Benutzerspezifische Werkzeuge

Information zum Seitenaufbau und Sprungmarken fuer Screenreader-Benutzer: Ganz oben links auf jeder Seite befindet sich das Logo der JLU, verlinkt mit der Startseite. Neben dem Logo kann sich rechts daneben das Bannerbild anschließen. Rechts daneben kann sich ein weiteres Bild/Schriftzug befinden. Es folgt die Suche. Unterhalb dieser oberen Leiste schliesst sich die Hauptnavigation an. Unterhalb der Hauptnavigation befindet sich der Inhaltsbereich. Die Feinnavigation findet sich - sofern vorhanden - in der linken Spalte. In der rechten Spalte finden Sie ueblicherweise Kontaktdaten. Als Abschluss der Seite findet sich die Brotkrumennavigation und im Fussbereich Links zu Barrierefreiheit, Impressum, Hilfe und das Login fuer Redakteure. Barrierefreiheit JLU - Logo, Link zur Startseite der JLU-Gießen Direkt zur Navigation vertikale linke Navigationsleiste vor Sie sind hier Direkt zum Inhalt vor rechter Kolumne mit zusaetzlichen Informationen vor Suche vor Fußbereich mit Impressum

Artikelaktionen

Gelungene Einführung in die feministische Theorie

Eine Rezension von Dr. Kathrin Ruhl (Koblenz)

Hark, Sabine (Hg.): Dis/Kontinuitäten: Feministische Theorie. Opladen: Leske + Budrich, 2001.

Der von Sabine Hark herausgegebene Reader zielt darauf ab, Studierenden eine vertiefende Einführung in die Frauen- und Geschlechterforschung zu geben und sie zugleich zu einer kritischen wissenschaftlichen Praxis anzuregen. Der Band erörtert in vier verschiedenen Themenkomplexen zentrale Fragen feministischer Theorie und ordnet diesen Schlüsseltexte verschiedener Ansätze feministischer Forschung zu. Der Fokus liegt hierbei auf deutschen Theoretikerinnen, bezieht aber auch einschlägige Originaltexte internationaler WissenschaftlerInnen mit ein.


Der von der Soziologin Sabine Hark editierte Reader ist Teil der gelungenen Lehrbuchreihe zur sozialwissenschaftlichen Frauen- und Geschlechterforschung, die bislang drei Bände umfasst. Die Reihe wurde entwickelt, um Studierenden eine Einführung in diesen Forschungszweig zu geben. Anstelle eines für solche Einführungen typischen Lehrbuchcharakters weisen die Bände jedoch den eines Readers auf und wollen ihre LeserInnen durch die Präsentation kommentierter Originaltexte zu kritischer Reflexion ermutigen. Im Gegensatz zu den beiden vorangegangenen, die Textpassagen zu zentralen feministischen Positionen versammeln, enthält der dritte Band ungekürzte Originaltexte aus den Jahren 1976 bis 1998. Harks Textauswahl konzentriert sich auf die deutsche sozialwissenschaftliche Frauen- und Geschlechterforschung und bezieht punktuell einflussreiche und breit rezipierte US-amerikanische und französische Publikationen mit ein.

Im einleitenden Kapitel erläutert Hark konzise den Charakter und die Entwicklung der feministischen Theorie und weist darauf hin, dass diese ein heterogener Diskurs ist. Dennoch hält sie an der Verwendung des Begriffs im Singular fest, um zu verdeutlichen, dass in der feministischen Theorie diametrale Positionen und Dissonanzen zugegen sind. Dieser Ansatz verbirgt sich auch hinter der Wahl des Buchtitels, welcher zum Ausdruck bringt, dass sich feministische Theorie nicht nur in Abgrenzung zu dominanten wissenschaftlichen Diskursen entwickelt hat, sondern auch in selbstkritischer Reflexion der eigenen Positionen (vgl. S. 11). Hieraus lässt sich auch Harks Anspruch ableiten, Studierenden durch die von ihr getroffene Auswahl einen vertiefenden Einblick in das Feld der feministischen Theorie zu bieten und sie gleichzeitig zu einer kritischen wissenschaftlichen Praxis "der Historisierung von Problemen, Objekten und Denkwerkzeugen" (S. 14) anzuregen.

