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Das erste Lexikon im deutschsprachigen Raum zum Thema Gender Studies

Eine Rezension von Dr. Kathrin Ruhl (Koblenz)

Kroll, Renate (Hg.): Metzler Lexikon Gender Studies / Geschlechterforschung. Stuttgart: Metzler, 2002.

Das von Renate Kroll herausgegebene Lexikon ist das erste im deutschsprachigen Raum aus dem Bereich der Gender Studies. Über 90 AutorInnen aus unterschiedlichen kulturwissenschaftlichen Disziplinen bieten darin Informationen zu unterschiedlichen Aspekten des Themenkomplexes, beschreibt Entwicklungslinien der Geschlechterforschung, beleuchtet Epochen und wissenschaftliche Disziplinen aus einer feministischen Perspektive, beachtet nationale Spezifika feministischer Strömungen und gibt einen Überblick über die von der Frauenbewegung und der Geschlechterforschung bewirkten sozialen, politischen und kulturellen Errungenschaften.
Nachdem in den vergangenen Jahrzehnten im deutschsprachigen Raum zwar einige Lexika zu frauenspezifischen Themen publiziert worden sind, deren Fokus - wie schon die Titel verdeutlichen - jedoch nicht auf der Geschlechterforschung liegt (vgl. Anneliese Lissner (Hg.) (1988): Frauenlexikon - Traditionen, Fakten, Perspektiven; Florence Hervé (Hg.) (1985): Kleines Weiberlexikon; Margarete Rehm (Hg.) (1997): Lexikon der Frau), ist nun endlich ein Nachschlagewerk zum Thema Gender Studies erschienen. Die Herausgeberin Renate Kroll ist insbesondere bestrebt, den Zusammenhang zwischen den Kulturwissenschaften und den Gender Studies zu beleuchten und den aktuellen Forschungsstand wiederzugeben.

Das vorliegende Nachschlagewerk lässt sich in inhaltlicher Hinsicht in vier Themenkomplexe untergliedern, die aus allgemeinen, umfangreichen Beiträgen sowie kürzeren Begriffsartikeln bestehen. Einträge über Personen dienen der Erläuterung theoretischer bzw. begriffs- und wissenschaftsgeschichtlicher Kontexte. Die Explikation der wichtigsten wissenschaftlichen Disziplinen erfolgt in längeren Überblicksartikeln. Über kürzere Beiträge werden diese wissenschaftsgeschichtlich sowie begrifflich abgestützt. Von den Beiträgen über Personen abgesehen sind die Artikel so aufgebaut, dass sie zunächst eine Definition des Gegenstandes bieten, danach eine Darstellung des inhaltlichen Zusammenhangs, des historischen Verlaufs und der aktuellen Problemlage. Nach Angabe der Herausgeberin sollen die Artikel auch eine kritische Haltung gegenüber den beschriebenen Themen zum Ausdruck bringen. Dies lässt sich jedoch nicht bestätigen, da die meisten Beiträge vielmehr um einen eher deskriptiven Darstellungsmodus bemüht scheinen. Kritische Anmerkungen sind nur selten zu finden, beispielsweise in dem Eintrag zu "Femaleism", bei dem deutlich wird, dass die Autorin die Prämissen dieses Ansatzes anzweifelt (vgl. S. 100-101) oder bei der "Frauenbewegung (deutsche)", welche nach Darstellung der Verfasserin über "Selbstvergewisserungen" hinaus Theorien und Strategien neu- bzw. reformulieren sollte, um ihr politisch wirksames Fortbestehen zu ermöglichen (vgl. S.119).

Der erste der insgesamt vier Themenkomplexe umfasst die Entwicklungslinien der Geschlechterforschung und deren inhaltliche Diskussionen. In diesem Kontext werden Erläuterungen zu Aspekten wie dem sozialistischen Feminismus (vgl. S. 367f.), dem Cyberfeminismus (vgl. S. 55ff.) und dem Ökofeminismus (vgl. S. 296-297) gegeben sowie die Debatte um Differenz (vgl. S. 68-69), Ansätze der Dekonstruktion (vgl. S. 62f.), des Konstruktivismus (vgl. S. 210ff.) oder der Écriture féminine (vgl. S. 77f.) erörtert.

