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Die Ästhetik in der Vielfalt ihrer Stimmen

Eine Rezension von Achim Vesper

Gößl, Sabine; Fick, Monika (Hg.): Der Schein der Dinge: Einführung in die Ästhetik. Tübingen: Attempto, 2002.

Unter dem Titel Der Schein der Dinge haben die Essener Germanistin Monika Fick und die Lektorin Sybille Gößl eine Einführung in die Ästhetik vorgelegt. Das Buch versammelt Beiträge hauptsächlich aus der Hand von Literaturwissenschaftlern, aber auch von Praktikern aus der Medienberatung und bietet einen nach Themen geordneten Zugang zu Positionen aus Geschichte und Gegenwart von Ästhetik und Kunsttheorie.


Die Einführung in die Ästhetik, die Monika Fick zusammen mit Sybille Gößl unter dem Titel Der Schein der Dinge herausgegeben hat, zeichnet sich gegenüber anderen Publikationen dieser Sparte durch ihren Reichtum an Perspektiven aus: Die Fülle an Einzelaspekten wird hier zum Programm erhoben. So verfolgt der Band sein Thema über die klassischen Lehren vom Schönen und Erhabenen und ihre philosophischen Erben hinaus bis hin zu Einzelästhetiken in den Bereichen der Künste, der technisch simulierten Wirklichkeiten und des Alltagshandelns.

Einleitend geht Fick den Weg der Theorie des Schönen in der Geschichte der Ästhetik ab, um schließlich aufzuzeigen, wie die Vorstellung von einer Harmonisierung von Sinnlichkeit und Begriffsvermögen zunächst am Erhabenen, später an Entwicklungen in der "emphatischen Moderne" (S. 96) zerbricht. Es gelingt ihr dabei, die Tiefenwirkung der klassischen Ästhetiken auf Debatten unserer Tage freizulegen. So zeigt Fick Stärken wie Grenzen der historischen wie gegenwärtigen Konzeptionen auf, die sich auf den Begriff des Erhabenen stützen.

Im Anschluß belegt Moritz Baßler, daß sich die Abstraktion in der Malerei des frühen 20. Jahrhunderts in der Nähe zur Idee einer Transformation des Materiellen bewegt, wie sie im Spiritismus vertreten wurde. Wie Baßler vornehmlich an Kandinsky herausarbeitet, nimmt der Künstler dabei die Stelle des Mediums ein. Diese Kunstauffassung kommt mit der weltanschaulichen Esoterik in der Idee überein, auf dem Wege einer Entgegenständlichung zur Realisierung des Absoluten in einer "immateriellen Sinnlichkeit" (ebd.) zu gelangen.

Fick macht in der Folge vom Begriff der Exuberanz Gebrauch, um eine Zusammenschau der Kunstströmungen, vor allem der schwarzen Romantik und des Expressionismus, zu geben, die sich um "das Andere des Schönen" (S. 117) bemühen. Im Verein mit einer Todesaffinität - mit Benn: Acheron überflutet den Olymp - wird der ästhetische Reiz in der Intensität gesucht. So wird der Darstellung des Häßlichen, Bösen oder Ekelerregenden Eigenwert verliehen, anstatt sie übergeordneten Zielen zu unterstellen. Das Exuberanz-Modell, das sich noch am Wiener Aktionismus aufdecken läßt, büßt jedoch, so Fick, mit dem Verlust an gesellschaftlich wirksamen Verboten seine Attraktivität ein.

Der Emanzipation der Kunst aus Erkenntniszusammenhängen im Zuge ihrer Autonomisierung wenden sich Axel Gellhaus und Stephanie Over zu. Beide Autoren finden in der Geschichte der Kunstreflexion ein Aufbegehren gegen begriffliche Vorherrschaft auf, das sich in der Romantik, bei Nietzsche und Heidegger zur Überbietung der wissenschaftlichen Erkenntnis durch die Kunsterfahrung auswächst. Es scheint allerdings nur begrenzt sinnvoll, das Ästhetische in ein Konkurrenzverhältnis zum Kognitiven zu bringen; der Sache nach läge eine Ergänzungsbeziehung womöglich näher. Gellhaus und Over begnügen sich jedoch mit einem Rückzug auf historische Positionen, die dabei stets zuverlässig referiert werden.

Eine eigene Themengruppe beschäftigt sich mit den konstruktiven Leistungen, die unser Bild der Wirklichkeit prägen. Hier werden der Sprach- oder Wahrnehmungsabhängigkeit unserer Wirklichkeitsauffassung zumeist strikt erkenntnisskeptische Thesen abgewonnen. Mit Blick u. a. auf die neurophysiologisch informierte Poetik Durs Grünbeins, auf Fotoästhetik oder die Darstellung virtueller Welten versuchen die Aufsätze, die These zu untermauern, daß uns die Wirklichkeit über ihre mediale Vermittlung abhanden komme. Die Realität löst sich den Autoren zufolge im Spiel der Zeichen auf oder wird zumindest zu einer Realitätsversion unter möglichen anderen relativiert. Die Beiträger folgen dabei insgesamt der Annahme, die Kunst sei der privilegierte Ort, über Konstruktionsformen wie über die prinzipielle Konstruiertheit von Wirklichkeit aufzuklären.