Entsprechend ist auch Harks Selektion der Originaltexte feministisch motiviert und erfolgt nach den Kriterien des "Anspruch[s] der Herrschaftsabsage" (S. 13) und der selbstkritischen Reflexion des eigenen Denkens. Zur weiteren Strukturierung bildet Hark thematische Komplexe durch eine synchrone Perspektive. Dabei greift sie drei zentrale feministische Fragestellungen auf und gibt im vierten Abschnitt Raum für eine kritische Auseinandersetzung mit der feministischen Wissenschaftsproduktion und der des male streams. Die vier Themenkomplexe bestehen aus wiederum vier Originaltexten, welche sich der jeweiligen Thematik aus divergierenden Perspektiven nähern. Eine kommentierende Einleitung zu Beginn eines jeden Themenkomplexes nimmt eine Einordnung der Fragestellung in den wissenschaftlichen Kontext vor und dient zudem der Verortung der Beiträge. Hier wählt Hark solche Texte aus, die Debatten in der feministischen Theorie auslösten oder beeinflussten und somit als "Schlüsseltexte" gelten können.

Der erste Themenkomplex fragt danach, wie Geschlecht als Zweigeschlechtlichkeit im Handeln hergestellt wird. Die ausgewählten Beiträge argumentieren feministisch-sozialkonstruktivistisch, verorten dabei jedoch die Konstruktionsprozesse auf unterschiedlichen Ebenen. Beispielsweise diskutieren Carol Hagemann-White und Regine Gildemeister soziale Mechanismen, während der Fokus von Gesa Lindemann und Barbara Duden der Körper ist (vgl. S. 21).

Die Frage nach Geschlecht als strukturierendem Moment der sozialen Ungleichheit und die Frage, wie es sich zu anderen Dimensionen sozialer Differenzierung verhält, rücken im zweiten Abschnitt in den Vordergrund. Die dort präsentierten Autorinnen nehmen in ihrer Argumentation eine gesellschaftstheoretische Position ein und identifizieren Geschlechterhierarchie als moderne Herrschaftsstruktur (vgl. S. 91). Ute Gerhard diskutiert aus rechtssoziologischer Perspektive Patriarchat als bürgerliche Herrschaftsform. Das Geschlechterverhältnis als sozialer Strukturzusammenhang rückt in dem Beitrag von Regina Becker-Schmidt in den Vordergrund. Petra Frerichs und Margareta Steinrücke plädieren für eine komplexe Analyse von Klassenstrukturierung und sozialer Ungleichheit zwischen den Geschlechtern und zwischen den Frauen verschiedener Klassen. Eine kritische Auseinandersetzung mit Geschlecht als Ursache für Ungleichheit erfolgt in dem Originaltext von Sedef Gümen. Sie spricht sich für eine differenzierte Betrachtung der Kategorie Geschlecht mit anderen hierarchisierenden Differenzierungen aus.

Der dritte Themenkomplex erörtert Dimensionen symbolisch-diskursiver Ordnungen von Geschlecht. In diesem Kontext diskutieren Karin Hausen und Claudia Honegger "Codierungen der Geschlechter" aus historisch-theoretischer Perspektive (S. 158). Judith Butler thematisiert die Performativität von Geschlecht in machttheoretischer Absicht. Bei Pierre Bourdieu steht die Frage im Zentrum, wie Androzentrismus zur dominierenden Ordnung des Geschlechterverhältnisses wurde.

