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Pragmatische Einblicke in eine heterogene Diskussion

Eine Rezension von Angela Springer

Witthaus, Udo et al. (Hg.): Selbstgesteuertes Lernen. Theoretische und praktische Zugänge. Bielefeld: W. Bertelsmann, 2003.

Der vorliegende Sammelband behandelt mit dem selbstgesteuerten Lernen eines der prominentesten Themen der Erwachsenen-/Weiterbildung der letzten fünfzehn Jahre. In einem Theorie- und einem Praxisteil werden grundlegende Dimensionen des Begriffs aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchtet und Möglichkeiten der Umsetzung in die Weiterbildungspraxis diskutiert. Insgesamt bildet der Band damit das breite Spektrum der aktuellen Debatte ab. Dabei gibt er zwar keinen systematischen Überblick aber doch pragmatische Einblicke in ein nach wie vor ebenso heterogenes wie kontrovers diskutiertes Themenfeld aktueller Erwachsenenpädagogik.



Das Thema "selbstgesteuertes Lernen" prägt die Debatte der Erwachsenenbildungswissenschaft und -praxis der letzten fünfzehn Jahre wie kein anderes. Dementsprechend unübersichtlich gestaltet sich mittlerweile auch die Literaturlage zum Thema. Der vorliegende Sammelband ist in der Reihe Wissenschaft/ Praxis DIALOG erschienen, die sich zum Ziel setzt, die Perspektiven von Theorie und Praxis der Weiterbildung im wechselseitigen Austausch zu entfalten und dabei "unterschiedliche Positionen [...] dialogisch aufeinander zu beziehen" (S. 3). Er ist entsprechend dieses Anspruchs in einen theoretisch und einen praktisch orientierten Teil gegliedert, die jeweils darauf ausgerichtet sind, die existierende breite Palette theoretischer Zugänge und praktischer Anwendungskontexte abzubilden und damit den nach Auffassung der Herausgeber gerade erst beginnenden "intensiven Diskurs [...] zwischen Wissenschaft und Praxis um die Gestaltungsszenarien für selbstgesteuertes Lernen" zu fördern (S. 8).

Der Theorieteil, der der Darstellung der praktischen Zugänge vorgeschaltet ist, umfasst alt bekannte Ansätze neben neueren theoretischen Perspektiven und deckt dabei die ganze Palette der im Kontext der Debatte verwendeten Begrifflichkeiten (Selbststeuerung, -organisation usw.) ab:
So widmen sich die ersten beiden Beiträge der erkenntnistheoretischen Begründung selbstgesteuerten Lernens vor dem Hintergrund des neurobiologisch fundierten Konstruktivismus. SIEBERT führt dabei aus, inwiefern auf der Basis der Erkenntnisse moderner Neurowissenschaften davon ausgegangen werden muss, dass das Lernen Erwachsener immer "Interpretation, Deutung und Bedeutungszuschreibung und nicht lediglich Erwerb und Speicherung von Wissensbeständen" (S. 17) sei und sich damit per se selbstgesteuert vollziehe. BÜSER konkretisiert diese konstruktivistischen Annahmen im Hinblick auf ihre Konsequenzen für die didaktische Gestaltung von Lernumgebungen und kommt zu dem Schluss, dass für die Qualität solcher Umgebungen in erster Linie das Verhältnis von subjektiver Vorerfahrung und vorhandener Selbstlernkompetenz der Lernenden zu den Anforderungen der Lernumgebung als entscheidend angesehen werden muss.
LEUTNER und LEOPOLD führen in ihrem lernpsychologisch orientierten Beitrag das Konstrukt des selbstregulierten Lernens als komplexe Fähigkeit von Lernenden ein, den "eigenen Lernprozess durch selbstinitiierte Aktivitäten positiv zu beeinflussen" (S. 43). Dabei referieren sie die Ergebnisse von Korrelationsstudien, die den Zusammenhang von Motivation, Einsatz von Lernstrategien und erzieltem Lernerfolg untersuchen, und entfalten vor diesem Hintergrund ihren eigenen Ansatz ("Erfurter Trainingsansatz zum selbstregulierten Lernen", S. 59), in dem über eine Kombination des Trainings von konkreten Lernstrategien und übergeordneten metakognitiven Strategien zur Überwachung des eigenen Lernprozesses die Fähigkeit zur Selbstregulation erhöht werden soll.
SCHÄFFTER arbeitet in seinem Beitrag systematisch heraus, inwiefern die Debatte um Selbstorganisation nicht eine Abkehr von bestehenden erwachsenenpädagogischen Institutionalformen bedeutet, sondern vielmehr Ansätze für eine notwendige strukturelle Weiterentwicklung bietet. Auf der Basis einer Betrachtung der Funktionen von Erwachsenenbildung in der Transformationsgesellschaft untersucht er systematisch das Verhältnis zwischen gesellschaftlichen Transformationsmustern, didaktischen Modellen und den damit jeweils verbundenen Funktionen unterschiedlicher Facetten von Selbstorganisation im institutionellen Kontext.
FAULSTICH, der im Anschluss an die subjekttheoretische Lerntheorie Holzkamps den Begriff des selbstbestimmten Lernens verwendet, untersucht in seinem Beitrag die Konsequenzen der Debatte für erwachsenenbildnerische Professionalität. Dabei identifiziert er auf der Basis einer am klassisch berufssoziologischen Professionsverständnis orientierten Analyse einen erweiterten Vermittlungsbegriff (Vermittlung als Unterstützung von Aneignung) als die Kernaufgabe von Erwachsenenbildung. Daran anschließend differenziert er Kompetenzen eines veränderten Professionsprofils aus, das sich in erster Linie durch steigende Anforderungen - bspw. im Bereich der reflexiven Fähigkeiten - auszeichnet. In diesem Kontext weist Faulstich auch auf das problematische Missverhältnis von steigenden Anforderungen und gleichzeitig unter den aktuellen bildungspolitisch-gesellschaftlichen Bedingungen immer unsicherer werdender Erwerbschancen im Weiterbildungsbereich hin.
Zuletzt beleuchtet DYBOWSKI die spezielle Ausformung der Debatte um selbstgesteuertes Lernen im Kontext beruflicher/betrieblicher Bildung, die vom Versuch gekennzeichnet ist, die Spannung zwischen betriebswirtschaftlich begründeten Rationalisierungskonzepten und Ansätzen der Humanisierung der Arbeit im Begriff der Selbstorganisation aufzulösen. Dabei problematisiert sie den verstärkten Einsatz multimedialer Lernarrangements und die damit verbundene zunehmende Verlagerung der Verantwortlichkeit für Bildungsanstrengungen in die Eigeninitiative der Mitarbeiter/innen.