Anders aber als die Autoren dieses Themenbereichs versichern, muß sich die realistische Intuition keiner Einspeisung von Metaphysik verdanken; sie besitzt auch eine Verankerung im common sense. Die Aufmerksamkeit auf Wahrnehmungsschemata in der ästhetischen Erfahrung zwingt meines Erachtens nicht zur Abkehr von der Idee einer betrachterunabhängigen Realität. So kann der ästhetischen Erfahrung statt eines weltentwerfenden auch ein welterschließender Charakter zugesprochen werden. Damit würde dem Umstand Rechnung getragen, daß wir ästhetisch erfahrend den Eindruck von einer Welt erhalten, die uns entgegenkommt.

Abschließend behandelt Gößl in einem eigenen Schwerpunkt die Schwierigkeiten, denen sich Theorien - wie die pragmatistische Ästhetik Deweys, die Kunstprogrammatiken von Warhol und Beuys oder die Lebenskunstlehre beim späten Foucault - aussetzen, die der Ausdehnung der Ästhetik in die Lebenswelt das Wort reden. Am Beispiel der Wirtschaft verfolgt Gößl, wie die Ästhetik tatsächlich immer stärker in das Alltagshandeln hineingetragen wird. Diese Entwicklung geht jedoch, wie Gößl zeigt, mit einem Verlust von Differenzierung einher, etwa im Verflachen unseres Kunstverständnisses zur Kreativitätsressource für die Arbeitswelt.

Der Sammelband bietet leider keinen Gesamtüberblick über den Problembestand in der ästhetischen Theorie. Auch wenn, wie in den Beiträgen von Fick, die zentralen wirkungsmächtigen Traditionen genannt werden, so wird doch im Durchgang durch die Einzeluntersuchungen Theorieverzicht zugunsten materialreicher Interpretationen geübt. Letztlich gewinnen hier einzel-, insbesondere literaturwissenschaftliche Bedürfnisse die Oberhand über das Interesse an der systematischen Ästhetik. Es verwundert aber, in einem Buch, das mit den Grundlagen der Ästhetik vertraut machen möchte, Fallstudien zu Künstlerästhetiken zu finden. Diese Einführung entzieht sich leider in weiten Teilen der Theoretisierung und rückt eine Besprechung einzelner ästhetischer Gegenstände an ihre Stelle. Trotz aller Vielfalt in der Kunstreflexion sollte aber die Ambition auf Theorien aufrechterhalten werden, die alle ästhetischen Phänomene von der Elementarästhetik bis zu den Kunstformen in einen übergreifenden systematischen Rahmen zu stellen verstehen.


Fick, Monika/ Gößl, Sybille (Hgg.): Der Schein der Dinge. Einführung in die Ästhetik. Tübingen: Attempto, 2002. 291 S., kart., € 19,90, ISBN 3-89308-352-9


Inhaltsverzeichnis


1. Einleitung (Christine Emig/ Monika Fick/ Sybille Gößl)

2. Apoll spielt. Kunst zwischen Sinnlichkeit und Geist
Einleitung (Monika Fick/ Sybille Gößl)
Pfeiler der klassischen Ästhetik: Das Schöne (Monika Fick)
Pfeiler der klassischen Ästhetik: Das Erhabene (Monika Fick)
Die Erkenntnisfunktion der Kunst. Philosophische Positionen von F. Schlegel bis Heidegger (Axel Gellhaus/ Stephanie Over)
Immaterielle Sinnlichkeit - Ästhetik der emphatischen Moderne (Moritz Baßler)

3. Das Andere des Schönen
Einleitung (Monika Fick/ Sybille Gößl)
Der dunkle Kontinent. Ästhetik des Häßlichen (Monika Fick)
Endzeitstimmungen. Theodor W. Adornos Modell einer negativen Ästhetik (Roberto Di Bella)

4. Wahrnehmung ist Konstruktion. Konstruierte Welten
Einleitung (Monika Fick/ Sybille Gößl)
Augenblicks-Welten. Der radikale Konstruktivismus und Durs Grünbeins neurophysiologische Poetik (Meike Adam)
Der Einbruch des Ästhetischen in die Theorie oder: Das lustvolle Spiel der Dekonstruktion (Peter Vollbrecht)
Gewagte Spiele. Derrida und die ästhetischen Folgen (Christine Emig)
Die grünen Gläser der Fotografie. Implikationen eines Wahrnehmungsapparates (Stefan Wieczorek)
Wahrnehmung als Konstruktion oder: "Willkommen in der wirklichen Welt" - Das Referenzsystem von "The Matrix" (Manfred Rüsel)
Konstruierte Welten, Simulationen, Cyberspace (Ben Scheffler)

5. Die Kunst in der Wirklichkeit. Ästhetische Handlungskonzepte
Einleitung (Sybille Gößl)
Lebenskunst - Kunst und Leben. Kernkonzepte (Sybille Gößl)
Kunst und Wirtschaft: Gibt es eine Ästhetisierung der Wirtschaft? (Sybille Gößl)
Lebensläufe als Bricolage (Sybille Gößl)

Literaturverzeichnis
Abbildungsverzeichnis
Sachregister
Personenregister
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