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Anrufung - Umwendung – Kritik? Perspektiven der Geistes- und Sozialwissenschaften auf Techniken der Subjektivierung

teupen alkemeyer etalEine Rezension von Sonja Teupen


Gelhard, Andreas; Thomas Alkemeyer und Norbert Ricken (Hg.): Techniken der Subjektivierung. München: Wilhelm Fink, 2013.

 

Subjektivierung wird in diesem Band konzeptualisiert als Prozess der Selbstbildung und Selbstformung im Zusammenspiel von Selbst und Anderem. Diese Prozesse im Hinblick auf die Techniken zu untersuchen, die zu ihrer Genese beitragen, soll einen konkreten Ansatzpunkt für empirische Studien ermöglichen. Mithin verspricht der Band Antworten auf jene Fragen, die in der Auseinandersetzung mit Theorien der Subjektivierung unweigerlich auftreten.

 

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Andreas Gelhard, Thomas Alkemeyer und Norbert Ricken bringen in dem 2013 erschienenen Sammelband Perspektiven sozial- und geisteswissenschaftlicher Disziplinen auf Techniken der Subjektivierung zusammen. Die Beiträge basieren auf zwei Tagungen, die 2011 und 2012 in Oldenburg bzw. Darmstadt stattgefunden haben. Der Band ist in drei thematische Blöcke gegliedert: Die 'Arbeit am Begriff' dient grundsätzlichen Überlegungen und entwirft konzeptionelle Rahmen, auf die sich die weiteren Beiträge beziehen. 'Urteilen, Prüfen, Erziehen' entfaltet bildungswissenschaftliche und psychologische Perspektiven. 'Körper, Dinge, Räume' geht auf materielle sowie räumliche Aspekte der Subjektivierung ein.

 

Im ersten Beitrag fasst Martin Saar die subjektivierungstheoretischen Ansätze Althussers, Foucaults und Butlers in neun thesenförmige Prämissen, die in methodologischer Hinsicht das Erforschen von Subjektwerdungen ermöglichen sollen. Althussers Theorie der Ideologie rezipiert Saar etwa bezüglich der Prozesshaftigkeit der Subjektivierung und des Zusammenhangs des Subjekts mit der Macht. Entsprechend sei die Analytik der Subjektivierung als Macht- und Unterwerfungsanalyse mit Fokus auf die Institutionen und Praktiken sowie die Handlungsmacht des Subjekts zu konzipieren. Im Anschluss an Foucault konkretisiert Saar die Historizität von Subjekten und Subjektivierung und schlägt eine mehrdimensionale Genealogie unter Einbezug des praktischen Anteils des Subjekts an der eigenen Subjektivierung vor. Mit Butlers Theorie differenziert Saar schließlich den programmatischen Blick auf Subjektivierung weiter und integriert die Möglichkeit, Widerständigkeit zu denken. Subjektivierung sei sowohl als Performativität von Sprache, als auch als Materialisierung von Bedeutung zu untersuchen. Die subjektivierenden Normen seien auch auf ihre Wirkung im Psychischen hin zu betrachten und es sei gezielt nach den Ambivalenzen und Paradoxien der Subjektivierung zu suchen.

Aus Sicht einer praxeologischen Soziologie diskutiert Robert Schmidt Implikationen der drei Qualitäten sozialer Praktiken: Angesichts der Körpergebundenheit sozialer Praktiken richte sich der praxeologisch forschende Blick auf die Körperlichkeit von Subjektivierungen, etwa auf Prozesse des Trainierens, Modellierens und Präsentierens. Hinsichtlich der Materialität sozialer Praktiken sei zu analysieren, auf welche Weise Artefakte durch ihren Gebrauch subjektivierend wirkten und wie sich in historischer Perspektive Subjektformen in Relation zu Artefaktkonstellationen veränderten. Die Einsicht schließlich, dass das Mentale den Praktiken nicht gegenüberstehe, sondern Bestandteil dieser sei, ermögliche die  Analyse der geistigen und affektiven Aspekte von Subjektformen über den Weg der Praktiken.

