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Über die Notwendigkeit der Intertextualität im Fremdsprachenunterricht

Eine Rezension von Ingo Carboch

Hallet, Wolfgang: Fremdsprachenunterricht als Spiel der Texte und Kulturen: Intertextualität als Paradigma einer kulturwissenschaftlichen Didaktik. Trier: WVT, 2002.

Die vorliegende Dissertation von Wolfgang Hallet befasst sich aus fachdidaktischer Perspektive mit dem ursprünglich literaturwissenschaftlichen Konzept der Intertextualität, das vorgestellt und kulturwissenschaftlich eingebettet wird. Für Hallet wird die als Beziehung zwischen verschiedenen Zeichensystemen definierte Intertextualität als leitendes didaktisches Prinzip zum Ausgangspunkt für eine Reihe unterrichtspraktischer Überlegungen, die auf ihre Umsetzbarkeit in der Praxis hin überprüft werden. Der Band bietet sowohl eine Einführung in eine kulturwissenschaftlich orientierte Intertextualität als auch viele Anregungen für den Schulalltag des modernen Fremdsprachenunterrichts. 


Während das von Julia Kristeva 1967 entwickelte Konzept der Intertextualität in der Literaturwissenschaft große Beachtung gefunden hat, haben bislang nur wenige Arbeiten im Bereich der Fremdsprachendidaktik das Konzept explizit aufgegriffen. Dies gibt Anlass zur Verwunderung, denn zugleich befasste sich eine nicht geringe Anzahl von didaktischen Arbeiten unterrichtsmethodisch gerade mit (semiotisch verstandenen) textuellen Arrangements, die intertextuelle Beziehungen beleuchteten und damit eine Didaktik der Intertextualität ermöglichten und begründeten. Zumeist jedoch wurden in der Didaktik unter dem Stichwort Intertextualität lediglich literarische Lektüre-Arrangements diskutiert. Wolfgang Hallets Poinierarbeit setzt sich vor diesem Hintergrund das Ziel, diese "Diskrepanz zwischen den Diskursen der Literatur- und Kulturwissenschaften einerseits und der didaktisch-pädagogischen Praxis des Fremdsprachenunterrichts andererseits ein Stück weit zu vermindern" (S. xiii).

Hallets Studie ist in zwölf Kapitel und ein Literaturverzeichnis gegliedert, baut ausgewogen auf Theorie und Praxis der Fachwissenschaft auf und verliert dabei ihr fachdidaktisches Anliegen erfreulicherweise nie aus dem Auge.

Der theoretisch ausgerichtete Teil (Kap. 1-5) wird mit Grundsatzüberlegungen zum Stellenwert und zur Form des Fremdsprachenunterrichts "nach der Moderne" (S. 1) eröffnet, wonach in Abkehr von strukturalistischen Vorstellungen eine Dynamisierung des Textkonzepts und der Text- und Literaturdidaktik gefordert wird (Kap. 1). Es schließt sich ein Kapitel an, in dem die Entstehung und Entwicklung der Intertextualität literaturtheoretisch knapp umrissen wird. Ausgehend von Kristevas Begriff des "texte général" (S. 31), der eine semiotische Erweiterung des Textbegriffs bedeutet, deutet der Verfasser im kulturwissenschaftlich orientierten Kapitel 3 Intertextualität als "interplay" (S. 31) der Kulturen. Genau hierin liegt nach Hallet das "didaktische Potenzial der Intertextualität" (S. 56), wie im thematisch zentralen und umfangreichsten Kapitel 4 aufgezeigt wird. Der Verfasser stellt in diesem Kapitel Intertextualität als ein Konzept dar, mit dessen Hilfe der Fremdsprachenunterricht inhaltlich und methodisch geöffnet und prozess- und lernerorientiert sowie kreativ gearbeitet werden kann. Außerdem ist das Konzept eine Hilfe bei der Auswahl von Texten, die durch neue Kombinationsmöglichkeiten neue Bedeutungen erhalten können. Dies gilt auch für Hypertexte (digitale Texte), die unterschiedlich zusammengesetzt sein können und per se intertextuell sind (Kap. 5).

