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Figur oder Diagramm? André Reicherts Versuche zur Materialität bewegten Denkens

goppelroeder reichertEine Rezension von Fabian Goppelsröder

 

Reichert, André: Diagrammatik des Denkens. Descartes und Deleuze. Bielefeld: transcript 2013.


In seiner Arbeit „Diagrammatik des Denkens. Descartes und Deleuze” entwickelt André Reichert eine Vorstellung des Denkens als sich temporär verfestigender Bewegung. Nicht Signifikant und Signifikat, sondern Denkfigur und Denkdiagramm konfigurieren die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten eines bestimmten Denksystems. Am Beispiel der scheinbaren Antagonisten René Descartes und Gilles Deleuze zeigt Reichert, wie diese Perspektive neue Aspekte der jeweiligen Philosophien freilegen kann.


> English Abstract     > Inhaltsverzeichnis                   
   
 

Seit einiger Zeit ist der Begriff der Diagrammatik in der philosophischen und kulturwissenschaftlichen Diskussion angekommen. Längst nicht mehr auf den Phänomenbereich grafischer Repräsentation abstrakter Daten beschränkt ist das Diagramm Vehikel visuellen bzw. sinnlichen Denkens geworden; es tritt als Medium von Wissen ins Zentrum des Interesses. Christoph Ernst und Matthias Bauer konturieren in ihrer 2010 erschienenen Einführung Diagrammatik als „kultur- und medienwissenschaftliches Forschungsfeld“, in dem im Anschluss an Charles Sanders Peirce gerade die Hybridität von Bild und Sprache neue Möglichkeiten erschließt, Kants Frage nach der Vermittlung von Anschauung und Begriff zu diskutieren.

 

Gegen den Versuch einer solchen großen Erzählung grenzt sich der Berliner Philosoph André Reichert in seiner 2013 erschienenen Dissertation „Diagrammatik des Denkens. Descartes und Deleuze“ schon auf den ersten Seiten explizit ab. Reichert will sich weder dem Peirce’schen Ähnlichkeitsdenken verpflichtet wissen, noch sich auf das Problem der Schematisierung der Einbildungskraft beschränken. Er sieht eine in systematischer Hinsicht bisher vernachlässigte französische Tradition, zu deren „Hauptakteuren Gilles Deleuze, Michel Foucault, Michel Serres, François Chatelet und Andere“ (S. 9) zählen. An sie anschließend soll ein Diagrammbegriff entwickelt werden, der, anstatt auf statische Übersichtlichkeit zu setzen, zum Prozess fortlaufender Differenzierung und Variation führt.

 

Das Diagramm wäre somit weniger Abbildung bzw. Konstellierung von Wissensdaten als eine Art strukturierende Struktur, in der sich dynamische Kräfteverhältnisse als das Kreativzentrum menschlichen Denkens spiegeln. Diese ließen sich nicht auf fixe Argumente und Schlussmuster reduzieren, sondern seien als temporäre Verfestigung einer vorbegrifflichen Bewegung zu verstehen. Weniger ein Netz aus Bedeutungsrelationen zeige sich so, als eine durch einübende Wiederholung gestalthaft gewordene Kinesis.  

 

All das führt Reichert gleich zu Beginn seines Buches mit der Selbstverständlichkeit eines an Deleuze geschulten und mit den Filiationen der Diagrammatik-Debatte vertrauten Autors ein, sodass der grundsätzliche Perspektivwechsel seines Ansatzes fast ein wenig zu kurz kommt. Denn so sehr die philosophische Entdeckung des Diagrammatischen auch eine Abkehr von einseitig abstrakten Denkmodellen bedeutet, so war die mit dem Diagramm verbundene Sinnlichkeit des Denkens doch immer zunächst an die Materialität des Artefakts gebunden. Reichert löst diese einfache Materialität des Gegenstandes auf. Sein Diagrammbegriff beschreibt einen Materialismus „der materialen Bewegungen des Denkens.“ (S. 11).

 

Die angeblich objektive Wissensformation, wie sie uns das Diagramm üblicherweise zu geben scheint, ersetzt Reichert durch die Trias von Denkfigur, Denkdiagramm und Wissensdiagramm, in welcher er Stufen der sich allmählich verfestigenden Denkbewegungen zu fassen sucht. Die auf dieser Trias fußende „Diagrammatik des Denkens“ ist damit keine statische Kartographierung eines durch Thesen, Gegenthesen, Argumente und Schlüsse besetzten Denkraums. Sie ist der Versuch, das Diagramm nicht als Vermessung, sondern als Eröffnung gedanklicher Welten zu verstehen.

 

Dass die Kapitel zur Affektion, Konzeption und Perzeption zwischen Denkbewegung und Diagramm an manchen Stellen etwas apodiktisch wirken, an anderen auch miteinander konfligieren, ist nicht überraschend. Die Dynamik des Denkens in die einer akademischen Qualifikationsarbeit genügende Systematik zu bringen, ist keine kleine Herausforderung. Wichtiger als diese Schwächen sind die gelungenen Pointierungen und präzisen Überlegungen zur jede lineare Einsinnigkeit sprengenden lateralen Komplexität philosophischer Texte.

