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Ein Plädoyer für plurale Bildung im Fremdsprachenunterricht

Eine Rezension von Ingo Carboch

Küster, Lutz: Plurale Bildung im Fremdsprachenunterricht. Interkulturelle und ästhetisch-literarische Aspekte von Bildung an Beispielen romanistischer Fachdidaktik. Frankfurt a.M.: Peter Lang, 2003.

Fremdsprachendidaktische Konzepte entstehen traditionell im Spannungsfeld zwischen den Forderungen nach dem Erwerb sprachpraktischer Fertigkeiten und dem Erwerb eher allgemeiner Bildungsinhalte aus den Bereichen literary und cultural studies. Lutz Küster unternimmt mit seiner breit angelegten Studie den Versuch, zwischen beiden Bereichen zu vermitteln, indem er als Ziel eines modernen Fremdsprachenunterrichts eine plurale Bildung anvisiert, die sprachliches, interkulturelles und ästhetisch-literarisches Lernen verbindet.



In seiner Habilitationsschrift geht der Romanist und Erziehungswissenschaftler Lutz Küster der Leitfrage nach, ob "es im Fremdsprachenunterricht möglich und sinnvoll ist, plurale Bildung anzustreben" (S. 19). Dabei geht es Küster sehr konkret darum, unter Berücksichtigung der forschungsgeschichtlichen Entwicklung und unter Einbeziehung wichtiger Nachbarwissenschaften wie der Sprach-, Literatur- und Kulturwissenschaft sowie der Allgemein- und Fachdidaktik die Bedeutung und das Potenzial eines Konzepts pluraler Bildung für einen modernen lerner- wie sachorientierten Fremdsprachenunterricht darzustellen.

Küsters Buch ist in drei Teile gegliedert. Ausgangspunkt bilden zentrale Aspekte der jüngeren Fremdsprachendidaktik (Teil 1; Kap. 2-5), die sich mit zentralen Aspekten der Allgemein-Pädagogik (Teil 2; Kap. 6-8) überschneiden. Auf diese "Schnittstellen" (S. 365) - gleichsam die Zielpunkte der Untersuchung - geht der Verfasser vertieft und am Ende seiner Studie ein (Teil 3; Kap. 9-11).

Nach der Einleitung (Kap. 1) zeigt der Autor zunächst, wie sich die Fremdsprachendidaktik seit den 1970er Jahren gleichzeitig Lernenden und dem Prozess des Lernens zuwendete (Kap. 2). Vor diesem Hintergrund wird sodann das seit den 1980er Jahren wichtiger werdende Unterrichtsprinzip des interkulturellen Lernens thematisiert (Kap. 3). Hier wird deutlich, wie die Forderung nach pluraler Bildung im Fremdsprachenunterricht dadurch unterrichtspraktisch umgesetzt werden kann, dass die "Vielstimmigkeit und Multiperspektivität sowohl in heimischen als auch in fremdkulturellen Kontexten" (S. 237-238) in den Mittelpunkt fremdsprachendidaktischer Überlegungen gerückt wird. Dies steht im Einklang mit aktuellen Konzepten der Literaturdidaktik (Kap. 4). Am Ende des historisch-systematischen ersten Teils der Arbeit erörtert Küster das Konzept der prozessorientierten Mediendidaktik (Kap. 5). Hier folgt er im Speziellen den Arbeiten von Wilfried Gienow und Karlheinz Hellwig, die stets auf den Zusammenhang von Sprach-, Bedeutungs- und Sinnbildung im Fremdsprachenunterricht hingewiesen haben. Im Anschluss an Gienow und Hellwig gelangt Küster zu einem Begriff lerner- wie sachorientierter pluraler Bildung.

Im sechsten Kapitel seiner Studie thematisiert Küster aktuelle bildungstheoretische Grundsatzpositionen. Er sieht Bildung in Anlehnung an Humboldt als "die Beschäftigung mit Objektivationen der geistigen Kultur", durch die sich "dem individuellen Bewusstsein der Welthorizont" öffnet (S. 148). Durch diesen Bildungsprozess gelangt das Individuum zu einem ausgewogenen Verhältnis von Selbst und Welt. Im Kern geht es bei diesem Verhältnis zwischen der Subjektivität des Individuums und der Normativität der Gesellschaft also um die Begegnung von Eigenem und Fremdem, die gleichfalls zentral für interkulturelle Konzepte ist (Kap. 7). Der Pluralitätsbegriff erhält im interkulturellen Kontext eine weitere Dimension. Interkulturelles Lernen kann nämlich nicht allein durch ethnische Differenzen, sondern durch Fremdheitserfahrungen schlechthin ausgelöst werden. Daher lässt sich interkulturelles Lernen, so Küsters Annahme, exemplarisch durch die unterrichtspraktische Behandlung von ästhetischen und literarischen (semiotisch verstandenen) Texten erreichen, die Fremdheitserfahrungen auslösen können (Kap. 8).

