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Artikelaktionen

Abwechslungsreiche Einblicke - Interessante Ausblicke

Eine Rezension von Martin Butler (Duisburg-Essen)

Hornung, Alfred (Hg.): Sexualities in American Culture. Heidelberg: Winter, 2004.

Der Sammelband Sexualities in American Culture enthält sowohl Beiträge einer von der Universität Mainz und der Atlantischen Akademie Rheinland-Pfalz organisierten Konferenz im Jahre 1999 als auch eine Reihe weiterer Artikel deutscher, französischer und spanischer Literatur- und KulturwissenschaftlerInnen. Die Beiträge, welche sich unterschiedlicher theoretischer und methodischer Ansätze bedienen, beleuchten verschiedene historische und textuelle Aspekte von Sexualität und sexuellem (Selbst-) Verständnis in der US-amerikanischen Gesellschaft - ein Thema also, von dem man spätestens seit der Legislaturperiode Clinton weiß, dass es nichts an Aktualität und Brisanz verloren hat und (nicht nur) die Gemüter der Amerikaner erhitzt.

 

Alfred Hornung zeichnet in seinem einleitenden Beitrag die Entwicklung des sexuellen Selbstverständnisses in der US-amerikanischen Gesellschaft nach. Er verdeutlicht, dass die traditionell-konservative Vorstellung einer auf der puritanischen Repressionsethik basierenden amerikanischen Monokultur den historischen Realitäten in den Vereinigten Staaten in keinster Weise Rechnung trägt. Vielmehr haben sich seit der Zeit des Puritanismus, in der sich – entgegen der Weberschen Annahme eines generell asketischen Lebenswandels – im Hinblick auf die Sexualität bereits eine "moral ambivalence" (S. 4) abzeichnete, bis ins 21. Jahrhundert höchst unterschiedliche Formen der sexuellen Orientierung und des Zusammenlebens herausgebildet. Damit unterstreicht Hornung auch das Desiderat einer kulturwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dieser spannungsreichen Entwicklung, zu der die Artikel in dem von ihm herausgegebenen Band einen Beitrag leisten sollen.

Am Beispiel von James Baldwins Kurzgeschichte "Going to meet the man" aus dem Jahre 1965 zeigt Hélène Christol in ihrem Beitrag "The Sexualisation of Racism: Lynching Scenes and 'Going to Meet the Man'" die Verknüpfung von Aspekten der Sexualität mit rassistischen Vorurteilen gegenüber Afroamerikanern auf. Durch ein close reading zentraler Passagen gelingt es Christol auf nachvollziehbare Weise, die Ambiguität der im Mittelpunkt der Geschichte stehenden Kastration eines Afroamerikaners während eines Lynch-Rituals zu entschlüsseln. Dieses Lynch-Ritual lässt sich nämlich nicht nur als die vielleicht wirkungsvollste Methode zur Unterdrückung der schwarzen Minderheit und somit als Bestätigung der von Weißen geprägten und dominierten US-amerikanischen Gesellschaft der damaligen Zeit verstehen. Durch die Tötung des als "phallic black beast" (S. 26) dämonisierten Lynch-Opfers und den damit verbundenen symbolischen Transfer sexueller Potenz auf die Vollstrecker des grausamen Aktes kann es vielmehr auch als Mittel der Rehabilitation weißer Maskulinität und Dominanz gedeutet werden. Das als Kindheitserinnerung des Protagonisten Jesse dargestellte Ritual, so impliziert es der Schluss der Kurzgeschichte, hat traumatisierende Wirkung auf den nun Erwachsenen, der, als "victim as well as a victimizer" (S. 29), in eine "spiritual darkness" (ebd.) verfällt und die 'blutrünstige' Tradition weiterführt, um seiner Desorientierung Herr zu werden.