Im unterrichtspraktischen Teil des Bandes (Kap. 6-11) werden methodische Möglichkeiten zum intertextuellen Arbeiten vorgestellt. Der Verfasser berichtet von Unterrichtsreihen, die verdeutlichen, wie Intertextualität für den Fremdsprachenunterricht nutzbar gemacht werden kann. Es zeigt sich dabei, dass das zuvor thematisierte "didaktische Potenzial der Intertextualität" (S. 56) auch dem Praxistest standhält. In den einzelnen Kapiteln wird Intertextualität genutzt, um Einzeltexte unter verschiedenen Schwerpunktsetzungen in Lektürearrangements miteinander zu verknüpfen (Kap. 6, 9, 10) und Lernenden die inter- bzw. intratextuellen Verflechtungen von literarischen Texten (Kap. 7) sowie die literarische narrative Inszenierung von Identität und Historizität zu verdeutlichen (Kap. 8). Nach den stark auf literarische Texte ausgerichteten Kapiteln 6-10 folgt ein Kapitel, das zwar methodisch wichtige Aspekte eines modernen Unterrichts mit Hypertexten thematisiert, dies jedoch leider mit nur wenigen konkreten Bezügen tut. Schließlich hält der Verfasser im letzten Kapitel ein zusammenfassendes und überzeugendes Plädoyer für die "Intertextualität als Paradigma einer kulturwissenschaftlichen Didaktik" (S. 267).

Hallet hat eine gelungene Arbeit vorgelegt, die TheoretikerInnen und PraktikerInnen gleichermaßen interessieren dürfte. Man kann jedoch geteilter Meinung darüber sein, ob die zentralen Termini (insbesondere "Text? und "Intertextualität?) im Theorieteil noch gründlicher auf ihre Wurzeln hätten zurückgeführt werden müssen. Im Praxisteil - in dem Intertextualität anschaulich operationalisiert wird - zeigt sich an einigen Stellen, dass die Kapitel z.T. nur wenig überarbeitete Neuabdrucke bereits veröffentlichter Aufsätze sind. An eben diesen Stellen (z.B. in Kap. 8) wäre daher eine deutlichere Herausarbeitung der Bezüge zum Theorieteil der Studie wünschenswert gewesen. Dennoch kann Hallet überzeugend darlegen, dass Intertextualität ein höchst anregendes und integratives Konzept ist und sich daher als fachdidaktisches Instrumentarium für einen inhalts-, prozess- und lernerorientierten sowie modernen Fremdsprachenunterricht in der Sekundarstufe II empfiehlt. Es bleibt abzuwarten, ob Hallet mit seiner wichtigen Studie FachdidaktikerInnen und FremdsprachenlehrerInnen einen Impuls geben kann, die Intertextualität (neu) zu entdecken.


Hallet, Wolfgang: Fremdsprachenunterricht als Spiel der Texte und Kulturen. Intertextualität als Paradigma einer kulturwissenschaftlichen Didaktik. Trier: Wissenschaftlicher Verlag Trier, 2002
(ELCH - Studies in English Literary and Cultural History, Bd. 6). 295 S., kart., 28,00 Euro. ISBN 3-88476-543-4


 

Inhaltsverzeichnis


Vorwort

Teil A:

Theoretischer Teil. Intertextualität als didaktische Kategorie des Fremdsprachenunterricht.

I Lektüren, Patchwork, Hypertext: Fremdsprachenunterricht nach der Moderne
1.1 "Nach der Moderne?
1.2 Zur Anlage der Arbeit

II Text und Intertext: Fremdsprachenunterricht als Spiel der Texte.
2.1 Textmodelle
2.1.1 Das Modell des quasisakralen Textes
2.1.2 Das Modell des offenen Textes
2.2 Intertextualität
2.2.1 Der poststrukturalistische Intertextualitätsbegriff
2.2.2 "Echte? Intertextualität
2.2.3 Der erweiterte Textbegriff: Von der Intertextualität zur Intermedialität
2.3 Der kulturpoetische Ansatz
2.4 Der diskurstheoretische Ansatz
2.5 Die intertextuelle Konstruktion des Subjekts
2.6 Das "Spiel der Texte? in der Fremdsprachendidaktik
2.7 Zusammenfassung