Im dritten Teil der Monographie verbindet Küster als Präzisierung seiner umfangreichen theoretischen Ausführungen stufendidaktisch und thematisch differenziert die Bereiche ästhetisch-literarischer und fremdsprachlicher Bildung. Dazu analysiert er beispielhaft das didaktische Potenzial von ausgewählten Bildern (Kap. 9) und zweier Versionen einer Robinsonade von Michel Tournier (Vendredi ou les limbes du Pacifique bzw. Vendredi ou la vie sauvage; Kap. 10). Schließlich fasst Küster die Ergebnisse seiner Studie systematisch zusammen. Dieser Rückblick auf die Untersuchungsergebnisse ist verbunden mit einem Ausblick auf weitere Forschungsdesiderate (Kap. 11).

Küsters Untersuchung ist ein wichtiger und höchst erfreulicher Beitrag zur fremdsprachendidaktischen und bildungstheoretischen Diskussion, der sich durch Transparenz und Nachvollziehbarkeit der Argumentation, die Konzentration auf die eingangs skizzierte Fragestellung sowie terminologische Gründlichkeit auszeichnet. Obwohl Küster sich auf eine Fülle von Forschungs- und Grundlagenliteratur stützt, gerät er nicht in Gefahr, den Überblick zu verlieren. Den inhaltlich überaus positiven Gesamteindruck trüben allerdings größere formale Fehler wie z.B. die uneinheitliche Betitelung der Kapitel 9.4.1 und 9.4.2 (s.u.) sowie des Kapitels 10 im Inhaltsverzeichnis und im Fließtext (S. 11 und 305), eine fehlende Literaturangabe (S. 16, Lehmann 1995) und mehrere störende Setzfehler (S. 116 ist unbedruckt, während S. 115 mit einem unvollständigen Satz endet - ist Kap. 4 also tatsächlich abgeschlossen?). Trotzdem sei Küsters Werk jedem Fremdsprachendidaktiker vorbehaltlos zur Lektüre empfohlen.


Küster, Lutz: Plurale Bildung im Fremdsprachenunterricht. Interkulturelle und ästhetisch-literarische Aspekte von Bildung an Beispielen romanistischer Fachdidaktik. Frankfurt a.M.: Peter Lang, 2003. 441 S., kart., € 59,- . ISBN 3-631-51155-8


Inhaltsverzeichnis


1 Einleitung


TEIL 1: Fremdsprachendidaktische Erörterungen

2 Grundlagen und Grundfragen
2.1 Aspekte des Spracherwerbs und des Sprachenlernens
2.1.1 Ergebnisse und Tendenzen der Bezugswissenschaften
2.1.2 Rezeption der Bezugswissenschaften in der Fremdsprachendidaktik
2.2 Zum Verständnis unterrichtlicher Lehr-/Lernprozesse
2.2.1 Fokussierung auf den Lerner: Schülerorientierung und Öffnung des Unterrichts
2.2.2 Fokussierung auf den Prozess des Lernens: Selbstorganisation und Metakognition
2.3 Ausblick: anthropologische Aspekte des Fremdsprachenunterrichts

3 Didaktik des interkulturellen Lernens
3.1 Wandel der Konzepte - Wandel der Inhalte: historische Aspekte der Kultur- und Landeskunde
3.2 Interkulturelles Lernen im Fremdsprachenunterricht - erste terminologische Zugänge
3.3 Fragen der Zielorientierung
3.4 Didaktik des Fremdverstehens
3.5 Fremdsprachendidaktische und -methodische Akzentuierungen des interkulturellen Lernens
3.6 Perspektiven der Weiterentwicklung: Mehrstimmigkeit, Mehrsprachigkeit und fremdsprachliche Bildung

4 Literaturdidaktik
4.1 Grundsatzfragen der Literaturdidaktik
4.1.1 Zur Stellung von Literatur im Fremdsprachenunterricht - ein Rückblick
4.1.2 Zum Einfluss literaturwissenschaftlicher Modelle
4.2 Textanalyse vs. Kreativität im fremdsprachlichen Literaturunterricht
4.3 Lesen und Verstehen im fremdsprachlichen Literaturunterricht
4.3.1 Bezugswissenschaftliche Grundlagen
4.3.2 Fremdsprachendidaktische Implikationen der Leseforschung

5 Mediendidaktik
5.1 Medien im Fremdsprachenunterricht - eine Feldvermessung
5.2 Visuelle Medientexte
5.3 Das Konzept der Prozessorientierten Mediendidaktik


