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Unmögliche Bilder: Beobachtungen zur visuellen Konstruktion der Shoah

Eine Rezension von Dr. Benjamin Drechsel

Kramer, Sven (Hg.): Die Shoah im Bild. München: Boorberg, 2003.

Die Beiträge des Sammelbandes Die Shoah im Bild fokussieren aus unterschiedlichen Perspektiven visuelle Kulturen der Holocaust-Erinnerung seit den 1940er Jahren bis ins frühe 21. Jahrhundert. Kunstgeschichtliche, kultur-, sozial- und literaturwissenschaftliche Ansätze kommen dabei ebenso zu Wort wie Historiographie und Filmwissenschaft. Dabei erweist sich der Konflikt zwischen dem Bedürfnis nach visuellen Darstellungen der epochalen Verbrechen und ihrer faktischen Nichtdarstellbarkeit immer wieder als eine zentrale Problematik der untersuchten Erinnerungsdiskurse.


"Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien." Niklas Luhmanns berühmtes Diktum gilt heute auch für den Holocaust. Und weil die wichtigsten Massenmedien des frühen 21. Jahrhunderts Bildmedien sind, ist die Shoah heute nicht mehr ohne ihre visuellen Repräsentationen denkbar. Die ikonische Fotografie des kleinen Jungen mit der Mütze im Warschauer Ghetto hat sich in das kollektive Gedächtnis der Deutschen unterdessen ebenso eingebrannt wie der Film Schindlers Liste. Sven Kramers interdisziplinärer Sammelband Die Shoah im Bild macht solche Zusammenhänge immer wieder deutlich. Beispielsweise zeigt der Medienwissenschaftler Knut Hickethier in seinem Aufsatz zur "Darstellung des Massenmordes an den Juden im Fernsehen der Bundesrepublik von 1960-1980", dass visuelle Kommunikate selbst in der scheinbar so bildfernen Sprache der Geschichtsschreibung ihre Spuren zurück lassen: 1979 strahlten die dritten Programme der ARD den vierteiligen US-Fernsehfilm Holocaust aus. Hickethier schreibt dazu: "Der Titel der Fernsehserie wurde nun zum Synonym für den Massenmord an den Juden." (S. 130)

Der Sammelband deckt ein sehr breites Spektrum an Perspektiven auf die (visuellen) Bilder der Shoah ab. Zwar liegt ein deutlicher Schwerpunkt bei Film und Fotografie - die bislang ja wohl die paradigmatischen Medien der kollektiven Holocaust-Erinnerung sind. Beispielsweise besprechen Cornelia Brink und Habbo Knoch den erinnerungskulturellen bzw. den bildpolitischen Einsatz von Holocaust-Fotografien in der Nachkriegszeit sehr ausführlich. Doch kommen im Beitrag des Oldenburger Kunsthistorikers Detlef Hoffmann zur "Symbolisierung im Umgang mit dem System Auschwitz" auch Denkmäler, Zeichnungen und Collagen zur Sprache. Wie die visuelle Erinnerung an die Shoah sich im Internet präsentiert, bleibt allerdings leider ausgeblendet.

Neben den Fotografien sind es immer wieder Holocaust-Filme, die in Kramers Sammelband unterschiedlichsten Analysen und Deutungen unterworfen werden: Der Kulturwissenschaftler Jörn Glasenapp legt konzise dar, warum Hollywood sich während der 1940er Jahre noch kaum mit dem Thema der Judenverfolgung und -ermordung auseinander setzte. Stephan Braese beschreibt die Verbindungen von Holocaust-Filmen mit der Nachkriegsliteratur. Der Konstanzer Filmetheoretiker Hanno Loewy untersucht den Konnex von Shoah und Courtroom Drama, während Jörg Frieß zeigt, wie Dokumentarfilme zum Holocaust das überlieferte Bildmaterial verändern, indem sie es in neue Kontexte einbetten.