Den Abschluss des theoretischen Blocks bilden terminologische Überlegungen zu den Dispositiven der Subjektivierung, die Andreas Gelhard mit einer Lektüre Foucaults anstellt. Foucaults begriffliche Unterscheidung zwischen Machtbeziehungen und Herrschaftsverhältnissen sei geeignet, der Ambiguität der Subjektivierung – als Ermöglichung eines freien Selbstverhältnisses sowie von Handlungsoptionen auf der einen bzw. als potenziell disziplinierend und kontrollierend auf der anderen Seite – gerecht zu werden. Diese Differenzierung erlaube eine deskriptive historische Analyse von Verhältnissen zwischen Selbst und Anderem, ohne die Möglichkeit der normativen Kritik zu verlieren.

 

Im zweiten Block stellt Käte Meyer-Drawe das Prüfen ins Zentrum ihrer Analyse pädagogischer Techniken der Subjektivierung. Individualisierung sei historisch mit der Forderung verbunden, sich selbst zu beobachten und beobachten zu lassen, das Beobachtete zu bekennen und registrieren zu lassen und im Sinne der Bildung an der eigenen Vervollkommnung zu arbeiten. Da die dem zugrunde liegende Macht jedoch auch Lust erzeuge, erscheine sie mitunter als Befreiung. Im Hinblick auf gegenwärtig wirksame pädagogische Normalisierungstechniken thematisiert Meyer-Drawe etwa die Rede vom lebenslangen Lernen, das Evaluieren, Akkreditieren und Ranken.

 

Im dritten Block reflektiert Petra Gehring in ihrer Analyse digitaler Techniken des Umgangs mit als 'gefährlich' definierten Individuen den Zusammenhang von Subjektivierung und sozialem Raum. Sie geht aus von der Beobachtung, dass zunehmend weniger die – beispielsweise pädagogische – Auseinandersetzung mit dem abweichenden Verhalten der Straffälligen, sondern vermehrt die Herstellung von Sicherheit im Vordergrund der Strafrechtspolitik stehe. Die technische Entwicklung dieser Sicherheitsproduktion beschreibt sie von der 'elektronischen Fußfessel', über die Herstellung öffentlicher Transparenz individueller Gefährlichkeit etwa über das Internet, bis hin zur (noch hypothetischen) permanenten Überwachung des sich bewegenden Körpers, wie sie bereits in den Feldern Alter und Behinderung diskutiert werde. Dies tangiere die Beschaffenheit des fraglos gemeinschaftlich verstandenen öffentlichen Raumes: Erstens finde ein individuelles Versehren der sozialräumlichen Seite der Körperlichkeit statt, zweitens würde durch die virtuelle Barriere der Grundsatz unterlaufen, dass in einer Demokratie Gefängnisse öffentlich sichtbar sind.

 

Nicht in jedem Beitrag wird deutlich, weshalb spezifisch von den Techniken der Subjektivierung zu sprechen sei. Tenor ist allerdings, dass die empirische Erkundung der Subjektivierung beide Seiten zu sehen hat: die der Anrufung und die der Umwendung. Wie letztere normativ zu bewerten sei, dazu vertreten die Beiträge sehr unterschiedliche Positionen. Damit erweist sich die Frage nach dem kritischen Interesse und Potenzial von Subjektivierungsanalysen als eine der spannendsten der künftigen Debatte. Hilfreich hierfür ist die weitgehende theoretische und terminologische Konsistenz des Bandes, die es ermöglicht, die Beiträge direkt ins Verhältnis zueinander zu setzen. So gelingt es den Herausgebern, den Begriff 'Subjektivierung' in einer bestimmten Weise zu besetzen; künftige Arbeiten werden sich darauf beziehen müssen.

 

Insgesamt ist der Band nur sehr bedingt als Einführung in das Konzept der Subjektivierungstechniken geeignet. Jedoch wird das implizite Versprechen, einen Beitrag zur empirischen Annäherung an Prozesse der Subjektivierung zu leisten, gleich auf zwei Weisen eingelöst: Erstens versammelt, kommentiert und integriert der Band zentrale theoretische Konzepte, mit denen jede Subjektivierungsanalyse umzugehen hat. Zweitens enthalten die Beiträge zahlreiche Vorschläge, wie eine konkrete Untersuchung vorgehen könnte. Empfehlenswert ist die Lektüre daher insbesondere als Orientierung der eigenen Subjektivierungsforschung.