Dass die Diskriminierung von Minderheiten keineswegs ein Relikt der Vergangenheit, sondern auch heute noch Teil des US-amerikanischen Alltags ist, verdeutlicht Liliane Kerjan in ihrem Beitrag "A Right to Personal Privacy": Sie zeigt auf, dass im Gegensatz zur Literatur, die sich seit den 1960er Jahren zunehmend mit alternativen und unkonventionellen Konzeptionen von Liebe und Sexualität auseinandersetzt (vgl. hierzu auch die Beiträge von Wolfgang Binder, Mita Banerjee oder Claude Le Fustec), die US-amerikanische Rechtsprechung solche im Zuge der Pluralisierung und Individualisierung entstandenen Formen des Zusammenlebens noch immer einzuschränken und zu regulieren versucht. Anhand der Analyse einer bemerkenswerten Fülle von Beispielfällen und -urteilen macht Kerjan deutlich, dass es sowohl im Bereich des öffentlichen Lebens und des Arbeitsmarktes als auch im Privatleben (immer noch) zu Diskriminierungen derer kommt, die vom erwünschten Standard der heterosexuellen Ehegemeinschaft abweichen. So werden nicht nur außereheliche Verbindungen zwischen heterosexuellen Arbeitskollegen nur sehr bedingt geduldet, sondern vor allem homosexuelle Neigungen in vielen Berufszweigen als Kündigungsgrund angesehen. Auch der Kampf um die gleichgeschlechtliche Ehe, dessen Geschichte ebenfalls anhand von Analysen relevanter Gerichtsurteile nachgezeichnet wird, ist, so die Verfasserin, noch immer nicht ausgefochten. Obwohl Kerjan der fundamentalistischen Rechten, deren Propagandaarbeit gegen die Homosexualität als klischee- und vorurteilsbeladen entlarvt wird, eine erschreckende politische Durchschlagskraft attestiert, erkennt sie in den von ihr untersuchten juristischen Beispielen eine, wenn auch nur sehr mühsam voranschreitende Entwicklung in Richtung Gleichberechtigung.

In ihrem Beitrag "'Barbies without Underpants': American Women's Detective Fiction at the Turn of the Millenium "zeigt Carmen Birkle auf, inwieweit zeitgenössische women's detective fiction von Idealisierungen und stereotypen Stilisierungen ihrer weiblichen Protagonisten Abstand nimmt und ein komplexeres, den jüngsten gesellschaftlichen Entwicklungen eher Rechnung tragendes Frauenbild entwirft. Am Beispiel von Janet Evanovich's Romanfigur Stephanie Plum, die als Kopfgeldjägerin ihr Geld verdient, macht Birkle auf die unterschiedlichen, nicht selten gegensätzlichen Rollenerwartungen aufmerksam, mit denen sich Frauen im neuen Jahrtausend konfrontiert sehen. So vergleicht sich Evanovichs Protagonistin gleich zu Beginn einer der Romane mit einer "bare-bottom Barbie" (S. 163); einer Barbiepuppe, die zwar den Anschein äußerlicher Perfektion wahren kann und so dem traditionellen weiblichen Rollenideal gerecht wird, sich 'unter der Oberfläche' jedoch – versinnbildlicht durch die fehlende Unterwäsche – unsicher und unbeschützt fühlt. Die Erfahrung der Diskrepanz zwischen dem Schein und dem Sein macht Kopfgeldjägerin Plum, so Birkle, auch in ihren sozialen und sexuellen Beziehungen, in denen sie ständig dem Konflikt zwischen traditionellen Rollenerwartungen und eigenem eman-zipatorischem Bewusstsein ausgesetzt ist. Ein weiterer bemerkenswerter Beitrag ist Cristina Garrigós' "On the Sexuality of Literature", in dem die Autorin die These vertritt, dass literarische Texte sich durch eine bestimmte sexuelle Orientierung charakterisieren und so voneinander unterscheiden lassen. Sie entwickelt eine Typologie der Sex(t)ualität (sextuality, S. 178) nach der, je nach Art der intertextuellen Bezüge, zwischen "homosextual texts", "heterosextual texts", "bisextual texts", "onanist texts" und "asextual texts" (S. 179ff.) unterschieden werden kann. Wenn man weder den Anspruch erhebt, literarische Texte eindeutig einer dieser Kategorien zuordnen zu können, noch Zweifel daran hat, dass Texte an und für sich und ganz unabhängig vom Autor ein Geschlecht besitzen, dann ist dieser Ansatz sicherlich ein – wenn auch gewagter – Versuch, bestimmte intertextuelle Affinitäten literarischer Werke zu erklären.