Das Verhältnis von Feminismus und Wissenschaft wird im vierten und letzten Abschnitt beleuchtet. Hark betont in ihrem einleitenden Kommentar, dass es nicht nur darum geht, die Geschlechterfrage in der Wissenschaft zu implementieren, sondern auch darum, die Wissenschaftsfrage im Feminismus immer wieder aufs Neue zu stellen (vgl. S. 232). Evelyn Fox Keller diskutiert in ihrem Artikel die Spannung zwischen Politik und Wissenschaft, Gudrun-Axeli Knapp setzt sich hingegen kritisch mit der feministischen Wissenschaft auseinander. Der Fokus von Ulrike Hänsch liegt auf der Heteronormativität feministischer Theoriebildung, und Donna Haraway thematisiert die feministische Epistemologie.

Der von Hark editierte Reader feministischer Theorie ist ein lesenswerter Band, der nicht nur für Studierende geeignet ist, die sich einen Einblick in und Überblick über das Feld verschaffen möchten, sondern er bietet allen Interessierten einen gelungenen Querschnitt durch den heterogenen Diskurs feministischen Denkens. Hark leistet durch ihre differenzierte Auswahl der Schlüsseltexte zudem einen Beitrag zur Kanonisierung deutscher feministischer Theorie. Dieser Aspekt könnte und sollte auch Beachtung finden, weist er doch weit über den Anspruch hinaus, den sowohl Hark als auch die Herausgeberinnen der Reihe an diese Einführung haben.


Hark, Sabine (Hg.): Dis/Kontinuitäten: Feministische Theorie. Opladen: Leske + Budrich, 2001 (Schriftenreihe Lehrbuch zur sozialwissenschaftlichen Frauen- und Geschlechterforschung, Bd.3). 298 S., kartoniert, €15,50., ISBN 3-8100-2897-5


Inhaltsverzeichnis

Editorial. Einführung in die sozialwissenschaftliche Frauen- und Geschlechterforschung

Dis/Kontinuitäten: Feministische Theorie. Einleitung

Komplex I
Soziale Konstruktion: Wie Geschlecht gemacht wird
Kommentar (Paul-Irene Villa)
Carol Hagemann-White: Wir werden nicht zweigeschlechtlich geboren
Barbara Duden: Geschichte unter der Haut
Regine Gildemeister: Die soziale Konstruktion von Geschlechtlichkeit
Gesa Lindemann: Zeichentheoretische Überlegungen zum Verhältnis von Körper und Leib

Komplex II
Komplexe soziale Ungleichheiten: Geschlecht in Verhältnissen
Kommentar (Sabine Hark)
Ute Gerhard: "Bewegung" im Verhältnis der Geschlechter und Klassen und der Patriarchalismus der Moderne
Regina Becker-Schmidt: Geschlechterdifferenz - Geschlechterverhältnis: soziale Dimensionen des Begriffs "Geschlecht"
Petra Frerichs/Margareta Steinrücke: Klasse und Geschlecht. Anerkennungschancen von Frauen im System gesellschaftlicher Arbeitsteilung
Sedef Gümen: Das Soziale des Geschlechts. Frauenforschung und die Kategorie "Ethnizität"

Komplex III
Symbolisch-diskursive Ordnungen: Geschlecht und Repräsentation
Kommentar (Sabine Hark)
Karin Hausen: Die Polarisierung der "Geschlechtscharaktere". Eine Spiegelung der Dissoziation von Erwerbs- und Familienleben
Claudia Honegger: "Weiblichkeit als Kulturform". Zur Codierung der Geschlechter in der Moderne
Judith Butler: Phantasmatische Identifizierung und die Annahme des Geschlechts
Pierre Bourdieu: Männliche Herrschaft

Komplex IV
Kritisches Bündnis: Feminismus und Wissenschaft
Kommentar (Sabine Hark)
Evelyn Fox Keller: Feminismus und Wissenschaft
Gudrun-Axeli Knapp: Die vergessene Differenz
Ulrike Hänsch: Ein erotisches Verhältnis - Lesbische Perspektiven und feministische Theoriebildung
Donna Haraway: Situiertes Wissen. Die Wissenschaftsfrage im Feminismus und das Privileg einer patrialen Perspektive

© bei der Autorin und bei KULT_online