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Bekannte Ideen – neue Perspektiven. Zu Debatten um Multikulturalismus und Integration

Eine Sammelrezension von Nadine Pippel


Heins, Volker M.: Der Skandal der Vielfalt. Geschichte und Konzepte des Multikulturalismus. Frankfurt/New York: Campus Verlag, 2013. 

 

Ezli, Özkan; Andreas Langenohl; Valentin Rauer und Claudia Marion Voigtmann (Hg.): Die Integrationsdebatte zwischen Assimilation und Diversität. Grenzziehungen in Theorie, Kunst und Gesellschaft. Bielefeld: transcript, 2013.

  

 

Die Studie Der Skandal der Vielfalt und der Sammelband Die Integrationsdebatte zwischen Assimilation und Diversität befassen sich mit zentralen Konzepten und Debatten rund um die Frage nach einem möglichen Umgang mit kulturellen Differenzen. So wie die Monographie sich fundiert der Entwicklung und Einordnung des Multikulturalismus widmet, liefert der Sammelband rund um den Integrationsdiskurs wertvolle Denkanstöße. Beide ergänzen sich hervorragend und bieten einen fundierten thematischen Überblick.

 

> English Abstract     > Inhaltsverzeichnis Skandal der Vielfalt                                        
 
  

Im Herbst 2013 sind zwei deutschsprachige Bücher erschienen, die aus sozialwissenschaftlicher und interdisziplinärer Perspektive die Diskursfelder rund um Multikulturalität und den Umgang mit „Anderen“ zu kartieren beanspruchen. Der Skandal der Vielfalt von Volker M. Heins sowie der von Özkan Ezli, Andreas Langenohl, Valentin Rauer und Claudia Marion Voigtmann herausgegebene Sammelband Die Integrationsdebatte zwischen Assimilation und Diversität leisten einen guten Beitrag zu Debatten, in denen die Begriffe ‚Multikulturalismus‘ und ‚Vielfalt‘, ‚Integration‘ und ‚Assimilation‘ manchmal deckungsgleich, häufig aber auch unterschiedlich verwendet werden. Die in beiden Büchern angelegten Schärfungen der Konzepte und Grenzziehungen zwischen den Begriffen waren längst überfällig und können dazu dienen, mehr Klarheit in gesellschaftspolitische Diskussionen rund um den Umgang mit den „Anderen“ zu bringen.

 

In Der Skandal der Vielfalt setzt sich Heins mit der Idee und Entwicklung des Multikulturalismus in der erst zwanzigjährigen Geschichte des Konzepts auseinander. In vier Abschnitten wirft er zunächst einen Blick auf die „Vorgeschichte des Multikulturalismus" und thematisiert Begegnungen bzw. Austauschbewegungen zwischen kulturell Fremden in der europäischen Aufklärungs-, der Exilliteratur des 20. Jahrhunderts sowie den Texten von Marcel Proust. Im weiteren Verlauf widmet er sich der Idee Multikulturalismus, darunter besonders der nach Charles Taylor, James Tully und Will Kymlicka, ; er geht auf den politischen Umgang und die gesellschaftlichen Kontroversen ein, die sich unter anderem in der Beschneidungsdebatte manifestiert haben, und erörtert schließlich die Zukunft des Umgangs mit kultureller Vielfalt in den europäischen Gesellschaften. Thesenartig skizziert Heins dies an den Rollen von Juden, Muslimen und Homosexuellen.

Multikulturalismus fasst Heins dabei auf zwei Weisen: Zum einen begreift er ihn als die meist unterschiedlich gefasste, aber im Wesentlichen liberale Perspektive „auf das Problem der wachsenden kulturellen Vielfalt von Individuen und Gruppen in modernen Gesellschaften“; zum anderen versteht er ihn als „politische Reformbewegung, die für eine bestimmte Form des Umgangs gesellschaftlicher Akteure und des Staates mit kulturellen Differenzen wirbt“ (S. 12). Zugleich warnt er davor, Multikulturalität und Einwanderung gleichzusetzen, da Vielfalt in modernen Gesellschaften Differenzen jeglicher Art und nicht allein die kulturellen oder „ethnischen“ Unterschiede umfasse.

Mit dem provokanten Titel Skandal der Vielfalt verweist Heins im Anschluss an Claude Lévi-Strauss auf Bewegungen der Abstoßung und Ausgrenzung, mit denen die europäischen Gesellschaften meist und besonders in der jüngeren Zeit auf kulturelle Abweichungen reagieren. Stringent verfolgt Heins dabei die These, dass die meisten Debatten zu multikulturellen Phänomenen oder die Auseinandersetzungen um Deutungshoheiten und Leitkulturen auf tiefer liegende Fragen von Identität, Differenz und Solidarität gründen. Sie alle sind in den europäischen Nationalstaaten und auch im vereinigten Europa bislang nicht gelöst worden.

