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Auflösung kultureller Ordnungsmuster: Zur Sinnentleerung im Werk Kafkas

carstensen neumann 2012Eine Rezension von Thorsten Carstensen

Neumann, Gerhard: Franz Kafka. Experte der Macht. München: Hanser, 2012.


In seinen zwischen 1990 und 2009 erschienenen Aufsätzen zeigt Gerhard Neumann, wie die Erzählungen Franz Kafkas die Rituale und Konventionen der bürgerlichen Gesellschaft und Kunst zitieren, um ihren traumatischen Untergrund zu entlarven und sie dann im Spiel der Dekonstruktion aufzulösen. Gesicherte Wahrheiten vermögen Texte wie „Der Verschollene“ und „In der Strafkolonie“ nicht zu etablieren. Umso dankbarer darf man sein, dass sich Neumanns Sammelband als unverrückbarer Wegweiser im Labyrinth der Kafka-Forschung erweist.



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Gerhard Neumann gehört nicht nur zu den profiliertesten Vertretern der Kafka-Forschung, sondern er versteht es auch wie kaum ein anderer seiner Zunft, dem Leser komplexe Gedankengänge ohne rhetorisches Allerlei anzubieten. Inhalt und Form ergänzen sich dabei aufs Schönste: Neumann präsentiert seine theoretisch avancierten Ausführungen in glasklarer Sprache; jener Hang zur Verrätselung, dem man gerade in der Kafka-Forschung häufig begegnet, ist Neumann fremd. Bei ihm findet man stattdessen stringente Ankündigungen und unprätentiös gegliederte Zusammenfassungen.

Von dieser Vorgehensweise profitieren auch die sieben zwischen 1990 und 2009 erschienenen Aufsätze, die der Band Franz Kafka: Experte der Macht versammelt. Die thematische Bandbreite des Buches ist beachtlich und reicht von den Tagebüchern über die großen Romane bis zu den späten Erzählungen; ein Kapitel beschäftigt sich gar mit den Zeichnungen des Autors. Stets kommen Neumanns Aufsätze aber auf eine Konstante zurück, die Kafkas Werk insgesamt kennzeichnet: die Weigerung, durch Abbildung und Erfindung von Welt Sinnhorizonte zu stiften.

Im Zentrum des Bandes steht die Bedeutung der Sprache – diese „zerreißende Spracherfahrung“ (S. 105) – für und in Kafkas Schreiben. Neumann sieht Kafka als „den Begründer einer Mikrologie der Macht“ (S. 14) – einer Macht, die nicht politischen Ursprungs ist, sondern aus dem sprachlichen Akt erwächst. Die Sprache ist bei Kafka zwar einerseits „Instrument der Disziplin“, sie ist andererseits aber auch „Organ der Freiheit“ (S. 31) – und als solches kann sie, durch das Spiel der Kunst, die Loslösung von sozialen und natürlichen Zwängen ermöglichen (S. 105). Das Schreiben wird hier zum Akt des Widerstands, mit dem sich Kafka aus der Opferrolle befreit und sich gegen die unendliche Wiederholung der traumatischen Ur-Situation zur Wehr setzt: jenen im Brief an den Vater erinnerten „Vorfall aus den ersten Jahren“, als das weinende Kind vom Vater auf den Balkon gesperrt wird.