Im Anschluss an den Theorieteil werden im Praxisteil in sieben Beiträgen unterschiedlichste Anwendungskontexte für selbstgesteuertes Lernen in der Erwachsenen-/Weiterbildung entfaltet. Mehrere der dargestellten Ansätze beziehen sich dabei speziell auf die Umsetzung selbstgesteuerten Lernens in der beruflich-betrieblichen Bildungspraxis. So stellt WITTWER eine Initiative von Personalmanagern und Unternehmen vor, die darauf zielt, im Zuge der Diskussion um Employability und der damit einhergehenden verstärkten Individualisierung von Verantwortung für betriebliche Weiterbildung die Dimension "Kompetenzbiografie" als Referenzsystem für individuelle berufliche Entwicklung verstärkt in den Blick zu nehmen. DEHNBOSTEL beschreibt die Ergebnisse eines Modellversuchs, in dem angestrebt wurde, selbstgesteuertes Lernen über dezentrale Lernorte und vernetzte Lernstrukturen im Prozess der Arbeit zu verwirklichen. Zwei weitere Praxisbeiträge befassen sich mit Potenzialen und Grenzen multimedialer Angebote für selbstgesteuertes Lernen. Zunächst diskutiert ESPE den Einsatz computerunterstützter Unternehmensplanspiele zur Förderung selbstgesteuerten Lernens in beruflichen Zusammenhängen, WALBNER konkretisiert im Anschluss die auf dem Hintergrund eines konstruktivistischen Didaktikverständnisses adäquate Infrastruktur virtueller Lernplattformen in unterschiedlichen Modulen (Lern-, Informations-, Experten-, Interaktions-, Autoren-, Tutoren- und Administrationsmodul, S. 217-220).
Interessante Erweiterungen bilden zwei Beiträge, die über die üblichen Diskussionslinien der Debatte hinausgehen. So stellt WITTHAUS mit "Appreciative Inquiry Summit" und "Open Space" zwei exemplarische Methoden für die Arbeit in Großgruppen vor, die Merkmale selbstgesteuerten Lernens aufweisen und gleichzeitig Ansatzpunkte für organisationale Veränderungsprozesse liefern. BRINKMANN diskutiert in seinem Aufsatz im Anschluss an Schulzes Begriff der "Erlebnisgesellschaft", inwieweit erlebnisorientierte Freizeitangebote, die auf das Erzeugen von Emotionen und Eigenaktivität des Einzelnen abzielen, als außerinstitutionelle Lernorte für selbstgesteuertes Lernen geeignet sind.
Der Beitrag von ARNOLD, GOMEZ TUTOR und KAMMERER beschreibt - ähnlich wie der Aufsatz von LEUTNER/LEOPOLD im Theorieteil ein aus unterschiedlichen theoretischen Bezügen heraus entwickeltes Konstrukt der Selbstlernkompetenz. Diese setzt sich nach Auffassung der Autoren aus methodischer, emotionaler, kommunikativer, personaler Kompetenz sowie Sozial- und Fachkompetenz zusammen. Die empirische Fundierung des Erklärungsmodells in der Praxis steht jedoch noch aus, weswegen die Verortung des Beitrags im Praxisteil als nicht ganz schlüssig erscheint.

