Benutzerspezifische Werkzeuge

Sektionen

Benutzerspezifische Werkzeuge

Information zum Seitenaufbau und Sprungmarken fuer Screenreader-Benutzer: Brotkrumen-Navigation | Direkt zur Navigation | vertikale linke Navigationsleiste | Website durchsuchen | Direkt zum Inhalt | vor rechter Kolumne mit zusaetzlichen Informationen | Aktionen/Tools: Drucken, Permanent Link, to the English version, zur deutschen Version | Fussbereich: Sitemap, Barrierefreiheit, Hilfe und Login fuer Redakteure

Artikelaktionen
  • Permanent Link

Was liest Du denn da? Buch – Medium – Wissen – im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit

Gottschlich Gardt etalEine Rezension von Evelyn Gottschlich

Gardt, Andreas; Mireille Schnyder und Jürgen Wolf (Hg.): Buchkultur und Wissensvermittlung in Mittelalter und Früher Neuzeit. Berlin/Boston: de Gruyter, 2011.

Im Übergang des Mittelalters zur Frühen Neuzeit verändern sich Materialität und Medialität des Wissensträgers Buches wesentlich. Aber hatte die Erfindung des Buchdrucks unmittelbare Auswirkungen auf das Medium 'Buch'? Erstaunlicherweise nicht. Welche Bedeutung und Funktionen haben also Manuskripte oder gedruckte Bücher im Wandel der Zeit? Was kann ein Buch alles sein? Zeichen, Experiment, Sammlungsobjekt, Wissenssammler, Digitalisat. Es kann popularisieren, vermitteln, verbergen. Im Sammelband Buchkultur und Wissensvermittlung in Mittelalter und Früher Neuzeit erfährt man anschaulich, wie unterschiedlich der Zugang zum Forschungsgegenstand Buch sein kann.


> English Abstract     > Inhaltsverzeichnis                                                                      
 

Bunt geht es zu in dem Sammelband, der zu Ehren des 60. Geburtstages der Mediävistin und Germanistin Claudia Brinker-von der Heyde entstand. Zwar beschäftigen sich die 19 Beiträge alle mit Buchkultur im Mittelalter und der Frühen Neuzeit, jedoch mit sehr verschiedenen Zuschnitten. Eher grob ist das Werk in drei Abschnitte unterteilt: Materialität und Medialität des Buches, Buch und Gesellschaft, Buchkultur und Ordnungen des Wissens. Möglich wäre auch eine Zusammenfassung in sprachwissenschaftliche Schriften,  historische Abhandlungen und Projektbeschreibungen gewesen.

Sehr grundlegend diskutiert Jürgen Wolf die materielle Buchkultur in seinem Beitrag (S. 3-21) über den Zusammenhang zwischen Buchhandschriften und Buchdrucken. Bis 1500 seien beide Medienformen als gleichwertig wahrgenommen worden, sie unterschieden sich weder im Preis noch in der Gestaltung. Drucke und handschriftliche Bücher entsprachen einander teilweise exakt, so dass sie kaum voneinander zu unterscheiden waren. Obwohl die Erfindung des Buchdrucks als revolutionär beschrieben wurde, habe sich vorerst nichts am Medium Buch geändert, sondern nur an der Zahl der Bücher. Nach Wolf gelang es dem zunehmend lesefähigen Bevölkerungsteil sich durch eigenes Abschreiben auch teurere Drucke anzueignen. Zudem seien im Gegenteil Druckabschriften für jene interessant gewesen, die es sich leisten konnten die Werke individuell zusammen zu stellen oder ausgestalten zu lassen.

Obwohl um 1500 nur noch 5 Prozent der Bücher Handschriften gewesen seien, fanden die Handschriften weiter ihre Räume: Kanzleien, Kontoren, Privates, Andachtsschriften und anderes mehr. Im Laufe der Frühen Neuzeit seien Handschriften mehr und mehr geschätzt worden, bis hin zum modernen Bibliothekswesen, wo sie von den Drucken fein säuberlich getrennt wurden. Bei Editionen werde immer auf die Manuskripte zurückgegriffen als die ursprünglichere Form. Die Intermedialität zwischen Druck und Handschrift sei jedoch viel zu wenig erforscht, um die Bedeutung der beiden Medien füreinander wirklich einschätzen zu können.

