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Was ist heute „ethno“ in der Ethnologie?

fernandez BierschenkEine Rezension von Johanna Fernández Castro

Bierschenk, Thomas; Matthias Krings und Carola Lentz (Hg.): Ethnologie im 21. Jahrhundert. Berlin: Reimer, 2013.

Im Sammelband Ethnologie im 21. Jahrhundert liefern die Herausgeber Thomas Bierschenk, Matthias Krings und Carola Lentz einen Einblick in die gegenwärtige deutsche Ethnologie. Dreizehn Beiträge von Ethnologen, Soziologen, Politikwissenschaftlern und Sozial- sowie Kulturanthropologen thematisieren die institutionelle Entwicklung der Disziplin; zudem gehen sie auf den Wandel der epistemischen Praktiken und die neuen Bedingungen für Feldforschung bzw. ethnologische Methodendiskurse ein. Sie benennen Selbstreflexion und Selbstkritik als Schlüsselstrategien, um die gegenwärtige Situation der deutschen Ethnologie und ihre Zukunftsperspektiven zu analysieren. Der Sammelband bietet eine Kombination aus theoretischer Reflexion und Praxisanalyse, die den Autoren sehr gut gelingt.
  


> English Abstract     > Inhaltsverzeichnis             

 

Der Verlust ihres Forschungsobjekts, der so genannten „primitiven“ Ethnien, und die Anwendung einst rein ethnologischer Methoden in anderen Disziplinen (z.B. die teilnehmende Beobachtung und die Ethnografie in der Soziologie) läuten in der deutschen Ethnologie eine Neukonzipierungsphase ein. Zur Frage Was ist ethno an der deutschsprachigen Ethnologie der Gegenwart? bietet dieser Sammelband verschiedene Antworten, die sich insbesondere mit der Selbstreflexion über das Fremde, der Repräsentation, der Interdisziplinarität und der Rolle der Institutionen (Universität, Museum) auseinander setzen; allesamt Aspekte, die heutzutage als Markenzeichen wie auch als Schwächen der Ethnologie betrachtet werden können.

Der Band ist das Resultat einer Vorlesungsreihe des Instituts für Ethnologie und Afrikastudien, die seit dem Wintersemester 2011/12 an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz stattgefunden hat. In insgesamt dreizehn Beiträgen reflektieren Ethnologen, Soziologen, Politikwissenschaftler, Sozial- und Kulturanthropologen tiefgründig über gemeinsame Fragen und Sorgen mit Blick auf die Zukunft der Disziplin.

Zwar bietet das Inhaltsverzeichnis keine klare und übersichtliche Darstellung der thematischen Struktur des Sammelbandes, der Leser kann die unterschiedlichen Hauptthemen (institutionelle Entwicklung, Wandel der epistemischen Praktiken, Feldforschung und Methoden) und gemeinsamen Eigenschaften der Beiträge jedoch in der Einleitung entdecken, die die vielen inhaltlichen Überschneidungen des Bandes rechtfertigen.

Von besonderer Bedeutung in der Diskussion über die institutionelle Entwicklung der Disziplin ist Larissa Försters Verortung der Ethnologie außerhalb der akademischen Institutionen. Sie thematisiert die Debatte über das Museum als Ort der Repräsentation fremder Kulturen und die umstrittene Rückführung von ethnografischen Gegenständen. Forster schließt sich Mary Louise Pratts und James Cliffords Vorschlag an, das Museum als postkoloniale Kontaktzone neu zu definieren; sie fordert zudem eine „Neupositionierung der Museen, in der Sinn, Ziel, Aufgaben, Möglichkeiten und auch Publikum neu bestimmt“ (S.190) werden.

Beim Thema Wandel der epistemischen Praktiken scheinen die Autoren im Gegensatz zu ihren Kollegen aus den 1980er Jahren (S.16) eine Dekonstruktion von Begriffen und Methoden zu befürworten. Diese meines Erachtens notwendige Strategie ist nicht nur eine Antwort auf die Repräsentationskrise und Zukunftsperspektive in der Ethnologie, sondern ebenso auf den gegenwärtigen Modus der Wissensproduktion.

Bernhard Streck kritisiert den stets lebendigen Positivismus, der unter der Fassade der „Beweglichkeit und Offenheit“ (S.41) der Disziplin verborgen bliebe. Dabei plädiert er für einen „Perspektivenwechsel“ (S.38) und die Fähigkeit des Ethnologen, „unterschiedliche Sinndomänen zu begreifen und zu vergleichen, sie einzeln zu übersetzen, ohne sie gleichzuschalten“ (S.47). Carola Lentz ihrerseits bietet eine retrospektive Beschreibung der unterschiedlichen Konzeptionen von Kultur im ethnologischen Diskurs und schlägt dabei ein „post-essentialistisches, praxistheoretisches und prozessorientiertes Kulturverständnis“ (S.127) vor, das sowohl für die Ethnologie als auch für anderen Disziplinen von Vorteil sein kann. Besonders relevant hinsichtlich des Wandels epistemischer Praktiken ist Richard Rottenburgs Diskussionsbeitrag. Bei seiner kritischen Beschreibung der drei Gründungsmerkmale der deutschen Ethnologie – „Rehabilitationsethos, Binnenperspektive und naiven Realismus“ (S.57) – plädiert Rottenburg für eine „Ethnologie der Kritik“ (S.68ff), deren Schwerpunkt sich auf die „Emanzipation aus gesellschaftlichen Zwängen“ konzentriert. Mit seinem Beitrag weist Rottenburg auf die Hauptprobleme der Ethnologie hin und steigt auf dekonstruktivistische Weise in die Diskussion ein.

