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Zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft. Über den kulturellen Partikularismus

Eine Rezension von Arvi Sepp (Leuven)

Wieviorka, Michel: Kulturelle Differenzen und kollektive Identitäten. Hamburg: Hamburger Edition, 2003.

Das Werk des französischen Soziologen Michel Wieviorka versteht sich als systematisierende Bestandsaufnahme der neueren Multikulturalismusforschung bzw. als deren kritische Weiterführung. In dem hauptsächlich soziologisch geprägten Band wird untersucht, wie sich kulturelle Partikularismen mit ihrem differenzierenden religiösen, ethnischen, regionalen oder sexuellen Selbstverständnis in der westlichen Moderne definieren, (re)konstruieren und reproduzieren. In diesem Kontext rückt Wieviorka Konzepte wie "Identität", "Subjektivität" und "Differenz" in ein neues Licht.



Michel Wieviorka ist im deutschsprachigen Raum noch weitgehend unbekannt, obwohl er in Frankreich einer der bekanntesten zeitgenössischen Soziologen ist und zu den Leitfiguren in der Debatte um den Multikulturalismus gehört. In Kulturelle Differenzen und kollektive Identitäten, dem ersten ins Deutsche übersetzten Werk aus seinem Oeuvre, weist der Autor nach, dass die Moderne nicht als Widerpart oder als Ende partikularer Identitäten verstanden werden soll, sondern eher eine Ära ist, in der Partikularismen als Gegenreaktion auf die fortschreitende Globalisierung hervorgebracht werden (S. 26).

Im ersten Teil dieses Bandes (»Die Entstehung der Debatte«) schildert Wieviorka aus soziologischen und moral- bzw. politikphilosophischen Blickwinkeln die historischen Rahmenbedingungen für die aktuelle Bedeutung kultureller Differenzen. Im postindustriellen Zeitalter geht es nicht mehr wie noch in der Moderne um wirtschaftliche Ausbeutung oder Produktionsverhältnisse, sondern um soziokulturelle Marginalisierung und Instabilität: "In der neuen sozialen Frage sind das Kulturelle und das Soziale also von vornherein vermischt" (S. 47). Kulturelle Differenzen und die damit verbundenen kollektiven Identitäten sind deswegen Phänomene, die gerade für zeitgenössische westliche Zivilgesellschaften typisch sind. Zur Beurteilung der heutigen Debatten über Multikulturalismus ist ein Blick auf die Auseinandersetzungen mit Minderheiten seit den 1960er Jahren hilfreich, wie Michel Wieviorka mit vielen Verweisen auf beispielsweise die afroamerikanische Bürgerrechtsbewegung oder die jüdische Diaspora immer wieder deutlich macht. In seiner Darlegung des Forschungsstands bewegt sich Wieviorkas Stellungnahme jenseits der Dichotomie zwischen Liberalismus und Kommunitarismus, zwischen Universalismus und Relativismus. Der Autor lehnt diese in der Forschung oft hypostasierte Gegenüberstellung von kultureller Vermischung und kultureller Differenz ab und vertritt die Auffassung, dass moderne Einwanderungsgesellschaften eher als identitätssuchende hybride Mischkulturen, die einer neuen definitorischen Kategorisierung bedürfen, betrachtet werden können.

Im zweiten Teil seines Werkes (»Die Analyse der Differenzen«) schlägt Wieviorka also ein spezifisches theoretisches und heuristisches Instrumentarium vor, das Ordnung und Klarheit in die verzettelte Debatte um die Probleme, die von der Zunahme kultureller Differenzen aufgeworfen werden, bringen soll. Um die Merkmale zu untersuchen, die in einem gegebenen Moment die in einer Gesellschaft wirksamen Identitäten charakterisieren, erstellt der Autor eine Typologie der Differenzerfahrungen. Mit diesem Begriffsapparat, der z.B. verschiedene Arten von Minderheiten voneinander abgrenzt, lässt sich das Spannungsverhältnis zwischen kulturellen Differenzen und kollektiven Identitäten systematisch untersuchen. Im Mittelpunkt dieses typologischen Gerüsts steht das »Dreieck der Differenz«, dessen drei Pole kollektive Identität, moderne Individualität und Subjektivität sind (S. 162-194). Die Dynamik dieser Differenzen ist instabil, sie hat einen prozessualen Charakter, der ständig zwischen den drei Polen zirkuliert und der dem Individuum die Möglichkeit verschafft, auch tatsächlich zum Handlungssubjekt der eigenen Identitätskonstruktion zu werden. In diesem Sinne kann kultureller Partikularismus nicht auf ein erstarrtes essenzialistisches Eigenverständnis reduziert werden, da Identität zu verschiedenen Zeitpunkten unterschiedlich konfiguriert werden kann.

