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Kommunikationsformen - über zeitliche und disziplinäre Grenzen hinweg

Eine Rezension von Antje Becker

Jucker, Andreas H.; Fritz, Gerd (Hg.): Kommunikationsformen im Wandel der Zeit: Vom mittelalterlichen Heldenepos zum elektronischen Hypertext. Tübingen: Niemeyer, 2000.

Der Sammelband Kommunikationsformen im Wandel der Zeit umfasst Aufsätze aus den Disziplinen Anglistik (Linguistik, Didaktik, Mediävistik, Literaturwissenschaft), Germanistik (Linguistik, Didaktik, Mediävistik), Romanistik (Linguistik, Didaktik) und Psychologie. Ziel der Herausgeber, Gerd Fritz und Andreas H. Jucker, ist es, die Struktur und Dimension von - häufig ineinander greifenden - Kommunikations-, Dialog- und Textentwicklungen in ihrer Tiefe darzustellen, besonders durch die Kontrastierung alter und neuer Kommunikationsformen: Letztere verbinden Tradition und Innovation, indem in ihnen alte Kommunikationsformen auf ein neues Medium übertragen und dabei sukzessive modifiziert werden. Der Sammelband präsentiert durchgehend eine evolutionäre Sichtweise der Geschichte von Kommunikationsformen.


Nach der allgemeinen Einleitung eröffnet Andreas H. Jucker den Band mit dem Beitrag "Multimedia und Hypertext. Neue Formen der Kommunikation oder alter Wein in neuen Schläuchen?" Er erläutert Beispiele multimedialer Hypertexte unterschiedlicher Art und Komplexität und bespricht die kommunikationstheoretischen Merkmale von Hypertexten. Jucker schließt mit aufschlussreichen Ausblicken auf künftige Änderungen des Textbegriffs, auf die neuartige Reproduzierbarkeit von Texten sowie auf die sich immer weiter verwischende Trennung Autor-Rezipient: Der tendenziell passive Leser linearer Langtexte wird bei multilinearen Hypertexten aktiviert und in Diskussionsforen des Internet sogar selbst zum Autoren.

Auf ähnliche Aspekte bezieht sich auch Franz Lebsanfts Artikel "Internet und Hispanophonie. Kommunikationsmedium, Kommunikationsform und Sprachwahl", der einerseits die Entwicklung von der Manuskript- über die Druck- zur Hypertext-Kultur, andererseits auch die Problematiken der Einzelsprachlichkeit - spezifisch des Spanischen - im per se anglophonen Internet (Sprachen im Internet vs. Sprachen über das Internet) beleuchtet.

Michael K. Legutke, Andreas Müller-Hartmann und Stefan Ulrich zeichnen in ihrem Beitrag "Neue Kommunikationsformen im fremdsprachlichen Unterricht" die jüngere Geschichte fachdidaktischer Theorie und Praxis sehr differenziert nach. Sie zeigen an Beispielen, wie - vor allem unter Nutzung von Internet und E-Mail - der funktionale Einsatz von Computern im Fremdsprachenunterricht die Kommunikationskompetenz fördern kann. Sie verweisen damit auf die notwendigen Bedingungen für vernetzte Lernräume, um den Bestand technologischer Neuerungen zu gewährleisten.

Im Anschluss daran beleuchten Ulrich und Gudrun Glowalla in ihrem Artikel "Interaktive Medien in der universitären Lehre" anhand eigener, kognitions- und instruktionspsychologisch orientierter Forschungen zu multimedialen Lernprozessen u. a. die Wissensintegration über Lektionsgrenzen hinweg. Die Autoren verweisen dabei nachdrücklich auf die Notwendigkeit von Evaluation, damit empirisch nachvollziehbar wird, ob die geforderte Verbesserung der Lehrqualität umgesetzt werden konnte, die durch die Veränderung von Lehrkonzepten, von bestehenden Curricula und auch der Kommunikation zwischen Lehrenden und Studierenden in interaktiven Lernsystemen möglich wird. Glowalla und Glowalla stellen hierzu ein eigenes Evaluationsmodell vor.

Franz-Joseph Meißner öffnet eine weiter in die Vergangenheit des Fremdsprachenlernens/-lehrens zurückgehende Perspektive in seinem Beitrag "Kommunikation im Unterricht romanischer Fremdsprachen. Eine historische Skizze". Er zeichnet hier die kommunikativen Ziele und die Praxis des schulischen Fremdsprachenlehrens im Lauf der Zeit genauso nach wie den Wandel des kulturellen, sprachlichen und sozialen Fremdbildes im Unterricht.