Die Beiträge über Feldforschung und Methoden präsentieren neue methodologische Forschungsstrategien. Besonders innovativ ist dabei Judith Schlehes „wechselseitige Übersetzung“, die vor allem eine Dezentrierung der Wissensproduktion fördert. Hier handelt es sich um die „transnationale und transkulturelle“ (S. 97) Zusammenarbeit von deutschen und indonesischen Studenten, die als eine Alternative zur umstrittenen multi-sited ethnography betrachtet werden kann. Karl-Heinz Kohl seinerseits zeigt sich angesichts der neuen Bedingungen ethnologischer Forschung skeptisch und geht in seinem Beitrag entsprechend auf die Relevanz des ethnographischen Archivs, sowohl für die deutschen Forscher als auch für zeitgenössischen, damals erforschten Indigenen ein. Diese provisorische Antwort auf die Frage nach dem Forschungsobjekt scheint im Hinblick auf das geringe Forschungsinteresse an ethnologischen Archivalien bzw. am Wert historischer Dokumente für ehemals erforschte Indigene angemessen zu sein. Dabei ist die Problematik der Übersetzung der Dokumente und der Zusammenarbeit mit internationalen Institutionen von großer Bedeutung.

Was ist nun heute tatsächlich „ethno“ in der Ethnologie? In den hier gesammelten deskriptiven und analytischen Beiträgen wirkt als „ethno“ vor allem die Notwendigkeit zur Selbstreflexion und Diskussion innerhalb der Ethnologie, wieauch interdisziplinär. Die Autoren begreifen Differenz, Heterogenität und begründete Selbstkritik als wertvolle Alternativen zur weiteren Diskussion einer anhaltenden Debatte. In der Suche nach einer absoluten und dauerhaften Lösung zu traditionellen Problemen der Ethnologie und ihrer Identität als Disziplin, ist ein immer stärker werdender anti-essentialistischer und anti-deterministischer Ansatz zu erkennen. Der Sammelband bietet daher eine gelungene Kombination aus theoretischer Reflexion und Praxisanalyse. Er offenbart bedeutende Diskussionen, die sowohl für Studierende und Forscher der Ethnologie, als auch für Vertreter anderer Disziplinen sehr empfehlenswert sind.

 

Bierschenk, Thomas; Matthias Krings und Carola Lentz (Hg.): Ethnologie im 21. Jahrhundert. Berlin: Reimer, 2013. 288 S., kartoniert, 24.95 Euro. ISBN: 978-3-496-02863-5 


Inhaltsverzeichnis

 

Thomas Bierschenk, Matthias Krings, Carola Lentz

Was ist ethno an der deutschsprachigen Ethnologie der Gegenwart? ... 7

 

Bernhard Streck

Das Auge des Ethnografen. Zur perspektivischen Besonderheit der Ethnologie ... 35

 

Richard Rottenburg

Ethnologie und Kritik ... 55

 

Thomas Bierschenk

Zidanes Kopfstoß − Kampf des roten Felsenhahns oder Männerfreundschaft?

Plädoyer für eine feldforschungsbasierte Ethnologie ... 77

 

Judith Schlehe

Wechselseitige Übersetzungen. Methodologische Neuerungen in transkulturellen Forschungskooperationen ... 97

 

Carola Lentz

Kultur. Ein ethnologisches Konzept zwischen Identitätsdiskursen und Wissenschaftspolitik ... 111

 

Karl-Heinz Kohl

Die Zukunft der Ethnologie liegt in ihrer Vergangenheit. Plädoyer für das ethnographische Archiv ... 131

 

Dieter Haller

Die bundesdeutsche Ethnologie (1949−1990). Tendenzen, Kontinuitäten und Brüche ... 147

 

Michael Bollig

Ethnologie in Deutschland heute. Strukturen, Studienbedingungen, Forschungsschwerpunkte ... 165

 

Larissa Förster

Öffentliche Kulturinstitution, internationale Forschungsstätte und postkoloniale Kontaktzone

Was ist ethno am ethnologischen Museum? ... 189

 

Gisela Welz

Europa. Ein Kontinent – zwei Ethnologien? ... 211

 

Stefan Hirschauer

Verstehen des Fremden, Exotisierung des Eigenen. Ethnologie und Soziologie als zwei Seiten einer Medaille ... 229

 

Klaus Schlichte

Was die Politikwissenschaft von der Ethnologie lernen kann ... 249

 

Matthias Krings

Interdisziplinarität und die Signatur der Ethnologie ... 265

 

Zu den Autoren ... 285

 

Looking for the "ethno" in the German anthropology

In the anthology Ethnologie im 21. Jahrhundert editors Thomas Bierschenk, Matthias Krings, and Carola Lentz provide an overview on contemporary German anthropology. Thirteen articles published by scholars from the fields of anthropology, sociology, cultural and social anthropology, and political science discuss the institutional development of the discipline, the change in epistemic practices and new conditions for fieldwork and methodological approaches.  Thereby they suggest self-reflection and self-criticism as key strategies for analysing the current status of German anthropology and its prospects.



© bei der Autorin und bei KULT_online