Den „Textkörper“ (S. 21) ernst zu nehmen, anstatt ihn auf einzelne wirkmächtig gewordene Thesen zu reduzieren; seine Vielschichtigkeit und eben nicht zuletzt auch seine Kontingenz als Folge eines ihn treibenden „dynamische[n] Metaschematismus“ zu verstehen (S. 50); seiner inneren Dynamik nachzuspüren, nicht einfach nur historisch oder wissenssoziologisch äußere Denkzwänge (Ludwik Fleck) und habituale Prägungen (Pierre Bourdieu) zu analysieren – hierin liegt durchaus eine wichtige und interessante Konsequenz von Reicherts Überlegungen. Entgegen einem ‚diagrammatic reasoning’, welches auf Formalisierung von Denkoperationen zielt, wird Diagrammatik als Verfahren verstanden, das die Körperlichkeit des Denkens sowie die Körperlichkeit von Texten als konstitutiven Teil geistiger Tätigkeit zu fassen bzw. zu beschreiben sucht. Weil diese Körperlichkeit aber in den sie implizit strukturierenden Bewegungen von Texten angesiedelt ist, stehen bei Reichert auch nicht einfach Gegenständlichkeiten wie eingebaute Graphiken oder Schriftbildlichkeit im Zentrum des Interesses. Seine Diagrammatik soll ein bewusstes Zer-lesen (dia-grammatik) von Texten auf ihre vorbegrifflichen Voraussetzungen hin sein.

Mit der ausführlichen Besprechung des cartesianischen und des deleuzianischen Denkdiagramms wagt Reichert eine Art Durchführung seiner theoretischen Vorüberlegungen.

 

Und doch bleibt die Frage, ob Reicherts Text im eigentlichen Sinne überhaupt von der Diagrammatik des Denkens handelt. Der erste Schritt in Richtung eines gestalthaft geordneten Denkens ist schließlich nicht das Diagramm, sondern die Figur.  

Reichert selbst beruft sich an entscheidender Stelle auf Jean-François Lyotard, der in seinem wichtigen, bisher nicht übersetzten Werk „Discours, Figure“ einen ersten Entwurf der „figure de la pensee“ gemacht hat. Bevor Texte zu Bedeutungsträgern versteinert werden sind sie schlicht als Bewegung in der Fläche zu verstehen. Die dechiffrierende Lektüre zeichnet eine Vergessenheit dieser dynamischen, noch nicht fixierten Dimension des Denkens. Mit der „figure de la pensee“, der Denkfigur, versucht Lyotard diese vorbegriffliche Bewegung zu fassen. Reicherts ganze Studie zielt genau auf die Dynamik dieser ersten Formung. Die Figur ist ihm letztlich wichtiger als das Diagramm.

 

Reichert, André: Diagrammatik des Denkens. Descartes und Deleuze, Bielefeld: transcript, 2013 (Edition Moderne Postmoderne). 278 S., broschiert, 32.80 Euro. ISBN: 978-3837624540


Inhaltsverzeichnis

 

Danksagung ... 7
Einleitung. Oder: Wie anfangen? ... 9


I. Was kann ein Denkdiagramm?
Vom Diagramm zur Diagrammatik ... 21
I.1 Affektion. Was kann eine Denkfigur? ... 34
I.2 Konzeption. Was kann ein Diagramm? ... 37
I.3 Perzeption. Denkbewegung und Diagramm ... 61
I.4 Vom Denkdiagramm zur Diagrammatik ... 67


II. Das Projekt des Anfangs in der neuzeitlichen Philosophie:
Descartes’ Denkdiagramm ... 73

II.1 Der Vater der modernen Philosophie.
Was heißt anfangen? ... 73
II.2 Die wissenschaftliche Methode.
Denkbewegung und Erzählung ... 84
II.3 Metaphysik. Die Denkfiguren Descartes’ ... 93
II.4 Affektion, Konzeption und Perzeption.
Das Denkdiagramm Descartes’ ... 109


III. Deleuze. Vom Bild des Denkens
zu den Denkdiagrammen ... 155
III.1 Vom Bild des Denkens zur Idee ... 156
III.2 Denkdiagramm I:
Spinoza – Vom Virtuellen zum Aktuellen ... 177
III.3 Denkdiagramm II:
Leibniz – Vom Aktuellen zum Virtuellen ... 201
III.4 Diagrammatik als Präphilosophie ... 226
Konklusion. Oder: Wie schließen? ... 247


Literatur ... 259

Abbildungen

 

André Reicherts attempts on the materiality of 'thinking' in flow and motion

In his study „Diagrammatik des Denkens. Descartes und Deleuze” André Reichert develops an understanding of ‚thinking’ as flow and motion just temporarily consolidating in the ‚Gestalt’ of a specific system of thought. Instead of signifier and signified ‚Denkfigur’ (figure of thought) and ‚Denkdiagramm’ (diagram of thought) configure its possibilities and impossibilities. Using the example of René Descartes and Gilles Deleuze Reichert shows how this perspective can unveil new aspects of seemingly well-known philosophies.

 


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