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Guter Rat, nicht teuer

Eine Rezension von Dr. Michael Basseler

Schneider, Ralf (Hg.): Literaturwissenschaft in Theorie und Praxis. Eine anglistisch-amerikanistische Einführung. Tübingen: Narr, 2004.

Gute Einführungen für Studierende der Literaturwissenschaft sind selten: Meist liegt ihr Hauptproblem darin, dass die Autoren - in der Regel honorige Vertreter ihrer wissenschaftlichen Zunft - am Zielpublikum, also den Studierenden, vorbei schreiben. Das Resultat ist, dass sich der Frust und die Ablehnung gegenüber der Theorie auf Seiten der StudentInnen erhöht und die Kluft zwischen der fortschreitend theoretisierten Literaturwissenschaft und ihrem eigenen Nachwuchs weiter wächst - eine Entwicklung, an der weder Lehrenden noch Lernenden gelegen sein dürfte. Als löbliche Ausnahme kann der vorliegende Sammelband gelten, der die in der anglistischen/amerikanistischen Literaturwissenschaft zentralen Theorien verständlich vermittelt.
 

Der Band basiert auf einer Ringvorlesung am Seminar für Englische Philologie der Universität Tübingen, die wiederum aus dem Interesse der Studierenden an einer "Orientierung in der Vielfalt der Theorien" (S. vii) entstand. Die elf Beiträge erfüllen die im Vorwort formulierten Ziele, nämlich 1) die Prämissen, Konzepte, Begriffe und Methoden der in der Anglistik/Amerikanistik einschlägigsten Ansätze vorzustellen, 2) diese Ansätze "im Hinblick auf ihre Anwendungsrelevanz" (S. viii) kritisch zu bewerten und 3) Ausblicke und Perspektiven auf den aktuellen Forschungsstand und "mögliche Weiterentwicklungen" zu geben. Dass dabei in erster Linie auf einen guten Überblick und nicht auf die Darstellung aktuellster "Trends" geachtet wird, entpuppt sich im Rahmen der Zielsetzung als absoluter Gewinn. So eignet sich diese Einführung nicht nur für Studierende in unteren Semestern oder zur Prüfungsvorbereitung, sondern ist auch für Lehrende interessant, die auf der Suche nach Ideen und anschauliche Beispielen sind, wie man die teilweise doch sehr komplexen Zusammenhänge der einzelnen Theorien in eine verständliche und gleichzeitig nicht unwissenschaftliche Sprache "übersetzt".

Anstatt alle Beiträge ausführlich zu referieren, was aufgrund ihrer insgesamt erfreulich homogenen Anlage überaus redundant wäre, möchte ich stellvertretend einige Artikel näher vorstellen. Im Anschluss daran werden noch einmal die wichtigsten Stärken und Schwächen des Bandes zusammengefasst.

Ralf Schneider nennt gleich im ersten Absatz seiner Einleitung die wohl meist verbreiteten Einwände gegen Theorie seitens der Studierenden und packt so das Grundproblem am Schopf: Das hohe Maß an Fachtermini, die komplexen Denkmodelle sowie die Vorstellung, jeder könne doch schließlich lesen, führten zu der Annahme, Theorie sei überflüssig. Was folgt, ist ein "Plädoyer für eine theoriegeleitete Literaturwissenschaft", dessen Überzeugungskraft wohl auch am größten Theoriemuffel nicht vorbei zielen dürfte. Besondere Hervorhebung verdient nicht nur die vorbildliche Systematik dieser Einleitung, sondern auch die Anschaulichkeit der verwendeten Beispiele, so etwa das Poppersche "Kübel- und Scheinwerfermodell" mit dem Schneider Grundfragen der Epistemologie verdeutlicht und das den Beitrag wie ein roter Faden durchzieht. Am Ende steht ein Ausblick auf die außeruniversitäre Berufspraxis und somit ein Verweis auf den Begriff der "Schlüsselqualifikationen", der auch in den Geisteswissenschaften immer mehr in den Mittelpunkt von Studium und Lehre rückt.