Den heutigen Umgang mit Drucken und Manuskripten des Mittelalters und der Frühen Neuzeit beleuchtet Maria Essinger in ihrem Beitrag (S. 55-67), in dem sie den Prozess der Digitalisierung tiefergehend vorstellt. "Das Verborgene sichtbar machen" sei das Ziel der virtuellen Präsentation. Essinger stellt die digitale Bibliotheca Palatina der Universität Heidelberg vor, die schon 2000 begonnen wurde und dazu führte, dass an der Universität Heidelberg ein Digitalisierungszentrum etabliert wurde. Ebenfalls präsentiert sie das 2009 gestartete Projekt der Klosterbibliothek Lorsch, welches virtuell den Bestand des 17. Jahrhunderts wieder zusammenführen möchte. Die Werke seien heute in über 70 Institutionen zu finden, die auf unterschiedliche Weise mit dem Projekt kooperierten. Durch die Digitalisierung seien die mittelalterlichen Handschriften schneller, leichter und tiefer für die Wissenschaftler zu erschließen. Zum Beispiel sei es möglich nach ikonographischen Elementen zu suchen, Handschriften von verschiedenen Einträgen nebeneinander zu betrachten oder die Metastruktur des Textes auf einen Blick zu erfassen.

Einen detaillierten Blick auf einen Text in einem mittelalterlichen Buch, in dem wiederum ein Buch der Dreh- und Angelpunkt einer Begegnung mit dem Eigenen und dem Fremden ist, bietet Mireille Schnyder (S. 203-213). In einem Bericht Jean de Joinvilles (1225-1317) wird der Kontakt zwischen dem Alten von dem Berge und König Ludwig IX. beschrieben. In dem Treffen der Gesandten des Alten mit dem christlichen König Ludwig IX. werde, so Schnyder, durch vielfältige Zeichen (direkte und indirekte Rede; Machtträume und –geschenke) die Machtpositionen ausgehandelt. Eine Umkehrung der Situation finde in dem Besuch eines Dominikaners statt, der selber im Auftrag König Ludwigs IX. zu dem Alten vom Berg reiste. Dabei stelle sich heraus, dass sich die Sekte des Alten gar nicht an Mohammed orientiere, sondern an dessen Onkel Ali. Dies führe dazu, dass sie erbitterte Gegner der Mohammedaner seien. Zudem finde der Dominikaner ein Buch im Schlafzimmer des Alten mit Schriften des Petrus. Was durch das Buch als etwas Eigenes, Gemeinsames zu erkennen sei, werde durch das der Entdeckung nachfolgende Gespräch wieder zunichte gemacht: der Alte vertrete eine christlich nicht hinnehmbare Interpretation der Schriften und ihrer Herkunft. "Das ungelesene, nicht ausgelegte Buch stiftet eine vermeintliche Gemeinschaft, die im Akt der sinnstiftenden Lektüre, der Exegese, sich auflöst." (S. 213) Schnyders Analyse ist sehr aufschlussreich im Hinblick auf die Intermedialität und die Bedeutungsebenen in historischen Quellen und lädt zum Weiterdenken ein.

Insgesamt ist der Sammelband sehr heterogen. Obwohl er im Einzelnen spannende und interessante Aufsätze bietet, fallen diese thematisch weit auseinander, ohne den Versuch sie zu verknüpfen. Das Vorwort ist lediglich ein Hinweis auf die Verdienste der Jubilarin. Das Werk hätte von einer starken übergreifenden Einleitung sehr profitiert. Der Band hat eigentlich kein gemeinsames Zielpublikum.  Als Wissenschaftler kann man sicher die einzelnen Beiträge für sich nutzen – wenn man sie denn findet. Teilweise sind die Titel sehr knapp und es ist kaum ersichtlich, welcher Inhalt sich dahinter verbirgt, zum Beispiel bei Schnyders "Das Kopfkissenbuch des Alten vom Berge". Neben dieser und anderen quellenbezogenen Studien vermutet man umgekehrt kaum eine rein theoretische Abhandlung wie "Das Buch als Zeichen" von Wilhelm Köller (S. 69-86). Die Qualität der Beiträge ist letztlich jedoch nicht zu beanstanden.