Fazit: Insgesamt sind die Heterogenität der theoretischen und methodischen Ansätze sowie die thematische Vielfalt des Bandes äußerst positiv zu beurteilen. So eröffnen die Beiträge unterschiedliche Perspektiven und machen auf Phänomene und Probleme aufmerksam, die möglicherweise Anlass zu weiterer kulturwissenschaftlicher Auseinandersetzung mit einem enorm komplexen Gegenstand geben. Dabei ist die getroffene Textauswahl keineswegs als Urteil über die Qualität der anderen, hier nicht erwähnten Artikel misszuverstehen, die allesamt auf interessante und innovative Weise verdeutlichen, wie stark Aspekte der Sexualität mit solchen der Identität wie ethnischer Zugehörigkeit oder sozialer Schichtung verknüpft sind und wie Sexualität so zum prägenden Element (US-amerikanischer) Kultur(en) wird. Kritisch anzumerken bleibt jedoch, dass die in der Einleitung des Herausgebers angekündigte chronologische (und thematische) Ordnung der Beiträge, die ob der sowieso schon sehr heterogenen Mischung ihrer Ansätze und inhaltlichen Schwerpunkte ohne Zweifel sinnvoll gewesen wäre, nicht der tatsächlichen Reihenfolge der Artikel im Band entspricht. Diese Inkohärenz im Aufbau des Bandes erschwert die Orientierung beim Lesen. Trotz dieses konstatierten Mangels sei der Band all denen ans Herz gelegt, die sich einen Überblick über den aktuellen wissenschaftlichen Diskurs zu einem in der Tat sehr spannenden und kontroversen Thema verschaffen wollen.


Alfred Hornung (Hg.). Sexualities in American Culture. Heidelberg: Winter, 2004, 190 S., 38,00 €, Hardcover, ISBN 3-8253-1070-1.


Inhaltsverzeichnis:


Alfred Hornung, "Sexualities in American Culture: Introduction", S. 1.

Michel Fabre, "New Orleans Belles and Balls: The Quadroon as Sexual Icon – Myths and Realities", S. 9.

Hélène Christol, "The Sexualisation of Racism: Lynching Scenes and ‘Going to Meet the Man'", S. 21.

Christa Buschendorf, "Circe's Realm and the Virgin of Chartres: Henry Adam's Visions of the Power of Sex", S. 33.

Liliane Kerjan, "A Right to Personal Privacy", S. 51.

Jean-Pierre Martin, "The Drier Sex", S. 63.

Dieter Meindl, "Sex and the Western Love Code: Comparing Faulkner, Hemingway and Ondaatje", S. 71.

Barbara Schwerdtfeger, "Sexuality, Sainthood and Suburban Boredom in Donald Barthelme's 'The Temptation of Saint Anthony'', S. 85.

Astrid Franke, "The Poetic Promiscuity of Robert Lowell", S. 95.

Claude Le Fustec, "Sexuality in Tony Morrison's Fiction: A Quest for Love", S. 109.

Wolfgang Binder, "In and Out of the (Chicano) Closet: The Cases of Richard Rodriguez and John Rechy", S. 119.

Mita Banerjee, "Polymorphous Perversity or the Contingency of Stereotypes in Bharati Mukherjee's Leave It to Me", S. 133.

Nicole Waller, "Sex with Gramma: The Horror of the Hole in the Fiction of Stephen King", S. 143.

Carmen Birkle, "'Barbies without Underpants': American Women's Detective Fiction at the Turn of the Millenium", S. 161.

Cristina Garrigós, "On the Sexuality of Literature", S. 173.


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