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Zeugen der kolonialen Welt in den Anden. Beiträge zur quellenkritischen Analyse ethnohistorischer Texte

Eine Rezension von Sabine Fritz

Angelis-Harmening, Kristina et al. (Hg.): Zeugen der kolonialen Welt in den Anden. Beiträge zur quellenkritischen Analyse ethnohistorischer Texte. Aachen: Shaker, 2003.

Auf Grundlage des Entstehungskontextes, der Identität der Autoren und des kolonialen Diskurses im Vizekönigreich Peru untersucht der Sammelband spanische und indigene Quellen des frühen 17. Jh.s aus den Andenländern aus ethnohistorischer Perspektive. Die Bandbreite der untersuchten Schriftzeugnisse reicht von umfassenden Geschichtsdarstellungen in Chroniken bis zu schematisierten Mitschriften von Gerichtsprozessen. Jeweils drei Beiträge widmen sich den historiographischen Werken einzelner Autoren bzw. kolonialen Verwaltungsdokumenten. Ein weiterer Beitrag, der fünf kurze Dokumente über die soziopolitische Organisation der Inkas untersucht, kritisiert die Tendenz zur oberflächlichen Beschäftigung mit dem Quellenmaterial.



Quellenkritische Untersuchungen der andinen Geschichte haben in den vergangenen Jahrzehnten dies- und jenseits des Atlantik stetig an Bedeutung gewonnen, wozu die im 20. Jahrhundert erfolgte Entdeckung bzw. erstmalige Veröffentlichung mehrerer der Forschung bis dahin unbekannter und zumeist indigener Schriftzeugnisse des 16. und 17. Jh.s maßgeblich beigetragen haben. Gleichzeitig ist seit Beginn des 20. Jh.s ein allmählicher Umbruch im Repräsentationsdiskurs der Conquista zu verzeichnen, der sich des Konstruktcharakters geschichtlicher Darstellung zunehmend bewusst wird, den - bis dato weithin ungefragt akzeptierten - triumphalistischen Siegerdiskurs der Eroberer kritisch hinterfragt und sich verstärkt dem Diskurs der Besiegten zuwendet. In diesem Rahmen widmen sich Ethnohistoriker, nicht zuletzt auch beeinflusst von postmodernen und postkolonialen Ansätzen, vermehrt dem quellenkritischen Studium kolonialzeitlicher historiographischer und administrativer Schriftzeugnisse u.a. aus den Andenreichen Südamerikas. "Obwohl wir uns heute alle bewusst sind, dass die Motivation und der Diskurs jeder Quelle berücksichtigt werden muss, wenn wir sie verwenden wollen, um die andinen Kulturen besser zu verstehen", so Sabine Dedenbach-Salazar Sáenz in der Einleitung, "ist ihnen wenig Gewicht zuteil geworden" (S. viii).
Diese Forschungslücke möchte der Sammelband, der Arbeiten der Nachwuchswissenschaftlerinnen des Instituts für Altamerikanistik und Ethnologie der Universität Bonn vorstellt, schließen, indem er wichtige Schriftzeugnisse aus quellenkritischer Perspektive analysiert und neue Wege für die Annäherung an die andine Welt vorschlägt. Jeder Beitrag verortet zunächst die betreffenden Dokumente im geschichtlichen Umfeld und liefert eine Kurzbeschreibung von Form und Inhalt, bevor mit Hilfe komparatistischer, linguistischer oder literaturwissenschaftlicher Analysekategorien der ethnohistorische Informationsgehalt näher untersucht wird. Im Anschluss folgt jeweils eine ausführliche Zusammenfassung in spanischer Sprache.

Die ersten drei Beiträge beschäftigen sich mit kolonialzeitlichen Chroniken, in welchen unterschiedliche Perspektiven zur Anschauung kommen: der spanische Eroberer Juan de Betanzos ist mit einer ehemaligen Inkaprinzessin verheiratet, Pedro Sarmiento de Gamboa schreibt im Auftrag des spanischen Königs, Juan de Santa Cruz Pachacuti ist nobler andiner Herkunft und Bartolomé Alvarez spanischer Säkularkleriker. Andrea Nowotny zeigt in ihrem Vergleich der bereits gut untersuchten Chroniken Betanzos und Sarmiento de Gamboas, dass die Widersprüche, aufgrund derer sie bisher häufig als unzuverlässige Quellen eingestuft wurden, bei quellenkritischer Analyse Rückschlüsse auf die oralkulturelle Vermittlung andiner Geschichte zulassen. Anja Czibulinski legt für die Chronik Pachacutis dar, "welche äußeren Faktoren den Autor in der Wahl seiner sprachlichen Mittel beeinflussten, um einen historiographischen Text zu erstellen" (S. 75). Seine mangelnde Ausdrucksweise im schriftsprachlichen Spanisch, welche nicht selten zu einer fälschlichen Abwertung der inhaltlichen Qualität des Werkes geführt hat, liefert Erkenntnisse über die von der Forschung bisher weitgehend vernachlässigten schulischen Verhältnisse in der Kolonialzeit. Mit dem Leben eines spanischen Säkularklerikers im 16. Jahrhundert beschäftigt sich Petra Sapper in der Analyse des Memorials von Alvarez, das 1588 verfasst und 1998 erstmals publiziert wurde. Die Autorin bietet neue Einblicke in das Leben auf dem Altiplano und in die bisher wenig erforschte ethnische Gruppe der Uru.
"[E]ine andere Art ethnohistorischer Herausforderung" (S. viii) stellen die folgenden Analysen von kolonialadministrativen Quellen dar. Frederike Meyer untersucht die dreisprachige Predigtsammlung Tercero cathecismo "als "ethnographische" Informationsquelle über die spanische Sicht der andinen Glaubensvorstellungen im 16. Jahrhundert, [...] [und erstmals auch] als Quelle, die vermittelt, welche Methoden der Christianisierung die Kolonialkirche als effektiv ansah" (S. 120). Eine dieser Methoden, die visitas de idolatría, untersucht Roswitha Lucht in ihrem Beitrag näher, in welchem sie die Kommunikationssituation zwischen agierenden und reagierenden Personen mit konträren Positionen und Zielen in überlieferten Gerichtsaussagen analysiert und so "[d]ie Lebendigkeit der indigenen Kulte neben dem oberflächlichen, aber voranschreitenden Einfluss des Christentums" (S. 189) aufzeigt. Annette Wenker untersucht mit den persönlichen Kontrollbesuchen spanischer Kolonialbeamter eine weitere Form der visitas. Durch die Einbeziehung einer "größeren Anzahl von Dokumenten, die sich mit den Umständen, in denen eine visita stattfand" (S. 208) beschäftigen, gelingt es ihr, den individuellen Charakter, den diese Kontrollbesuche je nach Visitador annahmen, aufzuzeigen.
Eine der Folgen, die eine oberflächlichere Auseinandersetzung mit dem Quellenmaterial haben kann, hebt der abschließende Beitrag Kristina Angelis-Harmenings hervor. Gegenstand der Untersuchung sind die intertextuellen Bezüge von fünf gemeinsam im Indienarchiv abgelegter Texte, wobei der Fokus auf den Texten 2 und 3 liegt, die bisher als identisch angesehen wurden. Mit der erstmaligen Veröffentlichung von Text 2 sowie einem detaillierten Vergleich beider Versionen zeigt die Autorin aber, dass es sich um eine ursprüngliche und eine überarbeitete Version handelt, und dass sich nach der Überarbeitung der Tenor "leicht in Richtung eines spanischen Rechtfertigungsversuches verschiebt" (S. 289).