Neumanns Analysen der Erzählungen und Romane Kafkas liegt die aus Freuds Fetisch-Theorie entwickelte These zugrunde, dass die Sozialisation des modernen Subjekts durch den Umgang mit nicht eindeutig zu entschlüsselnden Zeichen markiert (S. 87) wird. Beispielhaft führt Neumann diese Ambiguität der Zeichen, die er als „Signatur der Moderne“ (S. 99) begreift, in seiner sorgfältigen Lektüre von Kafkas Heizer-Novelle und deren Funktion im Roman Der Verschollene vor. Im Zentrum steht dabei der alte Familienkoffer, den der Protagonist Karl Roßmann mit nach Amerika nimmt und den er während der Schiffsreise eifersüchtig bewacht, nur um ihn dann bei seiner Ankunft in New York sogleich aus den Augen zu verlieren. Im Laufe der Geschichte wird der Inhalt dieses Koffers, den Karl von einem Vertrauten seines Onkels zurückerhält, zum ambivalenten Zeichen seiner Herkunft, zum Fetisch, an dem Kafka sein „Spiel von Anerkennung und Verleugnung der Ursprungs-Geschichte“ (S. 91) praktiziert. Der Koffer lenkt den Blick des Lesers auf den traumatischen Untergrund eines Erzählens, das den Wunsch nach Offenbarung des Sündenfalls immer wieder abbremst; eines Erzählens, in dem einerseits die problematische Welterfahrung des Protagonisten zum Ausdruck kommt, das andererseits aber auch als metanarratives Spiel zu verstehen ist. Die Verführung Karls durch die Köchin Johanna darf nicht zur Sprache kommen und bricht sich, in „Deckerzählungen“ (S. 95), die von dem Trauma ablenken sollen, doch immer wieder Bahn.

Dass Kafkas Romane durchaus in der Tradition des deutschen Bildungsromans stehen, zeigt Neumann an anderer Stelle nicht nur in seiner Analyse des Schloß-Romans als einer verhinderten Bildungsgeschichte, sondern auch in dem Kapitel über das Proceß-Fragment. Allerdings betrachte Kafka seine Figuren mit einem bösen Blick, der aus der Ambivalenz seiner eigenen Existenz stamme – einer Existenz schließlich, in der sich die Sehnsucht nach dem bürgerlichen Durchschnitt mit einer absoluten Konzentration auf die Literatur verbinde (vgl. S. 103 sowie 7-11). Letztlich komme es bei Kafka zur Revokation der drei wesentlichen Modelle der Wahrnehmung und Ich-Situierung, die der Bildungsroman des 19. Jahrhunderts in Szene setze: die Stiftung von Sinn im Zeichen von Gerechtigkeit; die Beglaubigung von Wahrheit im Akt der Wahrnehmung durch das Subjekt; und das Erzählen von Lebensgeschichten. Bei Kafka, das führt Neumann anschaulich vor, wird Gerechtigkeit durch Disziplin, Wahrheit durch defätistische Hermeneutik und das heilsame Erzählen durch die Usurpation der Redeinstanz ersetzt (vgl. S. 106f.).

Als Abbreviatur eines Bildungsromans ließe sich auch Ein Bericht für eine Akademie lesen, doch Neumann lenkt die Aufmerksamkeit auf Fragen nach dem Ursprung der Kultur, die diesem Text eingeschrieben sind. So zeigt er, wie der Affe Rotpeter die Ursprungsgeschichte des Menschen rekonstruiert und dabei die beiden Ordnungsmuster der europäischen Kultur – das Schema der Heilsgeschichte einerseits und die Koordinaten der Naturgeschichte andererseits – widerruft. Auch in seiner Deutung des Bericht für eine Akademie kommt Neumann auf das unaufhörliche Gleiten der Zeichen bei Kafka zurück: Die Verwandlung des Affen Rotpeter in einen Menschen sei nämlich ein verschleppter Prozess – ein Vorgang, der zwischen Status und Metamorphose innehält. Eine zielgerichtete Dynamik wohnt dieser Verwandlung nicht inne: „Der Verwandlungsschock, wie Kafkas Text ihn versteht, ist das emergente Ereignis der unaufhebbaren Fremdheitserfahrung von Individualität: der eigenen wie der des Anderen.“ (S. 192)