Als zweiter Themenkomplex sind die Schlagworte zu nennen, die nicht unmittelbar aus dem Feld der Geschlechterforschung stammen, sondern sich auf traditionelle Disziplinen, Epochen oder Begriffe beziehen. Eine Verbindung zur Geschlechterforschung wird insofern hergestellt, als bei der Erläuterung eine feministische Perspektive verfolgt wird. So problematisiert der Beitrag zu "Politik/Politikwissenschaft" (vgl. S. 308-309) im Anschluss an eine generelle Definition des Feldes die Rolle der Frau in der Politik und gibt die feministische Kritik an der Politikwissenschaft wieder; der Artikel zur "Résistance" unterstreicht den Anteil der Frauen an der französischen Widerstandsbewegung (vgl. S. 340-341), und unter "Komplizenschaft" wird die ambivalente Rolle der Frau als Opfer und Täterin erörtert (vgl. S. 210).

Nationale Besonderheiten feministischer Strömungen finden im dritten Themenkomplex Berücksichtigung. Hier kann z.B. nachgeschlagen werden, was die Spezifika des italienischen (vgl. S. 194-197) oder des japanischen (vgl. S. 197-198) Feminismus ausmacht. Trotz dieser Darstellungen wird den Repräsentantinnen der verschiedenen nationalen Frauenbewegungen aber leider kaum Aufmerksamkeit geschenkt. Die Herausgeberin strebt explizit keine Kanonisierung des deutschen theoretischen und begrifflichen Apparates an, sondern beschränkt die Beiträge auf Personen mit internationalem Renommee. Dies hat nicht nur zur Folge, dass deutschen Feministinnen und Wissenschaftlerinnen wenig Raum gewährt wird, sondern beinhaltet durch die Repräsentation überwiegend anglo-amerikanischer und französischer Vertreterinnen die Reproduktion einer hegemonialen Perspektive.

Die vierte thematische Einheit umschließt die von der Frauenbewegung und der Geschlechterforschung bewirkten sozialen, politischen und kulturellen Errungenschaften und Institutionen. In diesem Kontext lassen sich beispielsweise Informationen zu "Frauenprojekten" (vgl. S. 125) oder zur Einführung der "Women's Studies" (vgl. S. 408-410) nachlesen.

Die Herausgeberin wird ihrem Anspruch gerecht, den Zusammenhang zwischen den Gender Studies und den Kulturwissenschaften zu beleuchten. Insgesamt ist jedoch eine Verengung der Perspektive augenscheinlich, da der Fokus des Lexikons klar auf der literatur- und geisteswissenschaftlichen Linie liegt. So setzt sich Kroll detailliert mit Begrifflichkeiten und Personen dieser Forschungsrichtungen auseinander und vernachlässigt die politikwissenschaftliche und soziologische Perspektive. Andere wissenschaftliche Disziplinen, wie Medizin, Natur-, Wirtschafts- und Rechtswissenschaften, werden nur am Rande gestreift. Statt der von den Gender Studies angestrebten Interdisziplinarität unterstreicht das Nachschlagewerk somit den kulturwissenschaftlichen Kontext. Kroll spiegelt also - entgegen ihres eigenen Anspruchs - nicht den aktuellen Forschungsstand der Gender Studies wider. Das vorliegende Lexikon bietet zwar eine Fülle an Informationen, gibt jedoch aufgrund der zuvor beschriebenen Limitierungen keinen umfassenden Überblick über die Gender Studies. Dennoch ist das Nachschlagewerk empfehlenswert, da die Beiträge von hoher Qualität sind und einen guten Einblick in die einzelnen Themenfelder bieten.


Kroll, Renate (Hg.): Letzler Lexikon Gender Studies/Geschlechterforschung. Ansätze - Personen - Grundbegriffe. Stuttgart: Metzler, 2002. 425 S., geb., EUR 39,90, ISBN 3-476-01817-2

© bei der Autorin und bei KULT_online