 

Gardt, Andreas; Mireille Schnyder und Jürgen Wolf (Hg.): Buchkultur und Wissensvermittlung in Mittelalter und Früher Neuzeit. Berlin/Boston: de Gruyter, 2011.
 324 S., gebunden, 99.95 Euro. ISBN: 978-3-11-026879-9


Inhaltsverzeichnis

 

Vorwort … IX

 

I. Materialität und Medialität des Buchs

 

JÜRGEN WOLF

Von geschriebenen Drucken und gedruckten Handschriften.

Irritierende Beobachtungen zur zeitgenössischen Wahrnehmung des Buchdrucks in der 2. Hälfte des 15. und des beginnenden 16. Jahrhunderts … 3

 

MARIE ISABELLE VOGEL

Sammlungsobjekte zwischen Bild und Buch.

Die Klebebände in der Fürstlich Waldeckschen Hofbibliothek in Arolsen … 23

 

GEORG-MICHAEL SCHULZ

Die älteren Brüder Schlegel und ihr Buch ohne Titel.

Eine buchgeschichtliche Kuriosität aus dem früheren 18. Jahrhundert … 41

 

MARIA EFFINGER

Das Verborgene sichtbar machen. Neue Vermittlungs- und Vernetzungsmöglichkeiten durch die Digitalisierung

mittelalterlicher Handschriften … 55

 

WILHELM KÖLLER

Das Buch als Zeichen … 69

 

NIKLAUS LARGIER

Das Buch als Experiment.

Georges Bataille liest Angela von Foligno … 87

 

ALOIS M. HAAS

"In angello cum libello…".

Kleine Metaphysik des Buches … 99

 

II. Buch und Gesellschaft

 

HEIDY GRECO-KAUFMANN

"Obseruiert vnd durchgegründet".

Renward Cysat (1545-1614) als Sammler und Vermittler von Wissen … 119

 

CRISTINA FOSSALUZZA

Francesco Andreinis Capitan Schröck in der Fürstenbibliothek Arolsen.

Eine neue Quelle zum europäischen Kulturtransfer in der Hofgesellschaft und zur Rezeption der Commedia dell’arte in Deutschland. … 131

 

RENATE DÜRR

Wissenspopularisierung in der Aufklärung.

Das Kasseler Kunsthaus im Blickpunkt von "Liebhabern und Reisenden", 1769-1779 … 147

 

HARTMUT BROSZINSKI

"... ein ganz artiges Stück".

Waldecker Fürsten als Mäzene der Universitätsbibliothek Göttingen … 163

 

III. Buchkultur und Ordnungen des Wissens

 

SUSANNE SCHUL

frouwen-Wissen – herren-Wissen? ‚Geschlecht‘ als Kategorie des Wissens in mittelhochdeutschen Narrationen … 183

 

MIREILLE SCHNYDER

Das Kopfkissenbuch des Alten vom Berge … 203

 

PETER SEIBERT

"Die Welt im Buch" – aber welche Welt?

Anmerkungen zu Schedels Weltchronik … 215

 

JÖRN MÜNKNER

Der Wille zur Ordnung:

Albrecht Dürers Befestigungslehre (1527) als Sachbuch und herrschaftspragmatisches Pamphlet … 231

 

MICHAEL MECKLENBURG

"Dann es ist nit der gelerten bůch":

Wissen, Buch und Erfahrung bei Jörg Wickram … 245

 

THOMAS STRÄSSLE

Poetologien der Mischung.

Textmodelle im Barock … 261

 

ANDREAS GARDT

Wissensformationen.

Zur Theorie und Praxis sprachwissenschaftlichen Arbeitens in der Frühen Neuzeit … 275

 

ANDREA LINNEBACH

In den "Sümpfen der Hypothesen" – Wissensvermittlung auf Irrwegen:

die Prillwitzer Idole und die landesarchäologische Forschung in der Aufklärungszeit … 293

 

 

What's this you're reading? Book - Media - Knowledge - during Middle Ages and Early Modern Times

The materiality and mediality of books as knowledge carriers changed fundamentally at the passage from Middle Ages to Early Modern Times. But did the invention of book printing immediately alter the media 'book'? Surprisingly not. Which meaning and function, then, do manuscripts or printed books have over the course of time? A book could be…what? A sign, an experiment, a collector's item, a knowledge collector, a digital copy. It can popularize, convey, obscure. The anthology Buchkultur und Wissensvermittlung in Mittelalter und Früher Neuzeit shows clearly many different approaches to the research topic 'book'.



© bei der Autorin und bei KULT_online