In "Fremdsprachenlernen außerhalb des zielsprachigen Raums per virtueller Realität" entwirft Dietmar Rösler - nach einem kritischen Blick auf die neuen Medien und deren bisherigen Einsatz - drei Varianten des Fern-Erlebens in einem virtuellen, zielsprachigen Raum, der natürliches und gesteuertes Lernen verschränken soll. Problematisch hierbei sei nicht nur weiterhin das freie Sprechen, sondern auch die Gesamtrealisierung und notwendige Funktionalisierung des virtuellen Lernens.

Der Artikel "Fernsehkommentare - Kommentieren zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit" leitet die Beiträge zur Medienkommunikation ein. Hans Ramge zeigt hier am Beispiel der Textsorte 'Kommentar', in welcher Art und aus welchen Gründen sich die mündliche, besonders die visuelle Form - die ursprünglich auf der älteren, schriftlichen Textsorte und deren Konventionen basiert - in den letzten 40 Jahren verändert, also den Kommunikationsbedingungen eines neuen Mediums angepasst hat.

In seinem Beitrag "Französische Anzeigenwerbung im Wandel der Zeit" führt Otto Winkelmann an Hand etablierter Analysemethoden durch die Anzeigenwerbung des Autoherstellers Peugeot in den vergangenen 100 Jahren. Dabei untersucht er die Veränderungen in Aufbau, Syntax, Wortschatz und Werbeaussage: Diese spiegeln, zusätzlich zur der Medien-, Produkt-, Kultur-, Zielgruppen- und Epochenorientierung, den Sprach- und Wertewandel sowie das Umschwenken von technischer Information auf emotionale Persuasion.

Gerd Fritz beschreibt in "Die ersten Zeitungen - das neue Medium des Jahres 1609" die gesellschaftlichen Umstände und technischen Produktionsbedingungen, welche den Hintergrund für die ersten gedruckten Wochenzeitungen bildeten. Diese waren als 'Chroniken der Tagesereignisse' anfangs der Geschichtsschreibung ähnlicher als heutige Zeitungen. Sie bedienten sich hauptsächlich funktionaler Textbausteine, die sie - medienbedingt - mit dem Ziel faktenorientierter Berichterstattung in Aktualität und Kürze modifizierten. War es textsortengeschichtlich ein eher kleiner Schritt, vorhandene Mittel der Informationsvermittlung situationsangepasst einzusetzen, so wurde er signifikant durch die Bedeutung und Verbreitung der Zeitungen.

Ansgar Nünning setzt sich in seinem Beitrag zur "Kriegsberichtserstattung an der Schnittstelle von Mündlichkeit und Schriftlichkeit. Englische Straßenballaden der Revolutionszeit 1640-1650 als Vorläufer moderner Massenmedien" intensiv mit den Gattungsmerkmalen und Funktionen der vernachlässigten Textsorte der politischen Straßenballade auseinander. Seine Analysen veranschaulichen die Komplexität der medialen Inszenierung von Aktualität und Wirklichkeit in diesen frühen Medien der Massenkommunikation. Nünning kann dabei überzeugend darlegen, dass die erklärende und unterhaltende Berichterstattung in der Mitte des 17. Jahrhunderts bereits sehr an die Darstellungsweisen der heutigen Massenmedien erinnert.

In dem im Vortragsstil belassenen Aufsatz "Reisende berichten - Schriftliche Kommunikationsmuster im Wandel. Bergbeschreibungen mit Panoramablick und das 'historische Fenster' in der Landschaft" vergleicht Xenia von Ertzdorff Reiseberichte aus dem Zeitraum vom 4. bis zum Ende des 20. Jahrhunderts, wobei sie auch heutige Bildbände mit einbezieht, unter anderem einen mit Bildern von der Erde, die NASA-Astronauten vom Weltall aus aufgenommen haben. Dabei konzentriert sie sich auf konstant gleich bleibende Kommunikationsmuster hinsichtlich des Blicks auf die jeweilige Landschaft, den diese sehr unterschiedlichen Reiseberichte eröffnen, ohne deren jeweilige Kultur- und Geistesgeschichte zu berücksichtigen.