III Interplay der Kulturen: Fremdsprachenunterricht als "hybrider Raum?
3.1 Zur kulturwissenschaftlichen Fundierung der Textdidaktik
3.2 Kultur als Text - Text als Kultur
3.3 Zwischen den Kulturen: Die Metapher des "dritten Ortes?
3.4 Der Fremdsprachenunterricht als "hybrider Raum?
3.5 Drei Diskurssphären
3.6 Nutzen und Leistung des Modells
3.7 Zusammenfassung

IV Das didaktische Potenzial der Intertextualität
4.1 Intertextuell orientierter Fremdsprachenunterricht
4.2 Die "Spiel?-Metapher
4.3 Intertextuelle Bedeutungskonstruktion
4.4 Intertextualität und kulturwissenschaftliche Didaktik
4.5 Prozessorientierung
4.6 Intertextuelles Arbeiten als schüleraktivierende Methode
4.7 Textunterricht als "webs of significance?
4.7.1 Ausgangstexte, Schülertexte, Lehrertexte
4.7.2 Das "Lerngespräch? als intertextuelles Netzwerk
4.7.3 Die Unterrichtinterpretation als polyphoner Text
4.7.4 Kreative Textbearbeitungen
4.7.5 Zur Entsprechung von Unterrichtsprozess und Textstruktur
4.8 Textkombinationen, Kanonisierung, Textauswahl
4.9 Lehrwerk und Intertextualität
4.9.1 Lehrwerkkonstruktion und Intertextualität
4.9.2 Intertextuelle Konstruktion durch characters, Narration und Thema
4.9.3 Die story-line als Prinzip der unit-Konstruktion
4.9.4 Zusammenfassung: Intertextualität als Prinzip der Lehrwerkkonstruktion
4.10 Interlinguale Texte und Diskurse
4.11 Intertextualität und postmoderne Literatur
4.12 Zusammenfassung: Leitlinien intertextueller Textarbeit

V Vom Intertext zum Hypertext
5.1 Metaphern des Hypertextzeitalters: Galaxie, Cyberspace , Textuniversum
5.2 Zur Notwendigkeit einer Hypertextdidaktik
5.3ZurTerminologie: "Hypertext?, "Hypermedia?, "multimedialer Hypertext? 5.4 Der Hypertext als Intertext des elektronischen Zeitalters
5.4.1 Eine elektronische Enzyklopädie als Beispiel
5.4.2 Textualität
5.4.3 Intertextualität
5.4.4 Multimedialität
5.4.5 Authentizität
5.4.6 Interaktivität
5.4.7 Zusammenfassung
5.5 Folgen für die Textdidaktik
5.5.1 Textauswahl, Kanon und Curriculum
5.5.2 Kulturelle Orientierungen
5.5.3 Lernprozess
5.5.4 Veränderte Textarbeit
5.6 Zusammenfassung

Teil B:

Unterrichtspraktischer Teil. Intertextualität als methodisches Prinzip des Fremdsprachenunterrichts

VI Das methodische Potenzial der Intertextualität: Intertextuelle Bedeutungskonstruktion im Unterricht
6.1 Textarbeit und Intertextualität
6.2 Textrelationen im Unterricht
6.3 Kommentare
6.4 Expositorische Formen der Textbearbeitung
6.5 Kreative Formen der Textbearbeitung
6.5.1 Beispiele kreativer Textbearbeitung
6.5.2 Kreative Textbearbeitung im Verstehensprozess: Ein Unterrichtsbeispiel
6.6 Publikationen, Präsentationen, Displays
6.6.1 Ein Unterrichtsbeispiel: Ein booklet zum Thema "2000 and after?
6.6.2 Das intertextuelle Design
6.6.3 Übertragbarkeit
6.7 Interlinguale Mediation
6.8 Zusammenfassung
6.9 Intertextuell orientierte Unterrichtseinheiten