Günter Leypoldt räumt in seinem Beitrag mit der Vorstellung vom veralteten Strukturalismus auf, indem er zu Recht betont, "daß wir heute noch mit Gewinn von Strukturalisten entwickelte Analyseverfahren benutzen" (S. 23). Zur Untermauerung dieser Behauptung skizziert er zunächst dessen wichtigste Vertreter und Schulen, um anschließend auf die grundlegenden Prämissen strukturalistischer Ansätze einzugehen. Auch dank der wissenschaftsgeschichtlichen Kontextualisierungen gestaltet sich dieses Unterkapitel äußerst leserfreundlich und erweist sich in Hinblick auf Sprache, Komplexität und Umfang als hervorragender Einführungsüberblick. Nach einem Abschnitt zu den strukturalistischen Verfahren der Literatur- und Kulturwissenschaften, in dem u.a. die Grundideen der Prager Schule um Roman Jakobson anschaulich erläutert werden, greift Leypoldt Terry Eagletons "Parodie der strukturalen Analyse" (S. 36) auf, um somit auch die wesentlichen Kritikpunkte am Strukturalismus aufzuzeigen. Abschließend gelangt er zu dem Fazit, dass die in der Literaturwissenschaft perpetuierten Vorurteile gegenüber dem Strukturalismus als einer an der Realität des Textes vorbeigehenden Theorie "nicht über den auch für einen kontextualistischen Umgang mit der Literatur ganz erheblichen methodologischen Nutzen strukturalistischer Textmodelle hinwegtäuschen" (38) sollten.

Karen Rehberger und Gerhard Stilz widmen sich der postkolonialen Literaturtheorie, einem der wohl einflussreichsten Bereiche der Literatur- und Kulturwissenschaft der letzten zwei Jahrzehnte. Im Anschluss an einen kurzen Abriss der historischen und politischen Voraussetzungen für die Entstehung postkolonialer Theorien folgt ein wissenschaftsgeschichtlicher Überblick, ausgehend von Ashcrofts, Griffiths und Tiffins bahnbrechender Studie The Empire Writes Back, der auch die Undifferenziertheit und somit Problematik des Begriffs "postkolonial" reflektiert. Die einschlägigen Begriffe des postkolonialen Diskurses - z.B. der "Hybridität", des "Third Space" oder des "Subalternen" - werden kurz und bündig dargestellt, ohne dass die Autoren sich dabei in den Untiefen der Bhabhaschen oder Spivakschen Konzepte verlieren. Wie beinahe alle Beiträge (von der Einleitung abgesehen einzige Ausnahme: Horst Tonns "Cultural Studies und Literaturwissenschaft") bieten auch Rehberger und Stilz eine Anwendungsperspektive: Am Beispiel verschiedener australischer Romane zeigen sie, inwiefern postkoloniale Lesarten für die Interpretation dieser Werke nicht nur fruchtbar, sondern z.B. in Hinblick auf Fragen nach kultureller Identität unerlässlich sind. Erfreulich ist, dass Rehberger und Stilz es schaffen, neben einer guten Überblicksdarstellung auch die Grenzen postkolonialer Literaturtheorie auszuleuchten, ohne dabei unnötig stark zu problematisieren. Entsprechend fällt auch ihr Fazit aus, das für die multikulturelle und multinationale Konzeption einer postkolonialen Theorie plädiert, die die soziokulturellen, geographischen und politischen Unterschiede nicht theoretisch einebnet.