Die bisherige Darstellung macht deutlich, dass es dem vorliegenden Band durchaus gelingt, mit der Auswahl der Beiträge die aktuelle Vielschichtigkeit der äußerst heterogenen Debatte um selbstgesteuertes Lernen nachzuzeichnen. Die Beiträge des ersten Teils greifen die unterschiedlichen begrifflichen Facetten des Selbststeuerungsbegriffs (Selbststeuerung, -organisation, -regulation, -bestimmung) auf, ohne dabei einheitliche Definitionen zu vertreten. Damit bildet der Sammelband eine grundlegende Problematik der Debatte ab (die auch in den einzelnen Beiträgen immer wieder kritisiert wird), ohne jedoch konstruktive Alternativen/Perspektiven aufzuzeigen. Dies zeigt sich auch in den geringen wechselseitigen Bezügen zwischen Theorie- und Praxisteil, die entgegen der Zielsetzung der Reihe bis auf wenige Ausnahmen weitgehend unverbunden nebeneinander stehen. Die Leistung des Bandes liegt damit in der kontrastiven Ausdifferenzierung bereits bestehender Zugänge, nicht jedoch in ihrer Integration oder Weiterentwicklung. Insgesamt vermittelt er ein durchaus angemessenes Bild der aktuellen Diskussion, vergibt jedoch die Möglichkeit, diese weiter voranzutreiben.


Witthaus, Udo, Wittwer, Wolfgang und Clemens Espe (Hg.): Selbstgesteuertes Lernen. Theoretische und praktische Zugänge. Bielefeld: W. Bertelsmann, 2003. 223 S., brosch., 19,80 EUR. ISBN: 3-7639-0148-5


Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Teil A: Theoretische Zugänge

HORST SIEBERT: Lernen ist immer selbstgesteuert - eine konstruktivistische Grundlegung

TOBIAS BÜSER: Offene Angebote an geschlossene Systeme - Überlegungen zur Gestaltung von Lernumgebungen für selbstorganisiertes Lernen aus Sicht des Konstruktivismus

DETLEF LEUTNER/CLAUDIA LEOPOLD: Selbstreguliertes Lernen: Lehr-/lerntheoretische Grundlagen

ORTFRIED SCHÄFFTER: Selbstorganisiertes Lernen - eine Herausforderung für die institutionalisierte Erwachsenenbildung

PETER FAULSTICH: "Selbstbestimmtes Lernen" - vermittelt durch Professionalität der Lehrenden

GISELA DYBOWSKI: Selbstgesteuertes Lernen in der beruflichen Bildung zwischen neuen Freiräumen und Verantwortlichkeiten

Teil B: Umsetzung in die Bildungspraxis

WOLFGANG WITTWER: Kompetenzbiografie als Referenzsystem für selbstgesteuertes Lernen

ROLF ARNOLD/CLAUDIA GÓMEZ TUTOR/JUTTA KAMMERER: Die Entwicklung der Selbstlernkompetenz - eine didaktische Herausforderung

UDO WITTHAUS: Selbstgesteuertes Lernen in Großgruppen - eine methodische Herausforderung

DIETER BRINKMANN: Selbstgesteuertes Lernen in der Erlebnisgesellschaft

PETER DEHNBOSTEL: Selbstgesteuertes Lernen und berufliche Kompetenzentwicklung in vernetzen Lernstrukturen

CLEMENS ESPE: Planspiele und CBTs als Methoden selbstgesteuerten Lernens

MARKUS WALBER: Lernen in virtuellen webbasierten Lernumgebungen.

Herausgeber, Autoren und Autorinnen


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