Die Studie ist insgesamt sehr konsistent, doch das achte Kapitel - mit »Kultur, Identität, Erinnerung« überschrieben - wurde nur mangelhaft kontextualisiert und fällt als ergänzender Teil aus dem Rahmen des Bandes. Der Tatsache, dass kollektives Gedächtnis sich nicht additiv aus einer Reihe individueller Erinnerungen zusammensetzt, wird im konzeptuellen Analysemodell nicht Rechnung getragen. Ein weiterer Mangel dieses Bandes liegt zudem in der fehlenden Erörterung der Bedeutung der Massenmedien und der Öffentlichkeit als symbolische Orte der Konstruktion, Mutation und Hybridisierung von Identitäten.

Abgesehen von diesen kritischen Anmerkungen bleibt als Fazit festzuhalten, dass sich das Buch von Michel Wieviorka mit großem Gewinn liest. Seine ausgewogene soziologische Untersuchung stellt ein gelungenes Komplement zu der in jüngster Zeit entstandenen Fülle an sozialwissenschaftlich oft unzureichend untermauerter Literatur über minoritäre Kulturgemeinschaften und deren Selbstdefinition dar. Sie bietet einen grundlegenden und übersichtlichen Einstieg in die gegenwärtige Problematik der Integration bzw. Assimilation von identitätssuchenden kulturellen Minderheiten in westliche Demokratien.


Wieviorka, Michel: Kulturelle Differenzen und kollektive Identitäten. Aus dem Französischen von Ronald Voullé. Hamburg: Hamburger Edition, 2003. 246 S., geb., 25 Euro.


Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Von der Analyse zum Handeln
Der Platz der Sozialwissenschaften
Der Begriff der Kultur
Die klassischen Auffassungen in der Debatte
Eine neue Formulierung

Erster Teil Die Entstehung der Debatte

1. Kulturelle Differenzen und soziale Ungerechtigkeit

Zwei Wellen
Eine erste Welle
Eine zweite Welle
Zwei Erscheinungsformen
Ein Einwand
Kollektive Identitäten und Individualismus
Die Identitäten im Raum

2. Das Moment der politischen Philosophie und der Moralphilosophie

Anfänge
Liberale und Kommunitaristen
Die Frage des Subjekts
Eine erschöpfte Debatte
Fünf Auswege
Die Rückkehr des Sozialen
Die Frage der Demokratie
Das Subjekt im Mittelpunkt der Analyse
Mischformen und Vermischungen
Der Multikulturalismus auf dem Prüfstand

3. Kollektive Differenz oder Mischformen

Zwei Ansätze
Rückkehr zu den kollektiven Identitäten
Die Vermischung
Kulturelle Mischung und soziale Praxis

4. Der Multikulturalismus

Der integrale Multikulturalismus
Der gespaltene Multikulturalismus
Debatten und Kontroversen
Begünstigungen und Gleichheit
Anerkennung der Differenz oder Kommunitarismus?
Wer kommt in den Genuss des Multikulturalismus?


Zweiter Teil Die Analyse der Differenzen

5. Reproduktion und Konstruktion von Differenzen

Eine Typologie
Die überrollten Minderheiten
Die primären Minderheiten
Die unfreiwilligen Minderheiten
Die Migranten
Die Identität von Bevölkerungsgruppen, die von Einwanderern abstammen
Von der persönlichen Erfahrung zur kollektiven Identität

6. Die Produktion von Differenzen

Zwei komplementäre Bedingungen
Die Umkehrung des Stigmas
Die einfache Umkehrung
Umkehrung plus Verschiebung
Identitäten ohne Schmerzen?
Distanzierung und Engagement
Interaktionen und Herabwürdigung
Die Rationalität der Differenz

7. Das Dreieck der Differenz

Die drei Komponenten der Differenz
Die kollektive Identität
Das moderne Individuum
Das Subjekt
Eine ideale Konfiguration
Die Identität unter Spannung
Individualismus und Identität
Die Stellung des Subjekts
Zirkulationsschwierigkeiten
Die Schwächen der Identität
Die Kontingenzen des Individuums
Das Subjekt zwischen Engagement und Distanzierung
Die Konfiguration der Differenz
Die Auflösung in die Elemente
Die Implosion
Die Inversion

8. Kultur, Identität, Erinnerung

Gedächtnis und Subjekt
Gedächtnis und Subjektivität
Kollektives Gedächtnis und individuelles Gedächtnis: Maurice Halbwachs
Gedächtnis und Geschichte
Die Kristallisierung
Von der Entstehung eines kollektiven Gedächtnisses zu einem öffentlichen Ausdruck
Die Arbeit des Gedächtnisses und die Krise der Geschichtswissenschaft
Drei Beispiele

Schlussfolgerung
Literaturverzeichnis
Personenregister

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