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Romantik als Diskursformation

Eine Rezension von Dr. Sandra Heinen

Reinfandt, Christoph: Romantische Kommunikation. Zur Kontinuität der Romantik in der Kultur der Moderne. Heidelberg: Winter, 2003.

In seiner Habilitationsschrift unternimmt der Anglist Christoph Reinfandt eine Neukonzeptualisierung des in der Literaturwissenschaft seit längerem umstrittenen Begriffs der Romantik. Den Terminus, der traditionell zur Bezeichnung der Kulturproduktionen der Zeit von ca. 1780 bis ca. 1830 herangezogen wird, verwendet Reinfandt ausdrücklich nicht mehr als Epochenbegriff. Stattdessen beschreibt er Romantik als eine Diskursformation, die für die Kultur der Moderne insgesamt spezifische Funktionen übernimmt und deshalb bis in unsere Gegenwart wirksam ist.


Der Begriff "Romantik" ist als Epochenbezeichnung in den letzten Jahrzehnten in der englischen Literaturwissenschaft - wie Buchtitel wie At the Limits of Romanticism von Mary Favret und Nicola Watson (1994) oder Questioning Romanticism von John Beer (1995) signalisieren - wiederholt in Frage gestellt worden. Die Kritiker des Begriffs bemängeln, dass er sich (in der literaturwissenschaftlichen Forschung des 20. Jahrhunderts) lediglich auf ein sehr begrenztes Spektrum von Dichtern zu beziehen scheint, nämlich jene "Big Six", die auch heute noch in vielen Literaturgeschichten als DIE Akteure der Sattelzeit benannt werden: Blake, Wordsworth, Coleridge, Keats, Shelley und Byron. Zunehmend stellt sich die Frage, ob sechs Autoren eine Epoche konstituieren können, d.h. ob die Rede von "der Romantik" nicht statt Erkenntnis fördernd doch eher Blindheit erzeugend ist, da sie den Blick auf die kulturelle Vielfalt und ungeheuere Produktivität der Zeit verstellt, indem sie ein Randphänomen zum zentralen Merkmal der Kultur um 1800 erklärt. Darüber hinaus ist aber auch die Homogenität der sechs "großen" Dichter immer wieder in Frage gestellt worden. Ob Blake und Byron zur Romantik zu zählen - oder nicht doch differenzierter als Prä- bzw. Postromantiker zu bezeichnen seien, wird immer noch diskutiert. Schließlich hat Jerome McGann 1983 in seiner einschlägigen Untersuchung zu The Romantic Ideology zu bedenken gegeben, dass die Denkmuster, welche die Romantik charakterisieren, keineswegs nur jenem halben Jahrhundert angehören, das generell als "die Romantik" bezeichnet wird, sondern vielmehr bis heute nachweisbar sind.

McGanns Studie bildet einen der zwei wichtigsten theoretischen Orientierungspunkte für Reinfandts Neukonzeptualisierung des Romantikbegriffs, die diesen erstens zu erweitern und zweitens zu differenzieren beabsichtigt: In Anlehnung an McGann versteht Reinfandt unter Romantik nicht eine Epoche, sondern "eine für die Kultur der Moderne charakteristische Denkhaltung und Weltanschauung, ja [...] ein erkenntnistheoretisches Paradigma" (S. 37). Durch diese Neudefinition von Romantik als - wie es an anderer Stelle heißt - "Diskursformation" (S. 53f.) wird der Zeit um 1800 ihre zentrale Rolle in der Herausbildung romantischen Denkens nicht abgesprochen, aber der Blick dafür geöffnet, dass das romantische Paradigma um 1800 weder konkurrenzlos existierte, noch nach 1830 völlig an Bedeutung verlor. Genau diese beiden Perspektiven sind für die vorliegende Studie ausschlaggebend, welche die "historische Kontinuität" romantischen Denkens aufzeigen will, "ohne die Anerkennung historischer Differenz preiszugeben" (S. 12).

Zweiter theoretischer Orientierungspunkt ist dabei - wie schon der Obertitel "Romantische Kommunikation" andeutet - Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme, die davon ausgeht, dass jedes gesellschaftliche System aus Kommunikationen besteht. Die Systemtheorie bietet den heuristischen Vorteil, für literarische Phänomene ein kulturwissenschaftliches Erklärungsmodell bereitzustellen, da sie die Wechselbeziehungen zwischen gesellschaftlichen Strukturen und kulturellen Semantiken theoretisiert. Der systemtheoretische Ansatz erfordert also geradezu eine Ausweitung des traditionellen Gegenstandsbereichs der Romantikforschung und gibt überdies eine Fragerichtung vor, die auch die vorliegende Studie bestimmt: Diskutiert wird von Reinfandt vor allem die FUNKTION romantischer Kommunikation im Kontext einer modernen, funktional differenzierten Gesellschaft.