VII Intertextualität und Literatur im Unterricht: Ein Unterrichtsmodell im Patchwork-Design zu Julian Barnes? History of the World in 10½ Chapters
7.1 "Schiffbruch im Weltmeer der Geschichte?
7.1.1 "Schiffbruch mit dem Raumschiff Erde?
7.1.2 Negation der master narratives
7.1.3 Historiographic metafiction
7.1.4 Die Krise der Historizität
7.1.5 Fabulation
7.2 Textualität und Intertextualität bei Barnes als didaktisches Problem
7.2.1 Intertextuelle Intertextualität als didaktische und methodische Herausforderung
7.2.2 Intertextuelle devices
7.3 Die Unterrichtsreihe: Das Patchwork-Design
7.3.1 Voraussetzungen
7.3.2 Arbeitsschritte und -phasen
7.4 Zusammenfassung

VIII Die intertextuelle Konstruktion von Identität, Historizität und Orientierung im postmodernen Roman und im Unterricht
8.1 Unparentedness
8.2 Orientierungen: Mentoren, Mythen, Moral
8.3 Historizität
8.4 Identität
8.5 Unparentedness als Paradigma der Postmoderne
8.6 Romanstruktur und intertextuelle Methodik
8.7 Zusammenfassung

IX 19th Century American Short Stories. Intertextualität als Grundlage einer gattungstypologisch orientierten Unterrichtsreihe
9.1 Short Stories im Englischunterricht: Die gängige Praxis
9.2 Great American Short Stories: Ein Schulklassiker
9.3 19th Century American Short Stories: Zehn gute didaktische Gründe
9.4 Zur Problematik des Genre -Begriffs
9.4.1 Genre als literarisch-diskursive Praxis
9.4.2 Genre als literaturwissenschaftliches Konstrukt
9.4.3 Genre als kognitives Schema
9.5 Intertextuell und gattungstypologisch orientierte Arbeit: Die Unterrichtsreihe
9.5.1 Das Design der Unterrichtsreihe
9.5.2 Die Arbeitsergebnisse
9.6 Zusammenfassung

X "Wartime Lies?: Holocaust Childhoods. Die Modellierung eines mehrsprachigen Diskurses im Unterricht
10.1 Der Holocaust-Diskurs
10.2 Holocaust Childhoods
10.2.1 Die Zerstörung der Familie
10.2.2 Traumatisierung
10.2.3 Verlust der Kindheit
10.3 "Wartime Lies?
10.3.1 Lügen und Geheimnisse
10.3.2 Sprach-, Identitäts- und Kulturwechsel
10.3.3 Erinnerung und Fiktion
10.4 Der Holocaust im didaktischen Diskurs
10.4.1 Der Holocaust als didaktisches Tabu
10.4.2 Teilhabe am Holocaust-Diskurs als didaktische Herausforderung
10.4.3 Zum Problem der Mehrsprachigkeit
10.4.4 Didaktische Überlegungen zur Unterrichtsreihe
10.5 Die Unterrichtsreihe
10.5.1 Verlaufsskizze
10.5.2 Evaluation
10.6 Zusammenfassung

XI Die praktische Arbeit mit Hypertexten
11.1 Anwendungsfelder
11.1.1 Datenbank-Recherche: Beschaffung von Informationen und Texten
11.1.2 Kommunikation
11.1.3 Hypertexterstellung
11.2 Prinzipien der Hypertextarbeit
11.2.1 Thematische Zentrierung (thematic focus)
11.2.2 Limitierung (limitation)
11.2.3 Beurteilung (judgement)
11.2.4 Dokumentation (documentation)
11.2.5 Verarbeitung (processing)
11.3 Zusammenfassung

Teil C


XII Intertextualität als Paradigma einer kulturwissenschaftlichen Didaktik

XIII Literaturverzeichnis



Die Redaktion weist darauf hin, dass der Autor des rezensierten Buches Mitglied des Graduiertenzentrums  ist, in dessen Rahmen auch dieses Rezensionsmagazin herausgegeben wird.

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