TEIL 2: Bildungstheoretische Erörterungen

6 Bildungstheorien in der Diskussion
6.1 Zur Entwicklung des Bildungsbegriffs
6.1.1 Bildung in der Tradition von Aufklärung und Neuhumanismus
6.1.2 Aktuelle bildungstheoretische Ansätze
6.2 Zu Möglichkeit und Unmöglichkeit von Bildung in Zeiten der Spät- bzw. Postmoderne
6.2.1 Normativitätsansprüche
6.2.2 Subjektverständnisse
6.2.3 Bildung angesichts der Folgen des sozialen Wandels
6.3 Vorläufiges Fazit: Bildung als paradoxer Prozess

7 Theorien interkultureller Bildung
7.1 Zur gesellschafts- und bildungspolitischen Relevanz interkultureller Bildung
7.2 Die Perspektivität von Kulturbetrachtungen
7.2.1 Universalismus vs. Kulturrelativismus
7.2.2 Aufgeklärter Eurozentrismus
7.3 Zur Konstruktion von Fremdheit
7.3.1 Das Eigene und das Fremde, Identität und Alterität
7.3.2 Modi des Fremderlebens
7.4 Ethisch-pädagogische Schlussfolgerungen im Zeichen einer Anerkennung des Anderen

8 Theorien ästhetischer und medialer Bildung
8.1. Ästhetische Bildung
8.1.1 Aisthesis und die Ästhetisierung des Denkens
8.1.2 Ästhetisierung der Lebenswelt
8.1.3 Ästhetische Erfahrung
8.1.4 Das Bildsame des Ästhetischen
8.2 Ästhetische Bildung und Medienpädagogik
8.2.1 Entwicklung und Aufgabenstellung der Medienpädagogik
8.2.2 Das Leitziel "Medienkompetenz"
8.2.3 Die Dominanz des Visuellen in den Medien
8.2.4 Medienalphabetisierung oder die Schulung des Sehens
8.3 Profile einer ästhetisch-literarischen Bildung
8.3.1 Funktionszuschreibungen der Kunst
8.3.2 Zum Bildungspotenzial von Kunst und Literatur

TEIL 3: Verknüpfungen und Vertiefungen

9 Bilder, Bildende Kunst und Bildung im fremdsprachlichen Anfangsunterricht
9.1 Sprachliche Annäherungen an Bilder
9.1.1 Prämissen zum Verhältnis von Bild und (Fremd-)Sprache
9.1.2 Vom Umgang mit Fremdheit und Befremden im Kunstunterricht
9.2 Ästhetische Erfahrungen als Gegenstand des Fremdsprachenunterrichts
9.2.1 Anschluss an das Konzept der Prozessorientierten Mediendidaktik
9.2.2 Empirische Befunde und Praxisberichte zum Bildeinsatz im Fremdsprachenunterricht
9.2.3 Sprachliche Wege ins Bild und aus dem Bild heraus
9.3 Auswahl didaktischer Beispiele
9.3.1 Auswahlkriterien
9.3.2 Thematischer Rahmen der ausgewählten Beispiele
9.4 Didaktische Analyse ausgewählter Bilder in Bezug auf drei Unterrichtsfelder
9.4.1 Anfangsunterricht Französisch (2./3. Lernjahr) als 2. Fremdsprache ab Klasse 7
9.4.2 Anfangsunterricht (2./3. Lernjahr) Italienisch als 3. Fremdsprache ab Klasse 9
9.4.3 Anfangsunterricht Spanisch (2./3. Lernjahr) als 3. Fremdsprache ab Jahrgang 11
9.4.4 Fazit

10 Literatur und Bildung im fortgeschrittenen Französischunterricht
10.1 Didaktische Vorüberlegungen
10.1.1 Fremdsprachliche Literatur - Begrenztheit und Perspektivik des Verstehens
10.1.2 Fremdheit und Dominanzkritik in postkolonialer Literatur
10.1.3 Neuere Literaturtheorien in ihrer Relevanz für einen bildenden Fremdsprachenunterricht
10.1.4 Kriterien der Textauswahl
10.2 Vorstellung eines didaktischen Beispiels: Tourniers Robinsonade
10.2.1 Einführung
10.2.2 «Vendredi ou les limbes du Pacifique»
10.2.3 «Vendredi ou la vie sauvage»
10.3 Literaturwissenschaftliche Analyse des Beispiels
10.3.1 Die Welt ohne den Anderen
10.3.2 Eine Welt der Mythen
10.3.3 (Bildungs-)Roman oder Antiroman
10.3.4 Intertextualität am Beispiel Tourniers
10.4 Didaktische Nachüberlegungen

11 Rück- und Ausblick: Konturen einer pluralen Bildung im Fremdsprachenunterricht
11.1 Fazit in Fragen, Antworten und Schlussfolgerungen
11.2 Konfliktfelder, offene Fragen und Entwicklungsperspektiven

Abbildungsverzeichnis

Literaturverzeichnis

© beim Autor und bei KULT_online