Im abschließenden Kapitel legt Neumann dar, wie Kafkas Figuren zu Ethnologen ihrer eigenen Kultur werden und dabei deren grundlegende Ordnungsmuster dekonstruieren. Im Anschluss an eine Analyse des Rituals als einer körperlichen Form der Sinnstiftung beleuchtet Neumann jene „Zusammenhänge von Naturkörper und sozialer Ordnung“ (S. 199), vor deren Hintergrund Kafkas Schreiben zu verstehen sei. Organisiert durch einen „ethnographischen Blick“ (S. 201), setzen Erzählungen wie Beim Bau der chinesischen Mauer und In der Strafkolonie zum einen Begegnungen zwischen eigener und fremder Kultur in Szene; zum anderen spielen sie eine wissenschaftliche Entzifferung und Bewertung fremder, rätselhafter Rituale durch. Auf diesem Wege gelangen die Texte zu einem Aspekt, den Neumann als einen wesentlichen Kern von Kafkas Schreiben ausmacht: die Frage nach der Funktion der Ritualisierung von Schmerz im Prozess der Kultur. Dabei inszenieren Kafkas Texte zwar die Rituale, die den Zusammenhang der Dinge in der Kultur beglaubigen sollen. Sie führen jedoch gleichzeitig die radikale Sinnentleerung dieser Rituale vor Augen.

Zur Verknüpfung des scheiternden Rituals mit der Frage nach der Funktion von Kunst kommt es laut Neumann schließlich in der Novelle Ein Hungerkünstler. Dort begründet der Protagonist sein bis zur Selbstauflösung fortgesetztes Ritual des „Schauhungerns“ damit, dass er keine Speise habe finden können, die ihm schmecke. Diesen Akt der Auflehnung gegen die Vorstellung von Kultur als einem Begehren von Welt deutet Neumann als Etablierung einer „akulturelle[n] Ästhetik“ (S. 214) – einer Kunst, die nicht mehr erfinden will, sondern Rituale verfremdet und dabei an ihrer eigenen Auslöschung arbeitet.

Gerade der Aufsatz über Kafkas Ethnologen besticht durch jene Strategie der doppelten Optik, die für Gerhard Neumanns Re-Lektüren typisch ist. Auf exemplarische Art und Weise spannen seine Essays den Bogen vom Besonderen zum Allgemeinen. Mag der Blick des Interpreten vorrangig auf das Spezifische des jeweiligen Textes gerichtet sein, so verliert er dabei den übergeordneten Werk- und Lebenszusammenhang doch nie aus den Augen. Im Labyrinth, zu dem die Kafka-Forschung sich in den letzten Jahrzehnten ausgewachsen hat, wirkt Neumanns Buch wie ein unverrückbarer Orientierungspfeiler.

 


Neumann, Gerhard: Franz Kafka. Experte der Macht. München: Hanser, 2012. 240 S. mit Abbildungen, flexibler Einband, 19.90 Euro. ISBN: 978-3-446-23873-2


Inhaltsverzeichnis

 

Einleitung ... 7

 

Zeichen

Erstes Kapitel: „Was hast Du mit dem Geschenk des Geschlechtes getan?“ Franz Kafkas Tagebücher als Lebens-Werk ... 27

Zweites Kapitel: Überschreibung und Überzeichnung. Franz Kafkas Poetologie auf der Grenze zwischen Schrift und Bild ... 55

 

Kafkas Leben-Schreiben: die Romane

Drittes Kapitel: Fetisch und Narrativität. Kafkas Bildungsroman Der Verschollene ... 79

Viertes Kapitel: ‚Blinde Parabel’ oder Bildungsroman? Zur Struktur von Franz Kafkas Proceß-Fragment ... 101

Fünftes Kapitel: Kafkas Schloß-Roman: Das parasitäre Spiel der Zeichen ... 137

 

Rituale

Sechstes Kapitel: Ein Bericht für eine Akademie. Kafkas Theorie vom Ursprung der Kultur ... 171

Siebtes Kapitel: Kafka als Ethnologe ... 195

 

Anmerkungen ... 219

 

 

The Dissolution of Cultural Metanarratives: Power and Meaning in Franz Kafka's Prose

 Gerhard Neumann’s most recent book on the writings of Franz Kafka examines the complex constellation of power, language, and identity. According to Neumann, Kafka’s texts quote the rituals of 19th-century society and art only to deconstruct them and thus reveal their traumatic underpinnings. While Kafka’s stories reject any claim to truthfulness, Neumann’s volume, comprising essays originally published between 1990 and 2009, will undoubtedly serve as an immovable signpost in the labyrinth that the field of Kafka studies has become.



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