Insgesamt gelingt es Heins überzeugend für die Fortführung einer multikulturalistischen Politik und Umgangsweise zu plädieren, die er entgegen öffentlicher Darstellung nicht als gescheitert betrachtet. Seine ideengeschichtliche Perspektive zur Schärfung verschiedener Multikulturalismus-Begriffe nutzt er dabei, um Multikulturalismus von der Vermutung des Naiven zu befreien, jedoch nicht ohne die grundsätzliche Frage nach dem Zweck desselben kritisch gestellt zu haben. Schließlich versucht er zu zeigen, dass ein revidierter Multikulturalismus möglich sein kann.

 

Einen anderen Schwerpunkt in der Betrachtung der gegenwärtigen multikulturellen Realität setzt der Sammelband Die Integrationsdebatte zwischen Assimilation und Diversität. Er geht auf eine Tagung an der Universität Konstanz zurück („Im Banne der Assimilation?“, Oktober 2009) und versucht aus verschiedenen Perspektiven das Thema der Integration zu umreißen bzw. die Vorstellung einer homogenisierenden Integration durch ein vielschichtiges Bild zu ersetzen.

In insgesamt drei thematischen Teilen mit jeweils vier Aufsätzen widmet sich der Band zunächst Theorien von Integration und weiteren verschiedenen Begrifflichkeiten im Integrationsdiskurs (Transnationalität, Dialog und Übersetzung). Im zweiten Teil wendet sich der Band den Schauplätzen, dem deutschen Rechtssystem und den filmischen Narrativen der letzten dreißig Jahre zu. Schließlich geht der Band im dritten Abschnitt auf die ästhetischen Diskurse ein, die er vor allem anhand künstlerischer Repräsentationen nachzeichnet: jüdische Assimilation im literarischen Diskurs in ihren Anfängen und heute, das Bild des „britischen Muslim“ seit dem 11. September oder die Kurzprosa von Jhumpa Lahiri und Junot Díaz.

In der Einleitung, die den drei thematischen Abschnitten vorangestellt ist, leisten die Herausgeber eine überfällige grundsätzliche Begriffsklärung. Sie ist deshalb so wichtig, weil sich an den Integrationsbegriffen kollektive Grenzdebatten von Gemeinschaften und Gesellschaften hinsichtlich ihrer Selbstverständigungsdiskurse ablesen lassen. Besonders hervorzuheben ist auch der erste theoretisch fundierende Teil des Bandes mit Andreas Langenohls Beitrag zur Schweizer Debatte um den Bau von Minaretten. Mit der Erklärung und Abgrenzung der Begriffe Integration, Assimilation und Diversität begründet dieser Abschnitt die Programmatik des gesamten Bandes, was durchaus schon in der Einleitung hätte verdeutlicht werden können.

Den Herausgebern gelingt aufgrund der Perspektivenvielfalt des Sammelbandes sowohl die Veranschaulichung der abstrakten Begriffe, als auch die Veranschaulichung der Schauplätze und Diskurse, durch die westliche Gesellschaften ihr Selbstverständnis, die eigenen Möglichkeiten und eigenen Grenzen herleiten. Sie zeigen dabei besonders auf, dass Prozesse der Integration nicht nur beschränkend wirken und Homogenisierungsprozesse anstoßen; zudem wie mit ihnen auch ein Möglichkeitsraum eröffnet wird, der sich in neuen Repräsentationen auszudrücken vermag.

 

Zusammenfassend ist festzustellen, dass vor allem Der Skandal der Vielfalt jenen fundierten und differenzierten Einblick in Geschichte und Konzepte des Multikulturalismus bietet, den Die Integrationsdebatte zwischen Assimilation und Diversität besonders aufgrund der Heterogenität der hier präsentierten Blicke auf das Integrationsthema manchmal vermissen lässt. Obgleich es manchen Beiträgen, wie etwa von Levent Tezcan zur Deutschen Islam-Konferenz oder von Cornelia Ruhe zur Literatur von Marie NDiaye, an gewisser Stringenz mangelt und zuweilen ein sorgfältigeres Lektorat wünschenswert gewesen wäre, bietet aber auch der Sammelband wertvolle Denkanstöße. Wo Heins den Multikulturalismus historisch beleuchtet und Debatten wie die Deutsche Islam-Konferenz anspricht, greift der Sammelband auf eben diese Debatten zurück und geht ins Detail. Gemeinsam ergänzen sich die Publikationen deshalb gut und bieten einen fundierten Überblick zum Gebiet von Vielfalt und Integration – für erfahrene und für neue Leser.  

