" 393

Patrick Primavesi
Vom Werk zum Prozess. Theaterarbeit in den Vittorini-Filmen von Straub/Huillet 405


Tanz/Theater

Gerald Siegmund
Tanz im Blick: Die Wiederentdeckung des verkörperten Zuschauers 417

Janine Schulze
What you see, is what you get. Das Solo als geschlechtsspezifische Leerstelle? 429

Peter Stamer
Verfehlen - Für ein Scheitern von Theorie 437


Theater- und Medientheorie

Peter M. Boenisch
Theater als Medium der Moderne? Zum Verhältnis von Medientechnologie und Bühne im 20. Jahrhundert 447

Nicole Leonhardt
Raum im Bild - Bild als Raum. Stereofotografie und Theater im 19. Jahrhundert 457

Meike Wagner
Muster auf Grund. Das Ornament als Strukturformel einer Medialität des Figurenkörpers 467

Petra Maria Meyer
Intermedialität als Wirkungsbereich einer "sprechenden Sprache". Zum Begriff der "Geste" bei Maurice Merleau-Ponty 477

Wolf-Dieter Ernst
Interaktivität und Performance 487

Julia Glesner
Theater und Internet. Konvergenzen zwischen Internet Performances und wissenschaftstheoretischen Paradigmen 497


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