Besonders hervorzuheben ist die homogene Anlage der Einzelbeiträge, die mit einer Systematik ans Werk gehen, die gerade Studierenden der unteren Semester den Einstieg in die Literaturtheorie erleichtern wird (auch wenn dies für eine Einführung eigentlich selbstverständlich sein sollte). Die Konzeption des Bandes ist an fast allen Beiträgen abzulesen: Zunächst wird eine knappe Definition dessen gegeben, was man unter dem jeweiligen Begriff (z.B. "Poststrukturalismus") versteht und von welchen Grundannahmen die jeweilige Theorie ausgeht. Hierbei werden auch nützliche Beziehungen zwischen den einzelnen Ansätzen hergestellt, also beispielsweise zwischen dem Strukturalismus und dem Poststrukturalismus (vgl. den Beitrag von Barbara Korte) oder zwischen der Diskursanalyse und den Gender Studies (vgl. den Beitrag von Eveline Kilian). Im Anschluss daran werden die wichtigsten Positionen und Konzepte des jeweiligen Ansatzes - auch in ihrer wissenschaftsgeschichtlichen Entwicklung - dargestellt. Es folgen in fast allen Beiträgen gut ausgewählte Beispiele, die eine Lesart eines literarischen Textes unter den theoretischen Prämissen der Ansätze exemplarisch durchspielen. Ebenfalls in den allermeisten Beiträgen werden auch die gewichtigsten Einwände und Gegenpositionen zu den vorgestellten Theorien genannt - ein Umstand, der dem wichtigen, im Vorwort formulierten Vorbehalt Rechnung trägt, "daß Literaturtheorie nicht von der dogmatischen Verkündung von Wahrheiten, sondern vom kritischen Einwand lebt" (S. viii).

Dass dieser "kritische Einwand" in den Einzelbeiträgen unterschiedlich stark ausfällt, führt letztlich dazu, dass einige wenige Beiträge etwas von ihrem praktischen Nutzen als Einführung für Studierende einbüßen. In Ingrid Hotz-Davies Aufsatz "Feministische Literaturwissenschaft und Gender Studies" beispielsweise fällt das Gewicht zwischen einführender Überblicksdarstellung und kritischer Bewertung m.E. zu stark zugunsten letzterer aus. Dies führt dazu, dass eine Orientierung darüber, was in der feministischen bzw. genderorientierten Literaturwissenschaft zu unterschiedlichen Zeiten geleistet wurde, höchstens zwischen den Zeilen zu finden ist. Der zum Teil sehr subjektive Stil der Verfasserin - gleichwohl sie diesen als sachlich motiviert zu rechtfertigen sucht (vgl. S. 121) - und das Fehlen so wichtiger Teilbereiche der gender-orientierten Literaturwissenschaft wie die feministische Narratologie führen dazu, dass der Beitrag nicht ganz das erfüllen kann, was man von einer Einführung erwartet, nämlich eine möglichst umfassende, systematische und neutrale Zusammenschau der wichtigsten Aspekte.

Abschließend bleibt jedoch zu konstatieren, dass Literatur in Theorie und Praxis eine überdurchschnittliche Einführung in die "pet theories" der aktuellen anglistischen und amerikanistischen Literaturwissenschaft - und mit den Beiträgen von Carola Sternberg und Horst Tonn auch der Film- bzw. Kulturwissenschaft - bietet. Die nützlichen Querverweise sowie die sorgfältigen Bibliographien tun ihr Übriges, den Band zu einem wertvollen und gleichzeitig kostengünstigen Begleiter für Studierende der Anglistik und Amerikanistik, aber durchaus auch anderer geisteswissenschaftlicher Fächer, zu machen.


Schneider, Ralf: Literatur in Theorie und Praxis. Eine anglistisch-amerikanistische Einführung. Tübingen: Narr, 2004. 271 S., brosch., 19,90 EUR; ISBN: 382336023X.


Inhaltsverzeichnis

Zu diesem Band vii

RALF SCHNEIDER: Plädoyer für eine theoriegeleitete Literaturwissenschaft - Einleitung und Überblick 1

GÜNTER LEYPOLDT: Strukturalismus 23

BARBARA KORTE: Poststrukturalismus und Dekonstruktion 41

EVELINE KILIAN: Diskursanalyse 61

ECKHARD AUBERLEN: New Historicism 83

INGRID HOTZ-DAVIES: Feministische Literaturwissenschaft und Gender Studies 117

KAREN REHBERGER und GERHARD STILZ: Postkoloniale Literaturtheorie 141

STEFANIE LETHBRIDGE: Literatursoziologie 163

RALF SCHNEIDER: Rezeptionstheorien 189

CLAUDIA STERNBERG: Film und Literaturwissenschaft 213

HORST TONN: Cultural Studies und Literaturwissenschaft 241

Index 265


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