Der Beitrag "Heroische und höfische Kommunikation. Szenen aus der mittelhochdeutschen Epik" von Otfried Ehrismann beschäftigt sich mit den unterschiedlichen Spielarten des Duzens und Ihrzens, welches nicht dichotomisch klassifizierbar, sondern kontext- und kommunikations-/kulturspezifisch ist. Er entwickelt anschauliche Thesen, die als Grundlage für weitere Forschungen im Bereich des kommunikativen Handelns dienen können, u. a. in Bezug auf Distanzmerkmale (wie a) Distanz- bzw. Gemeinsamkeitsakzente, die die Begriffe 'höfisch' und 'heroisch' setzen; b) den distanzierenden Einfluss durch Intellektuelle; c) die Akzeptanz von Distanzmerkmalen als kulturelles Phänomen; oder d) aus fremdsprachigen Kulturformen integrierte Distanzmerkmale).

In seinem Artikel "Narrative Gattungstypen in der mittelalterlichen englischen Literatur", der den Sammelband beschließt, vergleicht Heinz Bergner anschaulich zwei bekannte mittelalterliche Textsorten: das ältere Epos und die jüngere Romanze. Eingebettet in jeweils sehr unterschiedliche gesellschaftliche Rahmenbedingungen, erfolgt Kommunikation im Epos monologisch-isoliert, während die Romanze dialogisch und flexibel auf die Situation und die Person des Sprechers ausgerichtet ist.

Abschließend lässt sich sagen, dass die Hälfte der Beiträge weniger zu genuin neuen Erkenntnissen gelangt als vielmehr einen Überblick über den Forschungsstand und die Forschungsdesiderate des jeweiligen Themas gibt (z. B. die Beiträge von Meißner, Winkelmann und Bergner) oder dieses aus einer neuen Perspektive betrachtet (z. B. Ertzdorff). Insgesamt bietet der Band jedoch solide Grundlageninformationen zum Thema der Kommunikationsformen im Wandel der Zeit. Einige Beiträge geben darüber hinaus einen zukunftsorientierten Anstoß zu weiterer Forschung - auch und besonders über den Tellerrand der eigenen Disziplin hinaus. Ist die Heterogenität der Beiträge naturgemäß darauf zurückzuführen, dass es sich um die Veröffentlichung einer interdisziplinären Vortragsreihe handelt, verbindet sie ein konsequent evolutionärer Standpunkt bzgl. der Geschichte der Kommunikationsformen, der in der historischen Pragmatik bisher nur in Ansätzen vorhanden war.


Fritz, Gerd und Andreas H. Jucker (Hgg.): Kommunikationsformen im Wandel der Zeit. Vom mittelalterlichen Heldenepos zum elektronischen Hypertext. Tübingen: Niemeyer, 2000 (Beiträge zur Dialogforschung, Bd. 21). 309 S., kart., ISBN 3-484-75021-9. Derzeit nur gebraucht erhältlich.


Inhaltsverzeichnis


Vorwort vii

Gerd Fritz, Andreas H. Jucker
Einleitung 1

Andreas H. Jucker
Multimedia und Hypertext. Neue Formen der Kommunikation oder alter Wein in neuen Schläuchen? 7

Franz Lebsanft
Internet und Hispanophanie. Kommunikationsmedium, Kommunikationsform und Sprachwahl 29

Michael K. Legutke, Andreas Müller-Hartmann, Stefan Ulrich
Neue Kommunikationsformen im fremdsprachlichen Unterricht 51

Ulrich Glowalla, Gudrun Glowalla
Interaktive Medien in der universitären Lehre 75

Franz-Joseph Meißner
Kommunikation im Unterricht romanischer Fremdsprachen.
Eine historische Skizze 89

Dietmar Rösler
Fremdsprachenlernen außerhalb des zielsprachigen Raums per virtueller Realität 121

Hans Ramge
Fernsehkommentare - Kommentieren zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit 137

Otto Winkelmann
Französische Anzeigenwerbung im Wandel der Zeit 159

Gerd Fritz
Die ersten Zeitungen - das neue Medium des Jahres 1609. Zur evolutionären Betrachtungsweise in der historischen Pragmatik 189

Ansgar Nünning
Kriegsberichterstattung an der Schnittstelle von Mündlichkeit und Schriftlichkeit. Englische Straßenballaden der Revolutionszeit 1640-1650 als Vorläufer moderner Massenmedien 209

Xenia von Ertzdorff
Reisende berichten - Schriftliche Kommunikationsmuster im Wandel. Bergebeschreibungen mit Panoramablick und das "historische Fenster" in der Landschaft 235

Otfried Ehrismann
Heroische und höfische Kommunikation. Szenen aus der mittelhochdeutschen Epik 259

Heinz Bergner
Narrative Gattungstypen in der mittelalterlichen englischen Literatur 283

Index 303

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