Die Funktion der Diskursformation Romantik besteht nun darin, "die Erfahrung einer unüberwindlichen Abspaltung des modernen Bewusstseins von der Welt" (S. 37) zu kompensieren. Mit der Ausdifferenzierung der Gesellschaft im 18. Jahrhundert wird die Kontingenz subjektiver Erfahrungen zunehmend als problematisch empfunden. Während der Diskurs der Aufklärung deshalb bemüht ist, Subjektivität zu minimieren bzw. gänzlich auszuschließen, wird subjektive Erfahrung im romantischen Diskurs aufgewertet. Ihr wird kulturelle Relevanz zugewiesen, indem sie objektiviert und universalisiert wird. Strategien dazu lassen sich, wie Reinfandt anhand eines exemplarischen Blicks auf die Entwicklung der Gattung Lyrik anschaulich vorführt, sowohl auf der Mitteilungsebene (vereinfacht: Form) als auch der Informationsebene (vereinfacht: Inhalt) von romantischen Gedichten ausmachen: In beiden Fällen stehen Individualität betonende Darstellungsverfahren neben solchen, die die Anschlußfähigkeit der präsentierten subjektiven Erfahrungen garantieren. Romantische Texte erscheinen als authentischer Ausdruck der Künstlerindividualität, Relevanz beanspruchen sie jedoch v.a. durch die Repräsentativität des Dargestellten.

Der Komplexität der mehr als 400 Seiten umfassenden Studie romantischer Kommunikation kann hier nicht angemessen Rechnung getragen werden. Stattdessen sei die historische und theoretische Spannbreite stichwortartig angedeutet: Reinfandt berücksichtigt lyrische und poetologische Texte vom 16. bis zum 20. Jahrhundert; neben Produkten der Hochkultur geht er am Beispiel von Rockmusik ausführlich auf die Rolle der Populärkultur ein; Exkurse beziehen die wissenschaftliche und die moralische Kommunikation in die Überlegungen mit ein; die Zusammenhänge zwischen mediengeschichtlichen und soziologischen Phänomenen und der Rolle von Autor und Leser einerseits sowie der Funktion von Literatur andererseits werden untersucht; die systemtheoretische Darstellung wird mit dekonstruktivistischen und poststrukturalistischen Positionen in Verbindung gebracht.
Diese beeindruckende Reichweite der Untersuchung ist es auch, die es dem Leser zuweilen schwer macht, alle Fäden beieinander zu halten, zumal aufgrund der Masse des Untersuchten auf einige theoretische Prämissen nur recht knapp eingegangen wird. Eine aufmerksame Lektüre wird jedoch reich belohnt, denn dem Leser wird mit Romantische Kommunikation weit mehr geboten als ein weiteres Buch zur Romantik: Reinfandts Studie legt äußerst differenziert die Funktionsweise einer um 1800 entstandenen Kommunikationsform dar und schärft den Blick dafür, wie und warum diese bis heute kulturell wirksam ist. Deshalb ist der Band nicht nur Romantik-Interessierten zu empfehlen, sondern allen, die sich für die Kulturgeschichte Großbritanniens interessieren.


Reinfandt, Christoph: Romantische Kommunikation: Zur Kontinuität der Romantik in der Kultur der Moderne. Heidelberg: Winter, 2003 (Anglistische Forschungen, Bd. 323). 451 S., kart., EUR 48,00. ISBN: 382531541X


Inhaltsverzeichnis


Einleitung


I. THEORETISCHE GRUNDLAGEN

1. Romantik als Problem

2. Romantik als Ideologie?

3. Romantik und die Kultur der Moderne

4. Romantik als Diskursformation

5. Kulturelle Evolution

 


II. ZUR EVOLUTION ROMANTISCHER VORSTELLUNGEN

1. Lyrik als Paradigma der Moderne

1.1 Poetische Form zwischen Tradition und Moderne
Die Ausdifferenzierung poetischer Subjektivität im 16. und 17. Jahrhundert
Die formale Invisibilisierung poetischer Subjektivität im 18. Jahrhundert
Die romantische Emanzipation poetischer Subjektivität als kulturelle Zurichtung
Modernismus als moderne Traditionsbildung

1.2. Was ist ein Autor?
Das Subjekt im und als Gedächtnis seit dem 16. Jahrhundert
Autorschaft und Autorität im 18. Jahrhundert
Romantik als Wendepunkt
Moderne Autorschaft

1.3 Po(i)etische Kommunikation: Vom Verstehen

2. Exkurs 1: Wissenschaftliche Kommunikation

3. Exkurs 2: Moralische Kommunikation

4. Populäre Kultur

III. KONTINUITÄTEN

1. Ein moderner Mythos: "The Lady of Shalott"
Ladies of Shalott
Art/Folk/Pop: Loreena McKennitt
Romantische Kommunikation

2. Romantik heute; Das Singer/Songwriter-Paradigma
"Schreiben" und Singen
"All Along the Watchtower"
Romantische Kommunikation

3. Zwischen lyrics und Lyrik: Der Grenzgänger Robert Hunter
Lyrics
Lyrik
Romantische Kommunikation

Schlußbemerkung

LITERATURVERZEICHNIS


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