Damit nicht genug: Matthias N. Lorenz zeichnet die jüngsten "Tendenzen im Holocaust-Spielfilm" nach. Er glaubt, in den 1990er Jahren drei wesentliche Entwicklungen dieses Genres zu entdecken: Es würde durch Komödien bereichert, die Darstellung der Opfergruppen würden über das Judentum hinaus (unter anderem auf Homosexuelle) ausgeweitet und "das sinnentleerte Zitieren des Holocaust in Nicht-Holocaust-Filmen" (S. 269) greife immer mehr um sich. Die beiden erstgenannten Thesen sind plausibel - so beschäftigen sich Anja Oster und Walter Uka in ihrem Beitrag ausführlich mit dem "Holocaust als Filmkomödie" und plädieren dafür, diese zunächst schockierende Form der Darstellung als Hilfsmittel für "ein vertiefendes Verständnis des Ungeheuren" (S. 260) zu akzeptieren. Doch Lorenz' These vom "sinnentleerte[n] Zitieren des Holocaust" (S. 269) ist überzogen. Das zeigt sich etwa, wenn er sie auf die Literatur ausweitet und bei "Harry Potter" im "Kampf zwischen reinrassigen Zauberern und so genannten "Schlammblütlern" (S. 274) nachweisen möchte. Zum einen ist biologistisch angelegter Rassismus kein Topos, der ausschließlich auf den Holocaust verweist. Zum anderen hat der genannte Konflikt im Plot des "Kinderbuchbestsellers" (S. 274) eine handlungsleitende Funktion, indem er zu einem der Grundthemen von Harrys Sozialisation wird. Dekontextualisierte Holocaust-Zitate mögen moralische Fragen aufwerfen - "sinnlos" sind sie deshalb aber nicht unbedingt.

Sven Kramers Sammelband ist immer da am stärksten, wo präzise, eng gehaltene Fragestellungen allmählich in sich weitende Perspektiven überführt werden. Hervorragend ist dies insbesondere dem Herausgeber selbst gelungen. Sein Aufsatz über "Nacktheit in Holocaust-Fotos und -Filmen" beschreibt nicht nur die entwürdigende Körper(abbildungs)politik der Nationalsozialisten und die damit befassten Ikonographien von Pasolini bis Spielberg. Kramers Text enthält auch das folgende Zitat Erich Kästners, das den schmerzvollen Spannungsbogen markiert, in dem sich alle Shoah-Bilder bewegen: "Was in den Lagern geschah, ist so fürchterlich, dass man darüber nicht schweigen darf und nicht sprechen kann." (S. 228) Weil aus diesem unauflöslichen Dilemma heraus doch immer wieder Holocaust-Bilder entstehen, wie Joachim Paech in seinem Beitrag "Ent/setzte Erinnerung" erklärt, bleibt der Forschung (wiederum in Anlehnung an Niklas Luhmann) nur das zu tun, was die Aufsätze des besprochenen Bandes zumeist sehr ansprechend leisten: "Beobachter zu beobachten, wie sie die Realität [der Shoah visuell] konstruieren."


Kramer, Sven (Hg.): Die Shoah im Bild. München: Boorberg,
2003. 300 S., EUR 23,00. ISBN 3-88377-725-0


Inhaltsverzeichnis


Sven Kramer: Vorwort 7

Joachim Paech: Ent/setzte Erinnerung 13

Jörn Glasenapp: Indifferenz oder Propaganda? Überlegungen zu Hollywoods verspäteter Antwort auf die Judenverfolgung im "Dritten Reich" 31

Cornelia Brink: Bilder vom Feind. Das Scheitern der "visuellen Entnazifizierung" 1945 51

Stephan Braese: Das deutsche Objektiv. Der Holocaust im Film und der deutsche Literaturbetrieb 1945-1956 71

Habbo Knoch: Die Grenzen des Zeigbaren. Fotografien der NS-Verbrechen und die westdeutsche Gesellschaft 1955-1965 87

Knut Hickethier: Die Darstellung des Massenmordes an den Juden im Fernsehen der Bundesrepublik von 1960 bis 1980 117

Hanno Loewy: Zwischen Judgment und Twilight. Schulddiskurse, Holocaust und das Courtroom Drama 133

Detlef Hoffmann: Aktuelle Symbolisierungsstrategien im Umgang mit dem System Auschwitz 171

Jörg Frieß: Filme aus Filmen, Filme über Filme. Zur Rhetorik historischen Bildmaterials in den Filmen über die Shoah 199

Sven Kramer: Nacktheit in Holocaust-Fotos und -Filmen 225

Anja Oster/Walter Uka: Der Holocaust als Filmkomödie. Komik als Mittel der Darstellung des Undarstellbaren 249

Matthias N. Lorenz: Der Holocaust als Zitat. Tendenzen im Holocaust-Spielfilm nach Schindler's List 267

Über die Autoren 297

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