 

Heins, Volker M.: Der Skandal der Vielfalt. Geschichte und Konzepte des Multikulturalismus. Frankfurt/New York: Campus Verlag, 2013. 205 S., kartoniert, 19.90 Euro. ISBN: 978-3593399690

 

Inhaltsverzeichnis

 

Danksagung … 7

Einleitung: „Multikulti“ – zwanzig Jahre später … 9

 

  1. Vor dem Multikulturalismus … 27

Montesquieus Perser … 27

Joseph in Ägypten und andere Geschichten … 333

Assimilation, Simulation und Identitätspanik … 37

Kulturkämpfe im europäischen Nationalstaat … 42

Das Management tiefer kultureller Differenzen … 53

 

 2. Theorie und Kritik … 59

Warum der Multikulturalismus aus Kanada kommt … 60

Authentizität statt Assimilation: Taylor … 65

„Eine andere Welt ist wirklich“: Tully … 79

Das Einfache, das leicht zu machen ist: Kymlicka … 85

„Administrativer Artenschutz“: Habermas … 94

Zwei Varianten der feministischen Kritik … 108

Wie real sind Gruppen und Kulturen? ... 119

 

 3. Politik und Erfahrungen … 127

Das Unbehagen in der Multikultur … 128

Kommissionen, Komitees und Konferenzen … 131

Kasuistik und „reasonable accomodation“ … 138

Knabenbeschneidung und Religionsfreiheit … 148

Minderheiten, Volksverhetzung und Redefreiheit … 154

 

4. Die Zukunft der „gemischten Multitude“ … 168

Kultur als Schranke und Ressource … 170

Juden, Muslime, Homosexuelle … 173

Die Rolle der Staatsangehörigkeit … 177

Multikulturalismus oder Interkulturalität? ... 181

 

Anmerkungen … 188

 

Literatur … 192

 

 

Ezli; Özkan; Andreas Langenohl; Valentin Rauer und Claudia Marion Voigtmann (Hg.): Die Integrationsdebatte zwischen Assimilation und Diversität. Grenzziehungen in Theorie, Kunst und Gesellschaft. Bielefeld: transcript, 2013. 376 S., kartoniert, 32.80 Euro. ISBN: 978-3-8376-1888-4.

 

Inhaltsverzeichnis

 

 Özkan Ezli, Andreas Langenohl, Valentin Rauer und Claudia Marion Voigtmann:

Einleitung … 9

 

Debatten und Konzepte der Integration

 

Andreas Langenohl: Dialog im neuen Multikulturalismus. Die Debatte nach der Schweizer Volksabstimmung um den Bau von Minaretten … 25

 

Valentin Rauer: Integrationsdebatten in der deutschen Öffentlichkeit (1947-2012). Ein umstrittenes Konzept zwischen ‚region-building’ und ‚nation-saving’ … 51

 

Thomas Faist: Kulturelle Diversität und soziale Ungleichheiten … 87

 

Anna Amelina: Transnationale Inklusion als ein multilokales Phänomen. Ein Abschied vom Assimilationsparadigma der Migrationsforschung … 119

 

Schauplätze und Verhandlungen von Integration und Diversität

 

Levent Tezcan: Das strittige Kollektiv im Kontext eines Repräsentationsregimes. Kontroversen auf der Deutschen Islam Konferenz (2006-2009) … 159

 

Özkan Ezli: Narrative der Integration und Assimilation im Film … 189

 

Katja Schneider: Assimilation und Integration aus der Perspektive der Rechtswissenschaft … 213

 

Cornelia Ruhe: Schreiben gegen die Unsichtbarkeit. Der Roman En famille von Marie NDiaye … 241

 

Im Spiegel der Zeit

 

Paula Wojcik: „Ein Abstraktum ohne gesellschaftliche und geschichtliche Bindung“. Jüdische Assimilation im literarischen Diskurs in ihren Anfängen und heute … 263

 

Charlton Payne: Die Assimilation deutscher Flüchtlinge in die/der Gegenwartskultur. Intransitives Erzählen von Familiengeschichten der Assimilation in Hans-Ulrich Treichels Der Verlorene und Christoph Heins Landnahme … 287

 

Nicole Falkenhayner: Dissimilation. Wissen um britische Muslime in der War-on-Terror-Dekade … 319

 

Claudia Marion Voigtmann: Generationenwechsel. Perspektivenwechsel … 349

 

Autorinnen und Autoren … 367

 

 

Old ideas - new perspectives. Debates on multiculturalism and integration

Both the study Der Skandal der Vielfalt and the anthology Die Integrationsdebatte zwischen Assimilation und Diversität elaborate on important concepts and debates concerning questions of diversity and cultural differences. The monograph traces the development of multiculturalism, while the anthology provides insights into the discourse of integration. Both complement each other very well and offer a profound overview.

 


© bei der Autorin und bei KULT_online