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Theorie des Ereignisses

Eine Rezension von Guido Isekenmeier

Derrida, Jacques: Eine gewisse unmögliche Möglichkeit, vom Ereignis zu sprechen. Berlin: Merve, 2003.


"Das Ereignis wird wieder erforscht" (Rathmann). Der anzuzeigende Text ist die deutsche Übersetzung eines Vortrags, den Jacques Derrida 1997 im Rahmen eines für ihn in Montréal veranstalteten Seminars gehalten hat und der in kondensierter Form die großen Linien seines Ereignis-Denkens darstellt. Insbesondere zeigt er, wie die Kritik der Sprechakttheorie in eine Auseinandersetzung mit den "technischen Dispositiven der Information" (S.58) überführt werden kann, und wie sich die Themenfelder, die Derrida in neuerer Zeit bearbeitet hat (Gabe, Versprechen, Gastlichkeit u.a.), unter dem Begriff des Ereignisses zusammenführen lassen.

"Séminaire de Montréal, pour Jacques Derrida" heißt es im Untertitel des frz. Originals, in dem auch die Beiträge von Gad Soussana und Alexis Nouss abgedruckt sind; ein Seminar für Derrida, das heißt für ihn, aus Anlass seines Besuches abgehalten, zu seinen Ehren, aber auch für ihn, von Anderen gehalten, an seiner Stelle. Während sich also die beiden anderen Vorträge in dekonstruktiver Manier Texten von Rilke und Celan nähern, kann sich der auf deutsch allein abgedruckte Text Derridas auf eine Befragung des Titels des Seminars - 'Ist es möglich, vom Ereignis zu sprechen?' - in seinen einzelnen Bestandteilen beschränken.

Er beginnt mit der Frage selbst, die uns zum einen "wirklich in eine philosophische Haltung" (S. 10) bringt, zum anderen eine Zusage enthält, ein 'Ja' zur Frage und vor der Frage, das "[s]elbst die negativsten, kritischsten, destruktivsten Sätze implizieren" (S. 12), was einer Replik auf eine gewisse Kritik an der Dekonstruktion gleichkommt (et pass.). Darauf folgen Überlegungen zum "sprechen" und zum "möglich", bevor dieses Programm mit einer Bemerkung zum Infinitiv ("zu") abgeschlossen wird, die bereits in der sich dem Vortrag anschließenden und ebenfalls wiedergegebenen Fragerunde erfolgt.

Der Begriff des Ereignisses ist dabei der Fluchtpunkt der Ausführungen, besonders derer zum Sprechen vom Ereignis. Derrida geht dabei von der Unterscheidung eines konstativen (theoretischen, kognitiven) und eines performativen Sprechens aus, in Fortführung seiner Auseinandersetzung mit der Sprechakttheorie, die noch immer Anlass zu kleinen Spitzen gibt ("Die Sprechakttheoretiker sind seriöse Leute", S. 54). In der Anwendung auf die modernen Techniken der "Ereignis-Wiedergabe" (S. 22) kompliziert sich diese Unterscheidung , sofern die von ihr erzeugten Bilder zwar "vorgeben, Ereignisse mitzuteilen, die sie aber in Wirklichkeit interpretieren, hervorbringen oder machen" (S. 23).

Der Wert der Unterscheidung von konstativer und performativer Sprechweise, die nicht voreilig zugunsten des Performativs aufgelöst werden sollte, liegt dann darin, dass nur ausgehend von ihr, vom Vorhandensein eines konstativen Auftrags, das "Televisuellwerden" (S. 59) der Ereignisse problematisiert werden kann. Ein kritisches Wissen von den Apparaten der Ereignisübermittlung bedarf des "historischen Ereignisse[s]" (S. 21) als eines (unerreichbaren) Bezugspunktes des Sprech- oder Medienereignisses - unerreichbar, da "das Sprechen als Sprechen schon aus strukturellen Gründen immer nach dem Ereignis kommt" (ebd.), und dennoch notwendig als das, was "der Wiederaneignung und der Filterung durch die Medien" (S. 58) Widerstand leistet.

Anschließend wendet sich Derrida jenen Möglichkeiten, vom Ereignis zu sprechen, zu, "die sich ihrerseits als im eigentlichen Sinne performativ ankündig[en]" (S. 24) und die darin bestehen, "durch das Sprechen sich etwas ereignen zu lassen" (ebd.). Es folgt eine Reihe von Beispielen, die größtenteils die Stationen von Derridas "performativer Wende" (vgl. Hans-Dieter Gondeks und Bernhard Waldenfels' Einleitung "Derridas performative Wende" in dem von ihnen herausgegebenen Sammelband Einsätze des Denkens: Zur Philosophie von Jacques Derrida. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1997) nachzeichnen: Geständnis, Gabe, Vergebung, Erfindung, Gastlichkeit, Entscheidung und Versprechen. Deren Diskussion führt zu der Annahme, dass es Ereignis nur da geben kann, wo "es sich in gewisser Weise als unmöglich ankündig[t]" (S. 27). Und diese strukturelle Unmöglichkeit sucht die Möglichkeit des Ereignisses weiter heim: "[A]uch wenn es vielleicht stattgefunden hat, bleibt es doch trotzdem unmöglich" (S. 37).

Die "Virtualität des Möglichen und des Unmöglichen" (S. 42) soll es erlauben, das "Gespenstischwerden des Bilds" (S. 41) zu denken, also der Frage nachzugehen, was ein virtuelles, ein un-mögliches Ereignis sei. Dass Derridas Ausführungen an dieser Stelle etwas vage bleiben, mag seinen Grund auch darin haben, dass es sich beim Möglich-Unmöglichen um eine - wenn auch "viel versprechende" - Aporie (S. 51) handelt.

Der Durchgang durch die Frage des Seminars endet mit der Erwägung, dass sich im Infinitiv ein Sprechen vom Ereignis andeutet, "das sich weder in Form einer Feststellung, einer theoretischen Aussage oder einer Beschreibung vollzieht, noch in Form einer performativen Produktion, sondern nach Art eines Symptoms" (S. 48), dessen Modalität in der Diskussion nicht weiter präzisiert wird.

Insgesamt handelt es sich um einen ebenso gut lesbaren wie anregenden Beitrag Derridas zur Debatte um den Ereignis-Begriff. Obgleich eine Übersetzung des gesamten Bandes zum genaueren Verständnis einiger Passagen hilfreich gewesen wäre, ist dem Merve-Verlag (wieder einmal) dafür zu danken, dass er einen wichtigen Text auf Deutsch zugänglich gemacht zu hat.

Derrida, Jacques. 2003. Eine gewisse unmögliche Möglichkeit, vom Ereignis zu sprechen. Berlin: Merve. 60 S., 6,80 Euro. ISBN 3-88396-187-6 (Internationaler Merve Diskurs, Bd. 254)

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