Trotz leichter qualitativer Abweichungen untereinander vermögen die Analysen aller Beiträgerinnen sehr deutlich herauszustellen, welche neuen Erkenntnisgewinne eine quellenkritische Herangehensweise für die Ethnohistorie bereithält. Die Aufmerksamkeit des Lesepublikums wird auf bisher von der Forschung vernachlässigte oder oberflächlicher abgehandelte Themenbereiche gelenkt, die - auch wenn dies nicht explizit formuliert wird - interdisziplinäre Anschließbarkeit, z.B. im Bereich der Kulturwissenschaften, bieten. Obgleich einige Analysen durch eine größere begriffliche Schärfe (beispielsweise bezüglich des von ihnen herangezogenen Analyseinstrumentariums oder des Identitätskonzeptes) noch gewinnen könnten, liefern die angefügten detaillierten tabellarischen Übersichten eine sehr gute Orientierungshilfe und anschließbare Ergebnisse. Die Erkennung von Bezügen und Vernetzungen der Beiträge untereinander wird dem aufmerksamen Lesepublikum selbst überlassen, was ihm aber nicht schwer fallen dürfte, da es sich um eine sorgfältige und stimmige Themenauswahl sowie einen gut strukturierten Sammelband handelt - der im Übrigen über die Homepage der BAS (Bonner Amerikanistische Studien) auch als Online-Publikation für 4€ heruntergeladen werden kann.

Fazit: Neben stellenweise begrifflichen Unschärfen und der Tatsache, dass der Sammelband seine eigenen Vorzüge besser inszenieren könnte, legen die Nachwuchswissenschaftlerinnen der Bonner Altamerikanistik und Ethnologie insgesamt äußerst überzeugende Arbeiten vor: Sie wirken stichhaltig an der Schließung der im Vorwort benannten Forschungslücke mit und bieten zudem eine äußerst spannende Lektüre, die sich bei gleichzeitig preisgünstiger, schneller und unkomplizierter Verfügbarkeit kein interessierter Laie oder Wissenschaftler entgehen lassen sollte.


Kristina Angelis-Harmening, Anja Czibulinski, Roswitha Lucht, Frederike Meyer, Andrea Nowotny, Petra Sapper, Annette Wenker: Zeugen der kolonialen Welt in den Anden: Beiträge zur quellenkritischen Analyse ethnohistorischer Texte. Aachen: Shaker 2003. 300 S., kart., 40€. (Bonner Amerikanistische Studien, 37), ISBN 978-3832219376



Inhaltsverzeichnis

Vorwort
Prólogo (Sabine Dedenbach-Salazar Sáenz)

Die Chroniken des Juan de Betanzos und des Pedro Sarmiento de Gamboa: Ein quellenkritischer Vergleich (Andrea Nowotny)

Auswirkungen kolonialzeitlicher Sprachpolitik am Beispiel der Relación de antigüedades von Juan de Santa Cruz Pachacuti Yamqui Salcamygua (Anja Czibulinski)

Das Memorial von Bartolomé Alvarez (1588) und seine Darstellung der Uru (Petra Sapper)

Der Tercero cathecismo y exposicion de la doctrina cristiana, por sermones (1585) - Eine Predigtsammlung aus dem kolonialen Peru (Frederike Meyer)

Procesos de idolatría - Eine quellenkritische Untersuchung zur Interaktion der Beteiligten in Idolatrieprozessen des 17. Jahrhunderts in Peru (Roswitha Lucht)

Visitas im Vizekönigreich Peru: Ein quellenkritischer Vergleich (Annette Wenker)

Texte zur Inkageschichte aus dem Indienarchiv (AGI): Zusammenhänge, Abhängigkeiten und zwischentextliche Bezüge einiger Quellen aus dem legajo Lima 30 (Kristina Angelis-Harmening)


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