 

Gelhard, Andreas; Thomas Alkemeyer und Norbert Ricken (Hg.): Techniken der Subjektivierung. München: Wilhelm Fink, 2013. 319 S., kartoniert, 39.90 Euro. ISBN: 978-3-7705-5484-3


 

Inhaltsverzeichnis

 

VORWORT … 9

 

ARBEIT AM BEGRIFF

MARTIN SAAR: Analytik der Subjektivierung. Umrisse eines Theorieprogramms … 17

NORBERT RICKEN: Zur Logik der Subjektivierung. Überlegungen an den Rändern eines Konzepts … 29

ULRICH BRÖCKLING: Anruf und Adresse … 49

JAN MÜLLER: ‚Anerkennen‘ und ‚Anrufen‘. Figuren der Subjektivierung … 61

JOSEF FRÜCHTL: Spiele der Moderne. Ein philosophischer Überblick … 79

ROBERT SCHMIDT: Zur Öffentlichkeit und Beobachtbarkeit von Praktiken der Subjektivierung … 93

ANDREAS GELHARD: Dispositive der Subjektivierung. Eine terminologische Notiz … 107

 

URTEILEN, PRÜFEN, ERZIEHEN

RUBEN HACKLER: Subjektivierung der Rechtsprechung? Vom forum internum zur (Sozial-)Psychologie des Richters im Straf- und Zivilrecht um 1900 … 133

FRIEDER VOGELMANN: Verantwortung als Subjektivierung. Zur Genealogie einer Selbstverständlichkeit … 149

KÄTE MEYER-DRAWE: Von ‚Hänschen klein‘ zum ‚kleinen Hans‘. Prüfen als Subjektivationstechnik … 163

ANDREAS KAMINSKI: Wie subjektivieren Prüfungstechniken? Subjektivität und Möglichkeit bei William Stern und Martin Heidegger …173

SABINE REH: Die Produktion von (Un-)Selbständigkeit in individualisierten Lernformen. Zur Analyse von schulischen Subjektivierungspraktiken … 189

 

KÖRPER, DINGE, RÄUME

NUMA MURARD: Individuum, Subjekt und somebody. Subjektivierung als Körpererfahrung … 203

THOMAS ALKEMEYER, MATTHIAS MICHAELER: Subjektivierung als (Aus-)Bildung körperlich-mentaler Mitspielkompetenz. Eine praxeologische Perspektive auf Trainingstechniken im Sportspiel … 213

KAI VAN EIKELS: Sich entbehrlich machen: Subjektivität und Arbeitsteilung … 229

STEFANIE DUTTWEILER: Vom Treppensteigen, Lippennachziehen und anderen alltäglichen Praktiken der Subjektivierung … 247

CHRISTIANE THOMPSON, BRITTA HOFFARTH: Was gehen uns die Dinge an? Ein Versuch über Materialität und Subjektivierung … 259

MARTIN KNÖLL: Kontextbezogene digitale Spiele als Kommunikationsmittel in der Gesundheitsvorsorge … 273

CLAUDIA GIROLA: Zwischen erlittener und konstruierter Liminalität. Der Subjektivierungsprozess von obdachlosen Menschen in Frankreich … 285

PETRA GEHRING: Eine Topo-Technologie der Gefährlichkeit. Digitale Einsperrtechniken und sozialer Raum … 299

 

Zu den Autorinnen und Autoren … 315

 

Interpellation - Answer - Critique? Perspectives of the Humanities and Social Sciences on Techniques of Subjectivation

In this volume, subjectivation is conceptualized as a process of self-constitution and self-formation within the interplay of the self and the other. Examining these processes with regard to the techniques that contribute to their genesis shall provide a concrete starting point for empirical studies. Thus, the volume promises to give answers to those questions inevitably appearing when dealing with theories of subjectivation.

 


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